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Donnerstag, 4. Juni 2020

Hans Chr. Andersen: Das hässliche junge Entlein - Text und Analyse


Andersen: Das hässliche junge Entlein (= Die hässliche Ente; Das hässliche Entlein; Das hässliche Entenküken)

Es war herrlich draußen auf dem Land. Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün; das Heu lag unten auf den Wiesen in großen Haufen gebündelt, und der Storch ging auf seinen langen roten Beinen und plapperte ägyptisch; denn diese Sprache hatte er von seiner Frau Mutter gelernt. Rings um die Äcker und die Wiesen standen große Wälder und mitten in den Wäldern lagen tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem Land!
Dort lag im Sonnenschein ein altes Landgut, von tiefen Kanälen umgeben. Von der Mauer bis zum Wasser hinunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch wuchsen, dass kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war darin ebenso wild durcheinander wie im tiefsten Wald. Hier saß eine Ente auf ihrem Nest, welche ihre Eier ausbrüten musste; aber sie war es fast satt, weil es gar zu lange dauerte und sie selten Besuch bekam – die anderen Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als sich unter ein Klettenblatt zu setzen und mit ihr zu schnattern.
Endlich platzte ein Ei nach dem anderen; »Piep! piep!« sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten die Köpfe heraus. »Rapp! Rapp!« rief sie; und so rappelten sich alle nach Kräften und schauten nach allen Seiten unter den grünen Blättern umher; und die Mutter ließ sie gucken, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen. »Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen, denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz als vorher, als sie noch im Ei lagen. »Glaubt ihr, dass dies die ganze Welt ist?« fragte die Mutter; »die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, bis hinein in des Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen. – Ihr seid doch alle beisammen?« fuhr sie fort und stand auf. »Nein, ich habe noch nicht alle; das größte Ei liegt noch da. Wie lange soll das denn noch dauern? Ich bin es bald leid!« Und dann setzt sie sich wieder auf das Ei.
»Nun, wie geht es?« fragte eine alte Ente, welche zu Besuch kam. »Es dauert recht lange mit dem einen Ei«, antwortete die Ente, die darauf saß; »es will nicht platzen. Doch sieh dir nur die anderen an; es sind die niedlichsten Entchen, die ich je gesehen habe! Sie gleichen alle ihrem Vater; der Taugenichts – er kommt mich nicht einmal besuchen.« »Lass mich das Ei sehen, welches nicht platzen will«, sagte die Alte. »Verlass dich darauf, es ist ein Putenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine große Not mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser. Ich konnte sie nicht hineinbringen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. Lass mich das große Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei. Lass es liegen und lehre lieber die anderen Kleinen schwimmen.« »Ich will doch noch ein bisschen darauf sitzen«, sagte die Ente; »habe ich nun so lange gesessen, dann kommt es auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht an. »Wie du willst«, sagte die alte Ente und ging davon.
Endlich platze das Ei. »Piep! piep!« sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß und hässlich. Die Ente betrachtete es: »Es ist ein außerordentlich großes Entchen«, sagte sie, »keines von den andern sieht so aus. Sollte es doch ein Putenküken sein? Nun, wir werden bald dahinterkommen; ins Wasser muss es, müsste ich es auch selbst hineinstoßen!«
Am nächsten Tag war herrliches Wetter; die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Mutter Ente ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanal hinunter. Platsch! da sprang sie ins Wasser. »Rapp! rapp!« rief sie, und ein Entchen nach dem andern plumpste hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopf zusammen, aber sie kamen gleich wieder hoch und schwammen ganz prächtig; die Beine gingen von selbst, alle waren sie im Wasser, selbst das hässliche graue Junge schwamm mit.
»Nein, es ist kein Puter«, sagte sie; »sieh doch einer, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält, es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es auch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp! rapp! Kommt nur mit mir, ich werde euch die Welt zeigen und euch im Entenhof vorstellen; aber haltet euch immer in meiner Nähe, damit euch niemand tritt, und nehmt euch vor den Katzen in Acht!«
Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn zwei Familien stritten sich um den Kopf eines toten Aals, und am Ende bekam ihn doch die Katze.
»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte Mutter Ente und schnappte mit dem Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Gebraucht nun eure Beine«, sagte sie; »seht zu, dass ihr euch beeilt, und neigt euren Hals vor der alten Ente dort. Sie ist die vornehmste von allen hier; sie hat spanische Vorfahren, deshalb ist sie so dick. Und seht ihr: Sie hat einen roten Lappen um das Bein; das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche eine Ente erhalten kann. Das bedeutet, dass man sie nicht verlieren will und dass sie von Tieren und Menschen erkannt werden soll! Die Füße nicht einwärts! Ein wohlerzogenes Entchen setzt die Füße weit auseinander, gerade wie Vater und Mutter. Seht, so! Nun neigt euren Hals und sagt ‚Rapp‘.«
Und das taten sie; aber die andern Enten ringsumher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Seht euch das an! Nun sollen wir den Schwarm auch noch aufnehmen – als ob wir nicht so schon genug wären! Und pfui! Wie hässlich das eine aussieht, das wollen wir nicht bei uns dulden!« Und sogleich flog eine Ente hin und biss es in den Nacken. »Lass es in Ruhe!« sagte die Mutter; »es tut ja niemandem etwas.« »Ja, aber es ist so groß und sonderbar«, sagte die Ente, welche es gebissen hatte; »deshalb muss es geknufft werden.«
»Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat«, sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein; »alle schön, bis auf das eine, das ist misslungen; ich wollte, dass sie es umgestalten könnte.« »Das geht nicht, Ihro Gnaden«, sagte Mutter Ente; »es ist nicht hübsch, aber ein herzensgutes Kind und schwimmt so herrlich wie die anderen, ja, ich darf sagen, noch etwas besser. Ich denke, es wird ordentlich heranwachsen und mit der Zeit vielleicht etwas kleiner werden; es hat zu lange im Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen.« Und sie zupfte es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist außerdem ein Enterich«, meinte sie, »darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen und sich schon durchschlagen.« »Die anderen Entchen sind niedlich«, sagte die Alte; »tut nun, als ob ihr zu Hause wärt, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr ihn mir bringen.« Und so waren sie hier wie zu Hause.
Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und ausgelacht, sowohl von den Enten wie von den Hühnern. »Es ist zu groß!« sagten alle, und der Puter, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, dass er Kaiser sei, machte sich breit wie ein Schiff mit vollen Segeln und ging gerade auf das hässliche Entchen los; dann kollerte er und wurde ganz rot am Kopf. Das Entchen wusste nicht, wo es stehen oder gehen sollte; es war so betrübt, weil es hässlich aussah und vom ganzen Entenhof verspottet wurde.
So ging es am ersten Tag, und später wurde es noch schlimmer. Das arme Entchen wurde von allen gejagt; selbst seine Schwestern waren ganz böse gegen es und sagten immer: »Wenn dich die Katze nur finge, du hässliches Geschöpf!« Die Mutter stöhnte: »Wenn du nur weit fort wärst!« Und die Enten bissen es, die Hühner hackten nach ihm und das Mädchen, welches die Tiere füttern sollte, stieß mit den Füßen nach ihm.
Da lief es weg und flog über den Zaun; die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken davon. »Das geschieht, weil ich so hässlich bin«, dachte das Entchen und schloss die Augen, lief aber trotzdem weiter; so kam es hinaus zu einem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht; es war nämlich müde und traurig.
Gegen Morgen flogen die wilden Enten auf und erblickten den neuen Kameraden. »Was bist du für einer?« fragten sie; das Entchen wendete sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte. »Du bist außerordentlich hässlich«, sagten die wilden Enten; aber das kann uns egal sein, wenn du nur nicht in unsere Familie einheiratest.« Das Arme! Es dachte wirklich nicht daran, sich zu verheiraten; es wollte nur die Erlaubnis erhalten, im Schilf zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.
So lag es zwei ganze Tage; dann kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche, die erst vor kurzem aus dem Ei gekrochen waren; deshalb waren sie auch etwas vorlaut. »Höre, Kamerad«, sagten sie, »du bist so hässlich, dass wir dich gut leiden mögen; willst du mit uns kommen und Zugvogel werden? Hier nebenan in einem andern Moor gibt es einige süße, liebliche wilde Gänse, schöne Fräuleins, die alle ‚Rapp!‘ sagen können. Du bist imstande, dein Glück dort zu machen, so hässlich bist du!«
»Piff! Paff!« ertönte es im gleichen Augenblick; beide wilde Gänseriche fielen tot ins Schilf und das Wasser wurde blutrot. »Piff! Paff!« erscholl es wieder und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem Schilf auf. Und dann knallte es wieder. Es war große Jagd, die Jäger lagen rings um das Moor herum; ja, einige saßen oben in den Bäumen, welche sich weit über das Schilfrohr erstreckten. Der blaue Dampf zog wie eine Wolke in die dunkeln Bäume hinein und weit über das Wasser hin; im Moor suchten die Jagdhunde die Beute. Platsch, Platsch, das Schilf und das Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entchen. Es drehte den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht vor ihm; die Zunge hing dem Tier lang aus dem Hals heraus, und die Augen funkelten gräulich hässlich. Er steckte seine Schnauze dem Entchen entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – – Platsch, Platsch! ging er wieder, ohne es zu packen. »O, Gott sei Dank!« seufzte das Entchen; »ich bin so hässlich, dass selbst der Hund mich nicht beißen mag.« Und dann lag es ganz still, während die Schrotkugeln durch das Schilf sausten und Schuss auf Schuss knallte.
Erst spät am Tag wurde es ruhig; aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moor, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese; da tobte ein solcher Sturm, dass es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen. Gegen Abend erreichte es eine kleine armselige Bauernhütte; die war so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen sollte, und darum blieb sie stehen. Der Sturm sauste so um das Entchen, dass es sich setzen musste, um sich dagegen zu stemmen, und es wurde schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, dass die Tür aus der einen Angel gegangen war und so schief hing, dass es durch die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das tat es.
Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Der Kater, den sie »Söhnchen« nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren; er sprühte sogar Funken, aber dafür musste man ihn gegen das Haar streicheln. Die Henne hatte ganz kurze niedrige Beine, und deshalb wurde sie »Küken-Kurzbein« genannt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entchen; und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.
»Was gibt‘s da?« fragte die Frau und sah sich rings um; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, das Entchen sei eine fette Ente, die sich verirrt hätte. »Das ist ja ein seltener Fang!« sagte sie. »Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir noch ausprobieren.« Und so wurde das Entchen für drei Wochen auf Probe angenommen; aber es kamen keine Eier heraus.
Der Kater war Herr im Haus, und die Henne war die Dame. Immer sagten sie: »Wir und die Welt!« Denn sie glaubten, sie seien die Hälfte der Welt, und zwar die bei weitem bessere Hälfte. Das Entchen glaubte, dass man auch eine andere Meinung haben könnte; aber das duldete die Henne nicht. »Kannst du Eier legen?« fragte sie. »Nein!« »Nun, dann wirst du die Güte haben, den Mund zu halten.« Und der Kater fragte: »Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?« »Nein.« »So darfst du auch keine Meinung äußern, wenn vernünftige Leute sprechen!« Und das Entchen saß im Winkel und hatte schlechte Laune.
Da fiel ihm die frische Luft und der Sonnenschein ein; es bekam gleich so eine sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen. »Was fällt dir ein?« fragte die. »Du hast nichts zu tun, deshalb kommst du auf seltsame Gedanken! Lege Eier oder schnurre, dann verschwinden sie von selbst.« »Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen«, sagte das Entchen, »so herrlich, wenn es über dem Kopf zusammenschlägt und man auf den Grund tauchen kann!« »Ja, das ist ein tolles Vergnügen!« sagte die Henne. »Du bist wohl verrückt geworden! Frage den Kater – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne – ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen. Von mir will ich überhaupt nicht sprechen. Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist niemand auf der Welt! Glaubst du, dass die Lust hat, zu schwimmen und das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen?«
»Ihr versteht mich nicht«, sagte das Entchen. »Wir verstehen dich nicht? Wer soll dich denn verstehen? Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater oder die Frau – von mir will ich nicht reden. Bilde dir nichts ein, Kind! Und danke deinem Schöpfer für all das Gute, was man dir erwiesen hat! Bist du nicht in eine warme Stube gekommen und hast du nicht Gesellschaft, von der du etwas lernen kannst? Aber du redest dummes Zeug, und es ist nicht angenehm, mit dir umzugehen. Mir kannst du glauben, ich meine es gut mit dir. Ich sage dir Unangenehmes, daran kann man seine wahren Freunde erkennen. Gib dir einfach Mühe, Eier zu legen oder schnurren zu lernen!«
»Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt«, sagte das Entchen. »Ja, tue das!« sagte die Henne. Und das Entchen ging; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Hässlichkeit nicht beachtet.
Nun kam der Herbst; die Blätter im Wald wurden gelb und braun; der Wind fasste sie, so dass sie umhertanzten, und oben in der Luft war es kalt. Die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken; und auf dem Zaun saß der Rabe und schrie »Rab! Rab!« vor lauter Kälte. Ja, es fror einen schon, wenn man auch nur an das Wetter dachte. Dem armen Entchen ging es wahrlich nicht gut!
Eines Abends – die Sonne ging schön unter – kam ein ganzer Schwarm herrlicher großer Vögel aus dem Busch; das Entchen hatte nie so etwas Schönes gesehen. Sie waren blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen; es waren Schwäne. Sie stießen einen sonderbaren Laut aus, breiteten ihre prächtigen langen Flügel aus und flogen aus der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen. Sie stiegen hoch, so hoch, und dem hässlichen jungen Entlein wurde gar sonderbar zumute. Es drehte sich im Wasser um wie ein Rad, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen und stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, dass ihm selbst bange dabei wurde. Ach, es konnte die schönen glücklichen Vögel nicht vergessen; und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es unter bis auf den Grund, und als es wieder heraufkam, war es beinahe außer sich. Es wusste nicht, wie diese Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flogen; aber doch es liebte sie, wie es noch nie jemanden geliebt hatte. Es beneidete sie aber nicht – wie hätte es ihm einfallen können, sich solche Schönheit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur bei sich geduldet hätten, das arme hässliche Tier.
Und im Winter wurde es kalt, so kalt! Die Ente musste auf dem Wasser umherschwimmen, um es offenzuhalten; aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem sie schwamm, etwas kleiner. Es fror so so stark, dass es in der Eisdecke knackte; die Ente musste fortwährend ihre Beine gebrauchen, damit das Wasserloch sich nicht schloss. Zuletzt wurde sie matt, lag ganz still und fror endlich im Eis fest.
Des Morgens früh kam ein Bauer; als er sie sah, schlug er mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug die Ente heim zu seiner Frau.
Da lebte sie wieder auf. Die Kinder wollten mit ihr spielen; aber die Ente glaubte, sie wollten ihr etwas zuleide tun, und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, so dass die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfass, dann hinunter in die Mehltonne und wieder heraus flog. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange nach ihr; die Kinder rannten einander über den Haufen, um die Ente zu fangen; sie lachten und schrien. Gut war es, dass die Tür offen stand und sie zwischen die Büsche in den frischgefallenen Schnee schlüpfen konnte; dort lag sie ganz ermattet.
Es wäre zu traurig, von all der Not und dem Elend zu erzählen, welches die Ente in diesem harten Winter erdulden musste. Sie lag im Moor zwischen dem Schilf, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen, der Frühling war wieder da.
Da konnte die Ente auf einmal ihre Flügel schwingen; sie schlugen stärker als früher und trugen sie kräftig davon; und ehe sie es recht wusste, befand sie sich in einem großen Garten, wo die Apfelbäume in der Blüte standen, wo der Flieder duftete und seine langen Zweige bis zu den Kanälen hinunterneigte, die sich durch die Wiese wanden. O, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickicht kamen drei prächtige weiße Schwäne; sie brausten mit den Federn und schwammen so leicht auf dem Wasser. Die Ente kannte die prächtigen Tiere und wurde von einer wunderbaren Wehmut ergriffen.
»Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich totschlagen, weil ich, so ein hässliches Tier, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist einerlei! Besser, von ihnen getötet als von den Enten gezwackt, von den Hühnern gepickt, oder von dem Mädchen, welches die Hühner füttert, getreten zu werden und im Winter zu hungern und zu frieren!« Und sie flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen; diese erblickten sie und schossen mit gesträubtem Gefieder auf sie los. »Tötet mich nur«, sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. Doch was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah unter sich sein eigenes Bild – aber das war kein plumper schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und widerlich, sondern selbst ein Schwan. - Es schadet nichts, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!
Das Tier fühlte sich ordentlich erhoben über all die Not und die Drangsal, welche es erduldet hatte. Nun erkannte es erst recht sein Glück und all die Herzlichkeit, die ihm begegnete. Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel.
Da kamen einige kleine Kinder in den Garten. Sie warfen Brot und Körner in das Wasser, und das kleinste rief: »Da ist ein neuer!« Und die andern Kinder jubelten mit: »Ja, es ist ein neuer angekommen!« Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen, und alle sagten: »Der neue Schwan ist der schönste: So jung und so herrlich!« Und die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.
Da fühlte er sich so beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel; er wusste selbst nicht, was er beginnen sollte, er war allzu glücklich, aber doch nicht stolz, denn ein gutes Herz wird nie stolz. Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war, und hörte nun alle sagen, dass er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog seine Zweige gerade zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien so warm und so mild! Da sträubte er sein Gefieder, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entchen war!«

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich auf verschiedene Übersetzungen zurückgegriffen. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/01/andersen-das-hassliche-junge-entlein-kurze-analyse/

Mittwoch, 3. Juni 2020

Hans Chr. Andersen: Das Feuerzeug - Text und Analyse

Hans Christian Andersen: Das Feuerzeug
Ein Soldat marschierte auf der Landstraße vor sich hin: Eins, zwei! Eins, zwei! Er hatte seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite, denn er war im Krieg gewesen und wollte nun heim. Da traf er unterwegs eine alte Hexe. Sie war potthässlich, ihre Unterlippe hing ihr bis auf die Brust hinab. Sie sagte: »Guten Abend, Soldat! Was für einen schönen Säbel du hast und was für einen großen Tornister! Du bist ein richtiger Soldat.« »Schönen Dank, alte Hexe!« sagte der Soldat.
»Hör zu, du kannst du so viel Geld bekommen, wie du willst. Siehst du dort den großen Baum?« fragte die Hexe und zeigte auf einen Baum an der Straße. »Er ist innen ganz hohl. Auf den sollst du hinaufklettern bis zur Spitze; dann siehst du ein Loch, durch welches du dich hinablassen und durch den Baum hinunterkommen kannst. Ich werde dir einen Strick um den Leib binden, damit ich dich wieder heraufziehen kann, sobald du mich rufst.«
»Was soll ich denn unten im Baum?« fragte der Soldat. »Geld holen!« sagte die Hexe. »Du musst wissen, wenn du auf dem Grund des Baumes ankommst, so stehst du in einem langen Gang; da ist es ganz hell, denn es brennen über hundert Lampen dort. Dann siehst du drei Türen. Du kannst sie aufschließen, der Schlüssel steckt darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, siehst du mitten auf dem Fußboden eine große Kiste, auf der ein Hund sitzt; er hat Augen so groß wie ein Paar Teetassen, doch darum brauchst du dich nicht zu kümmern. Ich gebe dir meine blaukarierte Schürze, die kannst du auf dem Fußboden ausbreiten; geh dann rasch hin und nimm den Hund, setze ihn auf meine Schürze, schließe die Kiste auf und nimm so viel Geld, wie du willst; es sind lauter Kupfermünzen. Wenn du aber lieber Silber haben willst, musst du in das nächste Zimmer gehen; dort sitzt ein Hund, der hat ein Paar Augen so groß wie Mühlräder; aber darum brauchst du dich nicht zu kümmern, setze ihn auf meine Schürze und nimm dir von dem Geld. Willst du hingegen Gold haben, so kannst du es auch bekommen, und zwar so viel, wie du zu tragen vermagst, wenn du in die dritte Kammer hineingehst. Aber der Hund, der hier auf der Geldkiste sitzt, hat Augen so groß wie der Runde Turm in Kopenhagen. Das ist ein unheimlich großer Hund, kannst du mir glauben. Aber darum sollst du dich nicht kümmern! Setze ihn nur auf meine Schürze, dann tut er dir nichts, und nimm dir aus der Kiste so viel Gold, wie du willst.«
»Nicht übel«, sagte der Soldat. »Aber was soll ich dir geben, alte Hexe? Denn etwas willst du doch auch wohl haben, denke ich.« »Nein«, sagte die Hexe, »nicht einen einzigen Cent will ich haben! Für mich sollst du nur ein altes Feuerzeug nehmen, das meine Großmutter vergessen hat, als sie das letzte Mal unten war.« »Gut, dann lege mir den Strick um den Leib!« sprach der Soldat. »Hier ist er«, erwiderte die Hexe, »und hier ist meine blaukarierte Schürze.«
So kletterte der Soldat denn den Baum hinauf, ließ sich durch das Loch hinuntergleiten und stand bald unten, wie die Hexe es gesagt hatte, in dem großen Gang, wo die vielen hundert Lampen brannten.
Nun schloss er die erste Tür auf. Uh! da saß der Hund mit Augen so groß wie Teetassen und glotzte ihn an. »Du bist mir ja ein netter Kerl«, sagte der Soldat, setzte ihn auf die Schürze der Hexe und nahm so viel Kupfermünzen, wie in seine Taschen hineingehen wollten, schloss dann die Kiste, setzte den Hund wieder darauf und ging in das andere Zimmer.
Donnerwetter! da saß der Hund mit den Augen so groß wie Mühlräder. »Glotz mich nicht so an«, sagte der Soldat, »du könntest Augenschmerzen bekommen!« und setzte den Hund auf die Schürze der Hexe. Doch als er das viele Silber in der Kiste sah, warf er alles Kupfergeld fort, was er hatte, und füllte seine Taschen und den Tornister mit dem Silbergeld. 
Nun ging er in die dritte Kammer. Nein, war das schrecklich! Der Hund darin hatte wirklich Augen so groß wie der Runde Turm, und die rollten gerade wie eine Windmühle im Kopf herum. »Guten Abend!« sagte der Soldat und griff zum Gruß an seine Mütze, denn solch einen Hund hatte er noch niemals gesehen; aber als er ihn eine Weile bestaunt hatte, dachte er: »Nun genügt es eigentlich«, setzte ihn auf die Schürze am Boden und schloss die Kiste auf. Gott bewahre, lag da eine Menge Gold, ganz Kopenhagen hätte er dafür kaufen können und außerdem noch alle Marzipanferkel des Konditors, alle Zinnsoldaten, Roller und Spielkonsolen der ganzen Welt! Ja, das war wirklich ordentlich Geld! Nun warf der Soldat alle Silberstücke, mit denen er seine Taschen und den Tornister gefüllt hatte, fort und nahm dafür Gold. Er stopfte seine Taschen so voll damit, dass er kaum laufen konnte. Nun hatte er Geld genug! Den Hund setzte er wieder auf die Kiste, schlug die Tür zu und rief dann durch den Baum hinauf: »Zieh mich nun hinauf, alte Hexe!«
»Hast du auch das Feuerzeug mit?« fragte die Hexe. »Wahrhaftig«, sagte der Soldat, »das habe ich glatt vergessen«; und er ging zurück und nahm es an sich. Die Hexe zog ihn hinauf, da stand er wieder auf der Landstraße: die Taschen, die Stiefel, den Tornister und die Mütze voll Gold.
»Was willst du eigentlich mit dem Feuerzeug?« fragte er die Hexe. »Das geht dich nichts an«, sagte diese, »du hast ja Geld bekommen, gib mir jetzt nur das Feuerzeug!«
»Schnickschnack«, sagte der Soldat, »willst du mir nicht sofort sagen, was du damit willst, dann ziehe ich meinen Säbel und haue dir den Kopf ab!« »Nein!« antwortete die Hexe.
Da schlug ihr der Soldat den Kopf ab. Nun lag sie da! Er aber band all sein Geld in ihre Schürze, nahm diese wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug in die Tasche und machte sich auf den Weg in die Stadt.
Es war eine prächtige Stadt; im vornehmsten Hotel kehrte er ein und verlangte die allerbesten Zimmer und seine Leibgerichte, denn nun war er reich, da er so viel Gold hatte. Dem Diener, der seine Stiefel putzen sollte, schienen es für einen so reichen Herrn eigentlich recht erbärmliche alte Stiefel zu sein – er hatte sich nämlich noch keine neuen gekauft. Am nächsten Tag kaufte er sich Stiefel, mit denen er sich sehen lassen konnte, und die elegantesten Anzüge. Der Soldat war ein vornehmer Herr geworden und man erzählte ihm von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, von ihrem König und seiner überaus reizenden Tochter, der Prinzessin.
»Wo kann man sie zu sehen bekommen?« fragte der Soldat. »Man kann sie überhaupt nicht zu sehen bekommen«, erwiderte man ihm, »sie lebt in einem großen Schloss aus Kupfer mit vielen, vielen Mauern und Türmen drumherum. Niemand außer dem König darf bei ihr aus- und eingehen; denn es ist geweissagt worden, dass sie einen ganz gewöhnlichen Soldaten heiraten wird, und das will der König nicht zulassen.« »Ich möchte sie wohl sehen«, dachte der Soldat, aber dazu konnte er leider keine Erlaubnis bekommen.
Nun lebte er lustig drauf los, ging ins Theater, fuhr in des Königs Park und gab den Armen viel Geld, und das war wohlgetan; er wusste ja noch aus alten Tagen, wie schlimm es ist, nicht einen Schilling zu besitzen. Er war jetzt reich, hatte schöne Kleider und gewann viele Freunde, die alle sagten, er wäre ein feiner Kerl, ein richtiger Kavalier; das gefiel dem Soldaten. Aber da er jeden Tag großzügig Geld ausgab und nie neues hereinkam, hatte er zuletzt nicht mehr als zwei Schillinge übrig. Er musste die schönen Zimmer, die er bewohnte, räumen und in eine kleine Kammer oben unter dem Dach ziehen; seine Stiefel durfte er nun selbst bürsten und sie mit einer Stopfnadel zusammenflicken, und keiner von seinen Freunden kam noch zu ihm, denn es waren so viele Treppen zur Dachkammer hinaufzusteigen.
Es war ein ganz dunkler Abend und er konnte sich nicht einmal eine Kerze kaufen. Da fiel ihm ein, dass in dem Feuerzeug, das er aus dem hohlen Baum mitgebracht hatte, in welchen ihn die Hexe geschickt hatte, ein kleiner Docht steckte. Er holte das Feuerzeug mit dem Docht hervor; im gleichen Augenblick, als er Feuer schlug und die Funken aus dem Stein stoben, sprang die Tür auf und der Hund mit den Augen so groß wie Teetassen, den er unter dem Baum getroffen hatte, stand vor ihm und fragte: »Was befiehlt mein Herr?«
»Was ist das denn?« staunte der Soldat, »das ist ja ein lustiges Feuerzeug, womit ich bekommen kann, was ich haben will. Verschaffe mir etwas Geld!« befahl er dem Hund, und wupp, war der fort und wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in seiner Schnauze.
Nun wusste der Soldat, was für ein wunderbares Feuerzeug das war. Schlug er einmal Feuer, so kam der Hund, der auf der Kiste mit Kupfergeld gesessen hatte; schlug er zweimal, so kam der, der das Silbergeld bewacht hatte, und schlug er dreimal, so kam der, der beim Gold gesessen hatte. Nun zog der Soldat wieder in die hübschen Zimmer hinunter und zeigte sich in guten Kleidern; da erkannten ihn alle seine Freunde sofort wieder, sie hielten nämlich große Stücke von ihm.
Da dachte er auf einmal: Es ist doch komisch, dass man die Prinzessin nicht zu sehen bekommen kann. Sie soll wunderschön sein, sagen alle; aber was hilft das, wenn sie immer in dem großen Kupferschloss mit den vielen Türmen sitzen muss? – Kann ich sie denn gar nicht zu sehen bekommen? – Wo ist denn mein Feuerzeug? Dann schlug er Feuer und wupp, kam der Hund mit den Augen so groß wie Teetassen.
»Es ist freilich mitten in der Nacht«, sagte der Soldat, »aber ich möchte so gern einmal die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick.« Der Hund war sofort zur Tür hinaus, und ehe der Soldat es gedacht hatte, kam er mit der Prinzessin wieder. Sie saß auf dem Rücken des Hundes und schlief und war so schön, dass man auf den ersten Blick sehen konnte, dass es eine richtige Prinzessin war. Der Soldat konnte nicht anders, er musste sie küssen; denn er war nun einmal ein echter Soldat.
Der Hund lief nun mit der Prinzessin wieder zurück; aber als am Morgen der König und die Königin Tee tranken, sagte die Prinzessin, sie habe in der Nacht Seltsames von einem Hund und einem Soldaten geträumt: Sie wäre auf dem Hund geritten und der Soldat hätte sie geküsst. »Das wäre ja eine schöne Bescherung!« sagte die Königin. Deshalb sollte eine von den alten Hofdamen die nächste Nacht am Bett der Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es wirklich nur ein Traum wäre oder was es sonst sein könnte.
Am Abend sehnte sich der Soldat schrecklich danach, die schöne Prinzessin wiederzusehen, und so kam denn der Hund in der Nacht, nahm sie und lief, so schnell er konnte, zurück; doch die alte Hofdame zog Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterher. Als sie nun sah, dass die beiden in einem großen Haus verschwanden, dachte sie: »Jetzt weiß ich, wo es ist«, und malte mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz auf die Tür. Dann ging sie nach Hause und legte sich ins Bett, und der Hund kam auch mit der Prinzessin wieder; als er aber sah, dass ein großes Kreuz auf die Tür gemalt war, wo der Soldat wohnte, nahm er ebenfalls ein Stück Kreide und machte Kreuze auf alle Türen in der Stadt; das war eine gute Idee, denn nun konnte die Hofdame nicht die richtige Tür finden, weil auf allen Kreuze waren.
Frühmorgens kamen der König und die Königin, die alte Hofdame und alle Offiziere zusammen, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war. »Da ist es!« sagte der König, als er die erste Tür mit einem Kreuz sah. »Nein, dort ist es, mein lieber Mann«, sagte die Königin, als sie die zweite Tür mit einem Kreuz erblickte. »Aber hier ist eins und dort ist auch eins«, riefen alle; wohin sie sahen, waren Kreuze auf den Türen. Da mussten sie einsehen, dass ihnen das Suchen nichts nützte.
Doch die Königin war eine wirklich kluge Frau, die mehr konnte als bloß in einer Kutsche fahren. Sie nahm ihre goldene Schere, schnitt ein großes Stück Seidenzeug in Stücke und nähte daraus einen kleinen niedlichen Beutel; den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze. Sie band ihn am Abend der Prinzessin auf den Rücken, und als das getan war, schnitt sie ein kleines Loch in den Beutel, so dass die Grütze auf dem Weg verstreut werden müsste, den die Prinzessin nähme.
In der Nacht kam nun der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf seinen Rücken und lief mit ihr zu dem Soldaten hin, der sie lieb gewonnen hatte und so gern ein Prinz gewesen wäre, um sie zur Frau zu bekommen. Der Hund merkte jedoch nicht, wie die Grütze den ganzen Weg vom Schloss bis zum Haus des Soldaten aus dem Beutel herausrieselte, und lief mit der Prinzessin auf dem Rücken die Mauer hinauf. Am Morgen konnten der König und die Königin daher an den Spuren genau sehen, wo ihre Tochter gewesen war. Sie nahmen den Soldaten fest und sperrten ihn ins Gefängnis.
Da saß er nun. Hu, wie dunkel und langweilig war es dort! Außerdem sagte man zu ihm: »Morgen wirst du aufgehängt.« Das war nicht eben erfreulich zu hören, und zudem hatte er sein Feuerzeug zu Hause im Hotel vergessen. Am Morgen konnte er durch die eisernen Stangen vor dem kleinen Fenster sehen, wie das Volk aus der Stadt herbeieilte, um ihn hängen zu sehen. Er hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Das ganze Volk war unterwegs; darunter war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und Pantoffeln, der es so eilig hatte, dass ihm ein Pantoffel wegflog – gerade gegen die Mauer, wo der Soldat saß und zwischen den Eisenstangen hinausguckte.
»He, Schusterjunge! Du brauchst nicht so zu rennen, es wird aus dem Spektakel nichts, bis ich komme. Willst du nicht zu meiner Wohnung laufen und mir mein Feuerzeug holen? Dafür sollst du auch vier Schillinge kriegen, aber du musst dich beeilen!« Der Schusterjunge wollte gern die vier Schillinge haben, lief schnell fort nach dem Feuerzeug, gab es dem Soldaten, und – nun ja, wir werden es hören!
Draußen vor der Stadt war ein großer Galgen errichtet. Ringsum standen Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die Königin saßen auf einem prächtigen Thron, den Richtern und dem ganzen Rat gerade gegenüber.
Der Soldat stand schon oben auf der Leiter, und als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, brachte er vor, dass man doch stets einem armen Sünder, bevor er seine Strafe erleide, einen unschuldigen Wunsch erfüllte; er wolle gern noch eine Pfeife Tabak rauchen – die letzte Pfeife, die er in dieser Welt genießen könnte. Dazu konnte der König nicht Nein sagen; da nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer, ein-, zwei-, dreimal. Und alle Hunde standen da, der mit Augen so groß wie Teetassen, der mit Augen so groß wie Mühlräder und der dritte, der Augen so groß wie der Runde Turm hatte.
»Helft mir nun, dass ich nicht gehängt werde!« rief der Soldat, und die Hunde fuhren auf die Richter und den ganzen Rat los, packten den einen bei den Beinen, den andern an der Nase und warfen sie hoch in die Luft, so dass sie beim Herunterfallen zerplatzten.
»Ich will nicht!« schrie der König, aber der größte Hund nahm beide, ihn und die Königin, und warf sie den anderen hinterher. Da erschraken die Soldaten, und alles Volk rief: »Lieber Soldat, du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin zur Frau haben!«
Dann setzten sie den Soldaten in des Königs Kutsche, und alle drei Hunde sprangen voran und riefen »Hurra!« und die Jungen pfiffen auf den Fingern und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schloss heraus und wurde Königin, und das gefiel ihr ausgezeichnet. Die Hochzeit dauerte acht Tage, und die Hunde saßen mit am Tische und machten große Augen.

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich mich teilweise auf Eva-Maria Blühms und Paul Arndts Übersetzung gestützt. Eine Analyse steht hier: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/07/andersen-das-feuerzeug-kurze-analyse/

Dienstag, 2. Juni 2020

Hans Chr. Andersen: Tölpel-Hans - Text und Analyse

Andersen: Tölpel-Hans
Tief im Innern des Landes lag ein alter Herrenhof; dort saß ein Gutsherr, der zwei Söhne hatte, die sich für so pfiffig und gewitzt hielten, dass die Hälfte davon fürs ganze Leben gereicht hätte. Sie wollten um die Königstochter freien; denn die hatte öffentlich bekannt machen lassen, sie wolle den zum Ehegemahl nehmen, der sich am klügsten mit ihr zu unterhalten wisse.
Die beiden bereiteten sich nun volle acht Tage darauf vor; mehr Zeit brauchten sie nicht, denn sie hatten Vorkenntnisse, und wie nützlich so etwas ist, weiß jedermann. Der eine kannte das ganze lateinische Wörterbuch und nebenbei auch noch drei Jahrgänge vom Tageblatt des Städtchens auswendig, und zwar so, dass er alles je nach Wunsch vorwärts oder rückwärts aufsagen konnte. Der andere hatte sich in die Betriebswirtschaft eingearbeitet und wusste auswendig, was jeder Handwerksmeister wissen muss, weshalb er meinte, er könne auch bei Staatsangelegenheiten mitreden und seinen Senf dazugeben. Außerdem konnte er noch etwas: Er konnte Hosenträger mit Rosen und anderen Blümchen und Schnörkeln besticken, denn er hatte geschickte Hände und Fingerspitzengefühl.
»Ich bekomme die Königstochter!« riefen sie alle beide; deshalb schenkte der alte Vater einem jeden von ihnen ein stattliches Pferd. Derjenige, welcher das Wörterbuch und die Zeitung auswendig wusste, bekam einen Rappen; der in Betriebswirtschaft Belesene erhielt ein schneeweißes Pferd. Dann schmierten sie sich die Mundwinkel mit Fischtran ein, damit diese recht geschmeidig würden und sie gut reden könnten. Das ganze Gesinde stand unten im Hof und war Zeuge, wie sie die Pferde bestiegen; zufällig kam auch der dritte Bruder hinzu – der alte Gutsherr hatte nämlich drei Söhne, aber niemand zählte diesen dritten mit zu den Brüdern, weil er nicht so gelehrt wie die anderen war, und man nannte ihn allgemein auch bloß Tölpel-Hans.
»Ei!« sagte Tölpel-Hans, »wo wollt ihr denn hin? Ihr habt euch ja in den Sonntagsstaat geschmissen!«
»Zum Hof des Königs, um die Königstochter durch kluge Reden zu gewinnen! Weißt du denn nicht, was im ganzen Land bekannt gemacht worden ist?« Und nun erzählten sie ihm, worum es bei der Reise ging.
»Donnerwetter! Da bin ich mit von der Partie!« rief Tölpel-Hans, aber die Brüder lachten ihn aus und ritten davon.
»Vater«, rief Tölpel-Hans, »ich muss auch ein Pferd haben! Was ich jetzt für eine Lust zum Heiraten kriege! Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie – kriegen tu ich sie jedenfalls.«
»Lass das Geschwätz!« sagte der Alte, »dir gebe ich kein Pferd. Du kannst ja nicht reden, du weißt deine Worte nicht zu wählen; nein, deine Brüder, das sind ganz andere Kerle als du.«
»Nun«, sagte Tölpel-Hans, »wenn ich kein Pferd bekomme, so nehme ich den Ziegenbock, der gehört mir sowieso, und tragen kann er mich auch.« Gesagt, getan; er setzte sich rittlings auf den Ziegenbock, presste die Hacken in dessen Weichen und sprengte über die Landstraße wie der Sturmwind davon. Hei, hopp! Das war eine Fahrt! »Hier komme ich!« rief Tölpel-Hans und sang, dass es weit und breit widerhallte.
Die Brüder ritten ihm langsam voraus; sie sprachen jedoch kein Wort, denn sie mussten sich die guten Einfälle überlegen, die sie vorbringen wollten; das wollte nämlich alles genau durchdacht sein.
»Hei!« schrie Tölpel-Hans, »hier bin ich! Seht mal, was ich auf der Landstraße gefunden habe!« Und er zeigte ihnen eine tote Krähe, die er aufgehoben hatte.
»Tölpel!« spotteten die Brüder, »was willst du mit der machen?«
»Mit der Krähe? Die will ich der Königstochter schenken.«
»Ja, das tu nur!« lachten sie und ritten weiter.
»Hallo, hallo! Hier bin ich! Seht, was ich jetzt habe, das findet man nicht alle Tage auf der Landstraße!«
Die Brüder kehrten um, damit sie sähen, was er wohl noch haben könnte. »Tölpel!« sagten sie, »das ist ja ein alter Holzschuh, dem dazu noch das Oberteil fehlt; willst du den auch der Königstochter verehren?«
»Natürlich werde ich das«, erwiderte Tölpel-Hans; die Brüder lachten und ritten davon, so gewannen sie vor Hans einen Vorsprung.
»Hallo, hallo! Hier bin ich!« rief Tölpel-Hans; »nein, es wird immer besser! Heißa, nein! Es ist ganz famos!«
»Was hast du denn jetzt?« fragten die Brüder.
»Ach«, sagte Tölpel-Hans, »das hat gar nichts mit Reden zu tun. Aber wie sich die Königstochter darüber freuen wird!«
»Pfui!« sagten die Brüder, »das ist ja reiner Schlamm, unmittelbar aus dem Straßengraben.«
»Ja, das stimmt«, sprach Tölpel-Hans, »und zwar Schlamm von der feinsten Sorte, seht, er läuft einem glatt durch die Finger!« Und dabei füllte er seine Hosentasche mit dem Schlamm.
Nun sprengten die Brüder schnell davon, dass Kies und Funken stoben; deshalb gelangten sie eine ganze Stunde früher als Tölpel-Hans an das Stadttor. An diesem bekamen alle Freier sogleich nach ihrer Ankunft eine Nummer und wurden in Reih und Glied aufgestellt, sechs in jede Reihe und so dicht, dass sie die Arme nicht bewegen konnten; das war sehr weise so angeordnet, denn sie hätten einander sonst wohl das Fell über die Ohren gezogen, bloß weil einer vor dem andern stand.
Das ganze Volk des Landes war rings um das königliche Schloss eng zusammengedrängt, bis an die Fenster hinauf, um mit anzusehen, wie die Königstochter die Freier empfing. Aber komisch, sobald einer von diesen in den Saal trat, verschlug es ihm völlig die Sprache.
»Taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Hinaus mit ihm!« Endlich kam die Reihe an den Bruder, der das Wörterbuch auswendig wusste, aber er wusste es nicht mehr; er hatte es beim langen Stehen in Reih und Glied völlig vergessen. Außerdem knarrten die Fußdielen, und die Zimmerdecke war aus Spiegelglas, so dass er sich selber auf dem Kopf stehen sah; dazu standen an jedem Fenster drei Schreiber und ein Oberschreiber, und jeder schrieb alles auf, was gesprochen wurde, damit es sofort in die Zeitung käme und für einen Silbergroschen an der Straßenecke verkauft werden könnte. Es war entsetzlich, und dabei hatte man zu allem Überfluss dermaßen den Ofen geheizt, dass er rot glühte.
»Hier ist eine entsetzliche Hitze«, begann der Freier das Gespräch. »Das stimmt! Mein Vater brät heute nämlich junge Hähne«, sagte die Königstochter.
»Mäh!« Da stand er wie ein Schaf; auf eine solche Rede war er nicht gefasst; kein Wort wusste er zu sagen, obgleich er doch etwas Witziges hatte sagen wollen.
»Taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Hinaus mit ihm!« Und er musste verschwinden.
Nun trat der zweite Bruder ein.
»Hier ist eine entsetzliche Hitze«, sagte er.
»Jawohl, wir braten heute junge Hähne«, bemerkte die Königstochter. »Wie belie – wie?« fragte er, und die Schreiber notierten: »Wie belie – wie?« »Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Hinaus mit ihm!«
Nun kam Tölpel-Hans dran; er ritt auf dem Ziegenbock geradewegs in den Saal hinein. »Na, das ist doch eine Mordshitze hier!« sagte er.
»Jawohl, ich brate nämlich junge Hähne!« sagte die Königstochter.
»Ei, das trifft sich gut«, erwiderte Tölpel-Hans, »dann kann ich wohl auch eine Krähe mit braten?«
»Mit dem größten Vergnügen!« erwiderte die Königstochter; »aber haben Sie etwas, worin Sie das Tier braten können? Denn ich habe weder Topf noch Pfanne.«
»Och, das habe ich«, sagte Tölpel-Hans. »Hier ist ein wunderbares Kochgeschirr«, und er zog den alten Holzschuh hervor und legte die Krähe hinein.
»Das reicht für eine ganze Mahlzeit«, sagte die Königstochter, »aber wo nehmen wir die Soße her?«
»Die habe ich in der Tasche«, sprach Tölpel-Hans. »Ich habe so viel, dass man sogar einen Teil davon wegwerfen kann!« Und dann nahm er etwas Schlamm aus der Tasche heraus.
»Du gefällst mir«, sagte die Königstochter, »du kannst jedenfalls antworten und du kannst reden, dich will ich zum Mann haben! Aber weißt du auch, dass jedes Wort, das wir sprechen und gesprochen haben, aufgeschrieben wird und morgen in die Zeitung kommt? An jedem Fenster stehen, wie du siehst, drei Schreiber und ein alter Oberschreiber, und dieser Oberschreiber ist der schlimmste, er begreift nichts.« Das sagte sie, um Tölpel-Hans bange zu machen. Und die Schreiber lachten und spritzten dabei einen Tintenklecks auf den Fußboden.
»Aha, das sind wohl diese Herrschaften«, sagte Tölpel-Hans; »nun, dann werde ich dem Oberschreiber das Beste geben!« Und damit kehrte er seine Tasche um und warf ihm den Schlamm ins Gesicht.
»Das hast du fein gemacht«, sagte die Königstochter, »auf diese Idee wäre ich nicht gekommen; aber ich werde es schon noch lernen.«
So wurde Tölpel-Hans König, bekam eine Frau und eine Krone und saß auf einem Throne, und das alles haben wir druckfeucht aus der Zeitung des Oberschreibers – auf die ist allerdings kein Verlass.

Ich habe den Text aus „Sämmtliche Märchen“ sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung Paul Arndts (H. C. Andersens Märchen für Kinder. Frei nach der Reclamschen Ausgabe bearbeitet, Stuttgart o.J.) gestützt. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/07/andersen-tolpel-hans-kurze-analyse/

Montag, 1. Juni 2020

Hans Chr. Andersen: Die Springer - Text und Analyse

Andersen: Die Springer
Der Floh, der Grashüpfer und der Springbock wollten einmal sehen, wer von ihnen am höchsten springen könnte, und da luden sie jeden ein, der kommen wollte, bei diesem Fest dabei zu sein; es waren drei tüchtige Springer, die sich in einem Zimmer versammelt hatten.
»Ich gebe meine Tochter dem, der am höchsten springt«, sagte der König, »denn es wäre doch zu erbärmlich, wenn die Herren für nichts und wieder nichts springen sollten.«
Der Floh trat zuerst vor. Er hatte feine Manieren und grüßte nach allen Seiten, denn er hatte Blut eines Fräuleins in den Adern und war daran gewöhnt, mit Menschen umzugehen, und das macht sehr viel aus.
Darauf kam der Grashüpfer; der war freilich bedeutend schwerer, aber er hatte doch eine gute Figur und trug einen grünen Rock, der ihm angeboren war. Überdies behauptete er, dass er aus einer alten Familie im Land Ägypten abstamme, die dort hoch in Ehren stehe. Er war gerade vom Felde genommen und in ein Kartenhaus von drei Stockwerken gesetzt worden, die alle aus Spielkarten, welche die bunte Seite mit den Figuren nach innen kehrten, zusammengesetzt waren; im Haus waren sowohl Türen als auch Fenster ausgeschnitten. »Ich singe so gut,« sagte er, »dass sechzehn eingeborene Heimchen, die von ihrer Kindheit an gepfiffen und doch kein Kartenhaus erhalten haben, aus Neid dünner noch als vorher geworden sind, als sie mich hörten.«
Beide, der Floh und der Grashüpfer, taten also gehörig kund, wer sie waren; sie glaubten, ohne Weiteres eine Prinzessin heiraten zu können.
Der Springbock blieb stumm; aber man sagte von ihm, dass er desto mehr denke, und als der Hofhund ihn nur kurz beschnüffelt hatte, haftete er dafür, dass der Springbock aus guter Familie sei. Der alte Ratsherr, der drei Orden für sein Stillschweigen erhalten hatte, versicherte, dass der Springbock weissagen könnte; man könne an seinem Rücken erkennen, ob es einen milden oder strengen Winter geben werde, und das kann man nicht einmal am Rücken dessen erkennen, der den Kalender macht.
»Ich sage gar nichts dazu«, sprach der alte König, »ich gehe immer still in mich und denke mir mein Teil.«
Nun war es aber Zeit zu springen. Der Floh sprang als erster, und zwar so hoch, dass niemand sehen konnte, wo er blieb; da behaupteten die anderen, er sei gar nicht gesprungen, und das war doch recht schäbig.
Der Grashüpfer sprang nur halb so hoch wie der Floh, aber er flog dem König gerade ins Gesicht; da sagte dieser, das sei ekelhaft.
Der Springbock stand lange still und bedachte sich; am Ende glaubte man, er könne gar nicht springen.
»Wenn ihm nur nicht übel geworden ist«, sagte der Hofhund und beschnüffelte er ihn wieder. Hops! da sprang der mit einem kleinen schiefen Sprung in den Schoß der Prinzessin, welche auf einem niedrigen goldenen Schemel saß.
Da sagte der König: »Der höchste mögliche Sprung ist es, zu meiner Tochter hinaufzuspringen, denn darin liegt das Feine; aber es gehört Köpfchen dazu, darauf zu kommen, und der Springbock hat bewiesen, dass er einen guten Verstand hat. Er ist nicht auf den Kopf gefallen«
Und dann bekam der Springbock die Prinzessin.
»Ich bin doch am höchsten gesprungen«, sagte der Floh. »Aber das ist einerlei! Soll sie nur das Gänsegerippe mit seinem Stock und Pech bekommen! Ich bin doch am höchsten gesprungen, aber es gehört in dieser Welt ein kräftiger Körper dazu, damit man gesehen werden kann!«
Und dann ging der Floh in fremde Kriegsdienste, wo er, wie man sagt, erschlagen worden sein soll.
Der Grashüpfer aber setzte sich draußen in den Graben und dachte darüber nach, wie es eigentlich in der Welt zugehe; und auch er sagte: »Körper gehört dazu! Körper gehört dazu!« Und dann sang er sein eigenes trübseliges Lied, aus dem wir die Geschichte erfahren haben, die jedoch erlogen sein könnte, auch wenn sie gedruckt ist.

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich mich an der Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichten für Jung und Alt“ (Zweites Bändchen. Braunschweig 1864, 6. Aufl.) orientiert. Vgl. auch https://internet-maerchen.de/maerchen/springer.htm (Quelle unbekannt). Kurze Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/08/andersen-die-springer-kurze-analyse/

Sonntag, 31. Mai 2020

Hans Chr. Andersen: Die Nachtigall - Text und Analyse


Andersen: Die Nachtigall (auch: Des Kaisers Nachtigall)
In China, weißt du ja wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber gerade deshalb ist es gut, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird. Des Kaisers Schloss war das prächtigste der Welt, ganz und gar aus feinem Porzellan, ganz kostbar, aber so spröde, dass man sich ordentlich in Acht nehmen musste, es nicht zu berühren. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen, und an die prächtigsten waren Silberglöckchen gebunden, welche klingelten, damit man nicht vorbeigehen sollte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, in des Kaisers Garten war alles fein ausgedacht, und er erstreckte sich so weit, dass der Gärtner selbst das Ende nicht kannte; ging man immer weiter, so kam man in einen herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging hinunter bis zum Meer, welches blau und tief war; große Schiffe konnten bis dicht unter die Zweige segeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, welche so herrlich sang, dass selbst der arme Fischer, der so viel anderes zu tun hatte, innehielt und horchte, wenn er nachts ausgefahren war, um das Fischnetz heraufzuziehen, und dann die Nachtigall hörte. »Mein Gott, ist das schön!« sagte er, aber dann musste er auf sein Netz achten und vergaß den Vogel; doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer kam dort hin, sagte er wieder: »Mein Gott, ist das schön!«
Aus allen Ländern kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten diese, das Schloss und den Garten; doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: »Das ist doch das Beste!« Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloss und den Garten, und auch die Nachtigall vergaßen sie nicht, sie wurde eigens in einem großen Kapitel behandelt; und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Wald am tiefen See.
Diese Bücher gingen um die Welt und eines kam dann auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhl und las und las; jeden Augenblick nickte er mit dem Kopf, denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zur Kenntnis zu nehmen. »Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!« stand in seinem Buch.
»Was ist das denn?« fragte der Kaiser. »Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel hier in meinem Kaiserreich und sogar in meinem Garten? Das habe ich noch nie gehört; so etwas muss man erst aus Büchern erfahren!«
Nun rief er seinen Haushofmeister. Der war so vornehm, dass, wenn jemand von geringerem Stand mit ihm zu sprechen oder ihn um etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: »P!« Und das hatte nichts zu bedeuten.
»Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall genannt wird«, sagte der Kaiser. »Man sagt, dieser sei das Allerbeste in meinem ganzen Reich; weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?«
»Ich habe ihn früher nie nennen hören,« sagte der Haushofmeister. »Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden.«
»Ich will, dass er heute Abend herkomme und vor mir singe«, sagte der Kaiser. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, nur ich weiß es nicht!«
»Ich habe ihn früher nie nennen hören«, sagte der Haushofmeister. »Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden.«
Aber wo war er zu finden? Der Haushofmeister lief alle Treppen hinauf und hinab, durch Säle und Gänge; keiner von allen, die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Haushofmeister lief wieder zum Kaiser und sagte, dass sie sicher eine Erfindung von denen sei, die Bücher schreiben. »Eure Kaiserliche Majestät müssen nicht alles glauben, was geschrieben wird; das sind Dichtungen und etwas, was man die schwarze Kunst nennt.«
»Aber das Buch, in dem ich dies gelesen habe«, sagte der Kaiser, »ist mir von dem großmächtigen Kaiser von Japan gesandt worden, daher kann es keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachtigall hören; sie muss heute Abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade. Und kommt sie nicht, soll der ganze Hof nach dem Abendessen ordentlich verprügelt werden!«
»Tsing-pe!« sagte der Haushofmeister und lief wieder alle Treppen hinauf und hinab, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht geprügelt werden. Da gab es ein Hin- und Herfragen nach der merkwürdigen Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur niemand bei Hofe.
Endlich trafen sie ein armes kleines Mädchen in der Küche. Die sagte: »O Gott, die Nachtigall, die kenne ich gut, ja, wie die singen kann! Jeden Abend darf ich meiner armen kranken Mutter Essenreste nach Hause bringen; sie wohnt unten am Strand, und wenn ich dann zurückgehe, müde bin und mich im Wald ausruhe, dann höre ich die Nachtigall singen. Es kommen mir dabei die Tränen in die Augen; und es ist gerade so, als ob meine Mutter mich küsste.«
»Kleine Köchin«, sagte der Haushofmeister, »ich werde dir eine feste Anstellung in der Küche verschaffen und dazu die Erlaubnis, den Kaiser speisen zu sehen, wenn du uns zur Nachtigall führen kannst; denn die ist für heute Abend einbestellt.«
So zogen sie alle zusammen hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie so voranschritten, fing eine Kuh zu brüllen an.
»O!« sagten die Hofjunker, »nun haben wir sie; es ist doch eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tier! Die habe ich bestimmt schon früher gehört!«
»Nein, das sind Kühe, welche brüllen«, sagte die kleine Köchin. »Wir sind noch weit von der Stelle entfernt.«
Nun quakten die Frösche im Sumpfe. »Herrlich!« sagte der chinesische Schlossprediger. »Nun höre ich sie, es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.«
»Nein, das sind Frösche«, sagte die kleine Köchin. »Aber nun, denke ich, werden wir sie bald hören.«
Da begann die Nachtigall zu singen. »Das ist sie«, sagte das kleine Mädchen. »Hört gut zu! Und da sitzt sie!« Sie zeigte nach einem kleinen grauen Vogel oben in den Zweigen.
»Ist es möglich?« sagte der Haushofmeister. »So hätte ich sie mir niemals vorgestellt; wie einfach sie aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe verloren, weil sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt.«
»Kleine Nachtigall« rief das Küchenmädchen ganz laut, »unser gnädiger Kaiser wünscht, dass Sie vor ihm singen!« »Mit dem größten Vergnügen«, sagte die Nachtigall und sang dann, dass es eine Lust war.
»Es klingt gerade wie Glasglocken«, sagte der Haushofmeister. »Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, dass wir sie früher nie gehört haben; sie wird großes Aufsehen bei Hofe erregen.«
»Soll ich dem Kaiser noch einmal vorsingen?« fragte die Nachtigall, welche glaubte, der Kaiser sei auch da.
»Meine vortrefflichste Nachtigall«, sagte der Haushofmeister, »ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffest heute Abend einzuladen, wo Sie Seine Kaiserliche Majestät mit Ihrem reizenden Gesang bezaubern werden!« »Der nimmt sich am besten im Grünen aus«, sagte die Nachtigall, aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, dass der Kaiser es wünschte.
Auf dem Schlosse war alles aufgeputzt. Die Wände und der Fußboden, welche von Porzellan waren, glänzten in den Strahlen vieler tausend goldener Lampen; die prächtigsten Blumen, die am besten klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt; es war ein Laufen im Schloss und ein Zugwind, aber alle Glöckchen klingelten, so dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
Mitten in dem großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stab aufgestellt, auf dem sollte die Nachtigall sitzen; der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu stehen, da sie den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in ihren besten Kleidern und schauten auf den kleinen grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.
Die Nachtigall sang so herrlich, dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten; sie liefen ihm die Wangen herunter, und da sang die Nachtigall noch schöner, das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war höchst erfreut und sagte, dass die Nachtigall einen goldenen Pantoffel um den Hals tragen sollte. Aber die Nachtigall dankte, sie sei schon genügend belohnt: »Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist für mich der größte Schatz; eines Kaisers Tränen haben eine besondere Kraft. Der Himmel weiß es, ich bin genug belohnt.« Darauf sang sie wieder mit ihrer süßen, lieblichen Stimme.
»Das ist die liebenswürdigste Stimme, die ich kenne!« sagten die Damen ringsherum; und dann nahmen sie Wasser in den Mund, um zu glucken, wenn jemand sie anredete – sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Diener und Kammermädchen ließen melden, dass auch sie zufrieden seien, und das will viel heißen, denn sie sind am schwierigsten zufriedenzustellen. Ja, die Nachtigall machte wahrlich ihr Glück.
Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eigenen Käfig und die Erlaubnis haben, zweimal des Tages und einmal des Nachts auszufliegen. Sie bekam zwölf Diener, welche sie an einem um ihr Bein geschlungenen Seidenband festhielten. Es war nicht viel Vergnügen bei einem solchen Ausflug.
Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich zwei, sagte der eine nichts anderes als »Nacht« und der andere sagte »gall« [‚gal‘: verrückt (dänisch), N.T.], und dann seufzten sie und verstanden einander; ja, elf Kinder einfacher Leute wurden nach ihr benannt, aber nicht eines von ihnen hatte auch nur einen Ton in der Kehle.
Eines Tages erhielt der Kaiser eine Kiste, auf der geschrieben stand: »Die Nachtigall.« »Da haben wir wieder ein neues Buch über unsern berühmten Vogel!« sagte der Kaiser; aber es war kein Buch, es war ein Kunstwerk, welches in einer Schachtel lag, eine künstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, aber überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den künstlichen Vogel aufzog, konnte er eines der Stücke, die der wirkliche sang, flöten, und dabei bewegte sich der Schwanz auf und nieder und glänzte von Silber und Gold. Um seinen Hals hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: »Des Kaisers von Japan Nachtigall ist armselig gegen die des Kaisers von China.«
»Das ist herrlich!« sagten alle, und der, welcher den künstlichen Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher Obernachtigallenbringer.
»Nun sollen sie zusammen singen! Was wird das für ein Genuss werden!«
So mussten sie zusammen singen, aber es wollte nicht recht klappen; denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel ging auf Walzen. »Der hat keine Schuld«, sagte der Spielmeister; »der ist völlig taktfest und ganz nach meiner Schule gebildet.« Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück wie der wirkliche, und dann war er auch viel schöner anzusehen; er glänzte wie Armbänder und Brustnadeln.
Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht müde; die Leute hätten ihn gern wieder von vorn gehört, aber der Kaiser meinte, dass nun auch die lebendige Nachtigall einmal singen sollte. Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, dass sie durch das offene Fenster zu ihren grünen Wäldern fortgeflogen war.
»Was soll das bedeuten?« fragte der Kaiser; und alle Hofleute schalten und meinten, dass die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. »Den besten Vogel haben wir doch!« sagten sie, und so musste der Kunstvogel wieder singen; das war das vierunddreißigste Mal, dass sie dasselbe Stück zu hören bekamen, aber sie konnten es noch nicht ganz auswendig, denn es war sehr schwer.
Der Spielmeister lobte den Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, dass er besser als die wirkliche Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die vielen herrlichen Diamanten betreffe, sondern auch im Innern. »Denn sehen Sie, meine Herrschaften, der Kaiser vor allem, bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was kommen wird, aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt; man kann es erklären, man kann ihn aufmachen und die von Menschen ersonnene Mechanik zeigen: wie die Walzen liegen, wie sie gehen, und wie das eine aus dem anderen folgt.«
»Das ist ganz unsere Meinung!« sagten alle, und der Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntag den Vogel dem Volk vorzuführen; es solle ihn auch singen hören, befahl der Kaiser, und es hörte ihn und wurde so vergnügt, als ob es sich am Tee berauscht hätte – das ist typisch chinesisch; und alle sagten »O!«, hoben den Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Aber die armen Fischer, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: »Es klingt hübsch, die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, ich weiß nicht, was!«
Die wirkliche Nachtigall aber wurde des Landes und Reiches verwiesen.
Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem seidenen Kissen dicht bei des Kaisers Bett; alle Geschenke, welche er bekam, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und er war er zum »Hochkaiserlichen Nachttischsänger« befördert worden, im Rang ‚Numero Eins zur linken Seite‘; denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, auf der das Herz sitzt, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Der Spielmeister schrieb nun ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt und lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, dass alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und verprügelt worden.
So ging es ein ganzes Jahr; der Kaiser, der Hof und alle übrigen Chinesen kannten jeden kleinen Kluck in des Kunstvogels Gesang auswendig, gerade deshalb gefiel er ihnen so gut; sie konnten selbst mitsingen, und das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen »Zizizi! Kluklukluck« und auch der Kaiser sang es – ja, gewiss war es schön!
Aber eines Abends, als der Kunstvogel im besten Singen war und der Kaiser im Bett lag und zuhörte, machte es »swupp« im Vogel; da sprang etwas »surrrr«. Alle Räder liefen, aber die Musik schwieg.
Der Kaiser sprang gleich aus dem Bett und ließ seinen Leibarzt rufen, aber was konnte der helfen? Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Diskutieren und Probieren brachte er den Vogel einigermaßen in Ordnung; aber er müsse sehr geschont werden müsse, sagte er, denn die Zapfen seien abgenutzt und es sei unmöglich, neue so einzusetzen, dass die Musik sicher spielte.
Das war nun eine große Trauer! Nur einmal im Jahr durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das war fast schon zu viel; aber dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede mit gewichtigen Worten und sagte, dass es ebenso gut wie früher sei, und dann war es ebenso gut wie früher.
Als fünf lange Jahre vergangen waren, kam eine große Trauer über das ganze Land. Die Chinesen hielten nämlich allesamt große Stücke auf ihren Kaiser, aber jetzt war er krank und konnte nicht länger leben. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Haushofmeister, wie es ihrem alten Kaiser gehe.
»P!« sagte er und schüttelte mit dem Kopfe.
Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen prächtigen Bett, der ganze Hof hielt ihn für tot, und ein jeder lief, um den neuen Kaiser zu begrüßen; die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu schwatzen, und die Kammermädchen hielten großen Kaffeeklatsch. Ringsum in allen Sälen und Gängen war Tuch ausgelegt, damit man keine Schritte hörte, und deshalb war es ganz still. Aber der Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen Bett mit den langen Samtvorhängen und den schweren Goldquasten, oben stand ein Fenster auf und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.
Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war ihm, als ob etwas auf seiner Brust säße; er schlug die Augen auf, da sah er, dass es der Tod war, der auf seiner Brust saß, sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine prächtige Fahne hielt; ringsumher sahen aus den Falten der langen Samtvorhänge wunderliche Köpfe hervor, einige hässlich, andere lieblich und mild; das waren des Kaisers gute und böse Taten, welche ihn anblickten, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.
»Weißt du noch dieses?« flüsterten sie. Und dann erzählten sie ihm so viel, dass ihm der Schweiß von der Stirne rann.
»Das habe ich nie gewusst«, stöhnte der Kaiser. »Musik, Musik, die große chinesische Trommel,« rief er, »damit ich nicht höre, was sie sagen!« Aber sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was gesagt wurde.
»Musik, Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner herrlicher Kunstvogel, singe doch, singe! Ich habe dir Gold und Kostbarkeiten gegeben, ich habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, singe!« Aber der Vogel stand still, es war niemand da, um ihn aufzuziehen, und sonst sang er nicht; der Tod aber fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen leeren Augenhöhlen anzustarren; und es war still, schrecklich still.
Da klang auf einmal vom Fenster her der lieblichste Gesang. Es war die kleine lebendige Nachtigall, welche draußen auf einem Zweig saß; sie hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu bringen; sobald sie sang, wurden die Gespenster blasser, das Blut kam rascher in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte auf und sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall! Fahre fort!«
»Ja, willst du mir dafür den prächtigen goldenen Säbel geben? Willst du mir die schöne Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?«
Der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und die Nachtigall fuhr fort zu singen; sie sang von dem stillen Friedhof, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet und das frische Gras von den Tränen der Hinterbliebenen befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter weißer Nebel zum Fenster hinaus.
»Vielen, vielen Dank!« sagte der Kaiser, »du himmlischer, kleiner Vogel, ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reich gejagt, und doch hast du die bösen Geister von meinem Bett weggesungen, den Tod von meinem Herzen fortgeschafft. Wie kann ich dich belohnen?«
»Du hast mich schon belohnt«, sagte die Nachtigall. »Ich habe in deinen Augen Tränen gesehen, als ich das erste Mal vor dir sang, das vergesse ich nie! Das sind die Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen. Aber schlafe nun und werde stark, ich will dir vorsingen!« Sie sang, und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer; mild und wohltuend war der Schlaf.
Die Sonne schien um Fenster herein, als er gestärkt und gesund erwachte; von seinen Dienern war noch keiner zurückgekehrt, denn sie glaubten alle, er sei tot; aber die Nachtigall saß noch da und sang.
»Immer musst du bei mir bleiben«, sagte der Kaiser. »Du sollst nur singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke.« »Tue das nicht«, sagte die Nachtigall, »er hat ja Gutes geleistet, so lange er konnte; behalte ihn auch ferner. Ich kann im Schloss nicht nisten und wohnen, aber lass mich kommen, wenn ich selbst Lust habe; da will ich des Abends dort am Fenster sitzen und dir vorsingen, damit du froh und nachdenklich werden kannst.
Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die leiden; ich werde vom Bösen und vom Guten singen, was rings um dich verborgen bleibt. Der kleine Sänger fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu des Bauern Hütte, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt ist. Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone den Duft von etwas Heiligem an sich. Ich komme und singe dir vor. Aber eines musst du mir versprechen.« »Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, die er angelegt hatte, und drückte den schweren Goldsäbel an sein Herz. »Um eines bitte ich dich; erzähle niemand, dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!« Dann flog die Nachtigall fort.
Bald kamen die Diener herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen; ja, da standen sie – und der Kaiser sagte: »Guten Morgen!«

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet und mich dabei auf die Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichten für Jung und Alt“ (Erstes Bändchen, Braunschweig 1864, 6. Aufl.) gestützt; vgl. auch https://archive.org/details/mrchenfrkinder00ande/page/68/mode/2up). Eine Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/10/31/andersen-die-nachtigall-kurze-analyse/