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Montag, 21. Januar 2019

J. Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste (2018) - Besprechung


Der Ton der Rezensionen ist einhellig: hell klingende Begeisterung.
In ihrer Hinwendung zum Vergangenen, zum Verlorenen, zum Vergessenen und allgemein zur Vergänglichkeit geht Judith Schalansky an einigen Stellen im Vorwort sehr weit, vielleicht zu weit: „Im Grunde ist jedes Ding immer schon Müll, jedes Gebäude immer schon Ruine und alles Schaffen nicht als Zerstörung, so auch das Werk all jener Disziplinen und Institutionen, die sich rühmen, das Erbe der Menschheit zu bewahren.“ (S. 16) Ist es wirklich so? Ist das Maß „nichts als...“ gültig? Nein, das ist es nicht.
Die Erde selbst ist bekanntlich ein Trümmerhaufen vergangener Zukunft, und die Menschheit die bunt zusammengewürfelte, sich streitende Erbengemeinschaft einer numinosen Vorzeit, die fortwährend angeeignet und umgestaltet, verworfen und zerstört, ignoriert und verdrängt werden muss, so dass entgegen landläufiger Annahme nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit den wahren Möglichkeitsraum darstellt.“ (S. 19) Ist es tatsächlich so? Nein, die Vergangenheit ist der Möglichkeitsraum von Deutungen, aber der Möglichkeitsraum des Tatsächlichen ist und bleibt die Zukunft.
Warum überzieht Schalansky die richtigen Einsichten, die sie gewonnen hat, ins Grundsätzliche und damit Falsche? Will sie originell sein und schreiben?
In 16 Kapiteln zu je 16 Seiten, die durch einen schwarzen Karton mit einem schwach angedeuteten Bild getrennt sind, befasst Schalansky sich mit verschiedenen „Verlusten“, der Insel Tuanaki, dem Kaspischen Tiger, Sapphos Liebesliedern, dem Palast der Republik… Was diese 16 Verluste verbindet, wird nicht deutlich. Und es ist schwer, über verlorene „Dinge“ jeweils 16 Seiten zu schreiben. Zwangsläufig überlässt sich Schalansky dabei ihren Assoziationen; aber wenn ein Kampf zwischen Tiger und Löwe in einem römischen Theater den Hauptteil des Kapitels über den Kaspischen Tiger ausmacht, erschließt sich mir damit nicht der Verlust des Kaspischen Tigers. Und bei Sapphos Liebesliedern hätte ich mir mehr Sappho-Text und Mutmaßungen über verlorene Texte als über Sapphos Vater und Ergüsse über die lesbische Liebe gewünscht. Der letzte Satz dieses Kapitels lautet: „In deutschen Wörterbüchern steht ‚lesbisch‘ gleich nach ‚lesbar‘.“ Schön – aber was soll diese Bemerkung besagen? Außerdem stimmt sie nicht. In Dudens Deutschem Universalwörterbuch (7. Auflage) lautet die Reihenfolge der Stichwörter: lesbar – Lesbarkeit – Lesbe – Lesbier – Lesbierin – lesbisch – Lesbos.
Ich war von Schalanskys Buch enttäuscht. Aber wer Tiefsinn liebt, bitte sehr: „Die wüste Leere eines Vorbeginns scheint reicher als das öde Gesetz des Gegensatzes, das seither wie ein Fluch auf der Menschheit lastet, die sich fortan entscheiden muss, zwischen Sammeln und Jagen, dem Pflügen des Ackers und dem Hüten der Herde, dem Schüren des Feuers und dem Gang zum Brunnen. Was dort, in der Tiefe, auf dem Grund des Seins, auf Erkenntnis wartet, vermag niemand zu sagen.“ (S. 158, über die sieben verlorenen Bücher des Mani). Aber worüber man nichts zu sagen weiß, davon sollte man besser schweigen, war nicht nur Wittgensteins Rat.

Freitag, 18. Januar 2019

Carl Schurz: Lebenserinnerungen, Bd. 1 (1906) - Besprechung


An seine Freunde“ hat Carl Schurz am 24. Juli 1849 einen Brief (https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/48, dort S. 49-52) geschrieben, der mich stark beeindruckt hat: Am Tag der Übergabe der von den Aufständischen gehaltenen Festung Rastatt: „Tod oder endlose Gefangenschaft“ stehen ihm offenbar bevor, als er sich Rechenschaft über sein Leben und Tun gibt.
Aufgrund dieses Briefes habe ich mich entschlossen, Carl Schurz‘ Lebenserinnerungen zu lesen, die er kurz vor seinem Tod veröffentlicht hat. Im ersten Band (1906, https://archive.org/details/lebenserinnerung11schu/page/n7) erzählt er von seiner Kindheit in Lieblar bei Köln, seiner Schulzeit, dem Beginn des Studiums in Bonn und seinen Aktivitäten in der deutschen Revolution 1848/49. Dabei spart er nicht mit nüchternen Beurteilungen der revolutionären Hoffnungen und Illusionen seiner Jugend und seiner damaligen Freunde. Einen großen Teil seiner Erinnerungen nimmt die Befreiung seines Freundes, des Professors Kinkel, aus der Festung Spandau ein; es folgen die Aufenthalte in Paris und London im Exil, bis er 1852 mit seiner frisch angetrauten Frau nach Amerika fährt.
Schurz erzählt anschaulich und interessant; er zeigt sich als ein energischer und engagierter Kämpfer und als großherziger Freund. Er weiß, dass das eigene Gedächtnis einen trügen kann, und hat sich deshalb auch der Erinnerungen anderer und neutraler Quellen bedient, um die alte Zeit noch einmal lebendig werden zu lassen. Man weiß von der deutschen Revolution 1848/49 normalerweise nicht viel: Schurz‘ Erinnerungen führen einen aus einer natürlich begrenzten Perspektive in diese Zeit ein, und da Schurz später amerikanischer Botschafter und sogar Innenminister wurde, darf man ihm ein kompetentes Urteil darüber zutrauen, was er als junger Mann erlebt hat. Ich habe den ersten Band seiner Erinnerungen mit großer Freude gelesen.

Mittwoch, 16. Januar 2019

O. Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele - Besprechung


Maxim Biller hat in der SZ Olivier Guez‘ Roman „DasVerschwinden des Josef Mengele“ (2018, französisch 2017) zu seinem eindrucksvollsten Buch des Jahres 2018 erklärt; dafür darf man ihn ein wenig bedauern – dass er nichts Besseres gelesen hat.
Wenn man die drei unten zitierten Besprechungen liest, weiß man genug über den Roman und seinen Wert. Für mich waren meistens die Namen neu, die sich alle in Südamerika nach 1945 getummelt haben, und dass Simon Wiesenthal weithin ein Spinner war, wusste ich auch nicht. Ansonsten habe ich das Buch einfach so heruntergelesen und immer gehofft, man möge den Josef Mengele fangen; aber das ist nicht gelungen, er ist nach großen geschäftlichen Erfolgen (bis 1961) und der darauf folgenden Flucht von einem Ort und Land zum nächsten 1979 als alter kranker Mann im Meer verunglückt.
An einigen Stellen hakt vermutlich die Übersetzung: Trotz der Gartenlaube erstickt Mengele an diesem heißen Sonntag...“ (S. 185 f.) - nein, er erstickt natürlich nicht, er wäre beinahe erstickt resp. er hatte das Gefühl, er müsse ersticken…
In der Stadtbibliothek Mönchengladbach zählt das Buch zu den Bestsellern, man muss zwei Euro fürs Ausleihen bezahlen; das ist aber immer noch billiger, als es selber zu kaufen, und mehr als einmal liest man es wirklich nicht.

Sachliche Ergänzung: Der Fetzen des Gebets, den Mengele von seinem Vater gelernt hat (Procul recedant somnia et noctium phantasmata) stammt aus dem Hymnus der Komplet „Te lucis ante terminum…“ (http://www.hymnarium.de/hymni-breviarii/hymnen/psalterium/83-te-lucis-ante-terminum); wie die Fortsetzung zeigt, sind die im Hymnus gemeinten phantasmata andere als die, welche Mengele bedrängen. Die alte deutsche Übersetzung lautet: „Bevor des Tages Licht vergeht...“ (https://orare.de/?p=452).

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/roman-das-verschwinden-des-josef-mengele-von-olivier-guez-15739560-p2.html (gute Übersicht über den Aufbau des Romans – kritsch gegen die literarische „Leistung“ des Autors).

Über Josef Mengele:
https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Mengele (umfangreich, v.a. seine Taten im Dritten Reich)

Samstag, 12. Januar 2019

Das 19. Jahrhundert in Briefen - Besprechung


Ich hoffe, der Himmel wird Deutschland erhalten“- Das 19. Jahrhundert in Briefen, hrsg. von Jürgen Moeller. Beck: München 1990
Mit gehöriger Verspätung habe ich die 74 Briefe gelesen, in denen Menschen des 19. Jahrhunderts zu Wort kommen. Die großen Krisen des Jahrhundert tauchen aus dem Erleben der Menschen auf: der Freiheitskampf gegen Napoleon, die Streitigkeiten um Republik und nationale Einheit, die Reichsgründung, die soziale Frage und die Frauenfrage. Das alles sind Themen, die – bis auf den Kampf gegen Napoleon – auch heute, wenn auch in anderer Akzentuierung, noch wichtig sind; eine Reihe von Briefen dient nur dem persönlichen Austausch zwischen Schreiber un Empfänger.  Der Titel ist übrigens ein Zitat aus einem Brief Jacob Grimms an Friedrich Carl von Savigny.
Für mich ragen die Briefe der Luise von Preußen an ihren Vater (1808), des Freiherrn vom Stein an seine Frau (1814, über Napolen), Dahlmanns und seiner Kollegen an das Göttinger Universitätskuratorium (1837), Carl Schurz‘ an seine Freunde (1849), Ludwig Feuerbachs an Wilhelm Bolin über die Emanzipation der Frauen (1870), Philipp zu Eulenburgs an Wilhelm von Preußen über die Probleme mit einem verrückten bayrischen König (1886), Peter Roseggers an Friedrich von Hausegger (1889, über den gängigen Antisemitismus), August Bebels an Engels (1893) und Theodor Fontanes an Georg Friedlaender (1897, über die verfehlte kaiserliche Politik) heraus. Der beeindruckendste Brief war der von Carl Schurz, der sich im Alter von 20 Jahren den Aufständischen in Baden angeschlossen hatte und nun erlebt, wie er sich zum letzten, aussichtslosen Gefecht gegen preußische Truppen rüstet und dabei vor Augen hat, dass er danach erschossen oder zu langer Haft verurteilt werden wird. Seine ruhige Reflexion, die Gefasstheit und seine moralische Überlegenheit beeindrucken mich (Text des Briefes hier: https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/48, S. 49-52). Ich habe beschlossen, demnächst seine Lebenserinnerungen zu lesen, die man auf archive.org findet.
Einen Reiz des Buches machen die kurzen Einführungen in jeden Brief durch Jürgen Moeller aus, die einen veranlassen können, unbekannten Namen nachzuforschen und so mit ihren Schicksalen zumindest vordergründig bekannt zu werden. Jürgen Moeller hat auch Briefe aus dem 20. Jahrhundert herausgegeben („Historische Augenblicke“), die gleichfalls auf meinem Leseplan stehen.

Sonntag, 30. Dezember 2018

G. Saunders: Lincoln im Bardo (2018) - angelesen


Es scheint nur begeisterte Rezension von George Saunders‘ Roman „Lincoln im Bardo“ zu geben; in den vier Exemplaren, die ich nenne, kann man sich über das Buch informieren:
Gleichwohl habe ich nach 30 Kapiteln von 108 mit dem Lesen aufgehört. Für die Person Lincoln interessiere ich mich nicht, und dass die Untoten die Lebenden spiegeln und kommentieren, ist so weit hergeholt, dass es mich nicht davon abbringt, im vormaligen Geschick der richtig Toten und bei den richtig Lebenden (und sogar bei Tieren – ich denke etwa an Weckherlins wunderbare Parabel Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses) die Spiegelungen menschlichen Seins zu suchen. Die Toten sind tot; man soll sie tot „sein“ lassen, ihnen die „ewige Ruhe“ gönnen – die Sprache versagt, da wir von ihnen sprechen, als gäbe es sie irgendwo/-wie. Nach allem, was wir wissen, ist dem nicht so. Belassen wir es dabei.

J. Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (2011) - Besprechung


Die Lehrerin Inge Lohmark ist die „Heldin“ des Romans; sie unterrichtet in einer Stadt in Meck-Pomm Biologie in einer 9. Klasse, und die Prinzipien der Evolutionstheorie bestimmen auch ihr Denken und Handeln: Sie unterrichtet 12 Pubertierende und lässt dich dabei von den Regeln leiten, die einen harten Lehrer in der Schule überleben lassen: immer unnahbar sein, keine Schwäche zeigen, konsequent handeln, kein Mitleid kennen. Bildhafter Ausdruck dessen: Frau Lohmarks Frontalunterricht.
Sie hat eigentlich keine Kontakte zu anderen Menschen: Ihr Mann lebt neben ihr her und züchtet Strauße, ihre Tochter wohnt seit Jahren fern von ihr in Amerika, die Kollegen schätzt sie nicht, der Schulleiter ist ein Schwadroneur. Nur für eine Schülerin zeigt sie zum Schluss Zuneigung.
Zuerst wird neutral, dann immer stärker personal erzählt, wie sie Unterricht macht und ihre Mitmenschen einschätzt, also abwertet. Das Geschehen dauert etwa ein halbes Jahr, vom Herbst bis zum Frühling, ohne dass deutlich würde, wie die Zeit fortschreitet. Inge Lohmark meint, sie habe sich den Gegebenheiten ihres Lebens angepasst; aber zum Schluss wird deutlich, dass sie gescheitert ist: Sie wird vom Schulleiter aus der Klasse geholt und gerüffelt, weil sie nicht bemerkt habe, wie ein Mädchen wochenlang schikaniert worden ist; ihr droht die Entlassung. Noch wichtiger ist eine Erinnerung daran, wie sie vor Jahren ihre eigene Tochter in ihrem Unterricht nicht beachtet hat, als diese schreiend zusammengebrochen war und auf dem Boden lag. „Natürlich war sie ihre Mutter. Aber zuallererst ihre Lehrerin. (…) Sie waren in der Schule. Es war Unterricht. Sie war Frau Lohmark.“
Der Verlag stellt das Buch so vor, dass Inge Lohmark am Ende von Gott Darwin abfalle. Darüber kann man streiten. Die letzten Sätze lauten: „Der Geruch von Erde. Die Strauße tanzten über die Weide. Inge Lohmark stand am Zaun und schaute.“ Das erinnert mich an das Ende von Max Frischs „Homo faber“, aber ich lese die Sätze nicht als Zeugnis der Bekehrung von Frau Lohmark, sondern einfach als offenes Ende.
Der Untertitel „Bildungsroman“ führt in die Irre – gezeigt wird eher, wie in der Schule Bildung nicht gelingt, und auch die Heldin Lohmark ändert sich nicht. Sie kann sich nach 30 Jahren als Lehrerin erst in der DDR, dann in einem Bundesland, dem die Menschen weglaufen, nicht mehr ändern. Sie hat auch nicht Unrecht mit ihren Prinzipien – so wenig wie die butterweiche Kollegin, die sich bei den Schülern anbiedert und allerlei Gruppenspielchen mit denen veranstaltet. Frau Lohmark hat darin Unrecht, dass sie die Schüler nicht als Menschen sieht und dass sie nicht als Mensch oder Frau Lehrerin ist. Die Prinzipien der biologischen Entwicklung sind immer mit zu bedenken; aber sie machen noch kein menschliches Leben aus, auch wenn sie in ihrer Klarheit und Härte eine Versuchung des Denkens darstellen.

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Weckherlin: Drunkenheit - Text, Erläuterungen, kurze Analyse


Georg Rodolf Weckherlin:

Drunkenheit

Kont ihr mich dan sunst gar nichts fragen,
ihr herren, meine gute freind,
dan was ich euch könd neues sagen,
wie stark und wa jetzund der feind?
ich bit, doch wollet mir verzeihen,
mit fragen nicht zu fahren fort,
dan sunsten will ich euch verleihen
kein einig wort.



Ich red nicht gern von schmähen, träuen,
10 von krieg, bronst, raub, unglück und not,
sondern allein, uns zu erfreuen,
von gutem wildbret, wein und brot.
den man der wein mit lieb entzündet
und das brot stärket ihm den leib,
daß er das wildbret besser findet
bei seinem weib.



So lang zu reden, lesen, hören,
und mit dem haupt, hut, knü, fuß, hand
gesandten, herren, könig ehren,
20 so lang zu sprachen an der wand,
so lang zu schreiben und zu reden
von Gabor, Tilly, Wallenstein,
von Frankreich, Welschland, Denmark, Schweden
ist eine pein.



Darum fort, fort mit solchem trauren,
daß man alsbald bedeck den tisch,
und keiner laß die müh sich dauren,
wan wein, brot, fleisch und alles frisch;
der erst bei tisch soll der erst drinken,
30 so, herren, wie behend? wolan!
schenk voll! die frau thut dir nicht winken.
nu fang ich an.



Ho! Toman, Lamy, Sering, Rumler,
es gilt euch! dieser muß herum!
ich weiß, ihr seid all gute tumler
und liebet nicht was quad und krum,
dan nur das, so man kaum kan manglen,
die weiber wissen auch wol was,
gedenkend alsbald an das anglen.
40 aus ist mein glas.



Nim weg von meinem ohr die feder,
gib mir dafür ein messer her;
ho, Schweizer, kotz kreuz, zeuch von leder
und Schweizer gleich streb nu nach ehr!
wolan, ihr dapfere soldaten
mit unverzagtem frischen mut
waget zu neu und freien thaten
nu fleisch und blut.



Feind haben wir gnug zu bestreiten
50 in dem vortrab und dem nachtrab;
nu greifet an auf allen seiten
und schneidet köpf und schenkel ab,
indem sich streich, schnit, biß vermischen,
und der nachtrab mag hitzig sein,
so ruf ich stets, euch zu erfrischen:
ho! schenk uns ein!



Sih, wie mit brechen, schneiden, beißen
dem lieben feind wir machen graus!
laß mich das spanfärlin zerreißen,
60 stich dem kalbskopf die augen aus.
so, so, wirf damit an die frauen,
die, wan sie schon so süß und mild,
doch könden hauen und auch klauen.
es gilt! es gilt!



Wan die soldaten vor Roschellen,
wan die soldaten vor Stralsund
die mauren könten so wol fällen,
als herzhaft wir zu dieser stund
nu stürmen wollen die pasteien,
70 ich sag: die stark wildbret pastet,
so würden sie nicht lang mehr freien
die beede stät.



Frisch auf, wer ist der beste treffer?
ha ha! frisch her! ho, ich bin wund!
das pulver ist von salz und pfeffer!
ho! die brunst ist in meinem mund!
doch sih, es hat euch auch getroffen;
zu löschen, muß es nicht mehr sein
gedrunken, sondern stark gesoffen.
80 so schenk nur ein!



Durch diesen becher seind wir siger!
so sauf herum knap, munder, doll!
drink aus! es gilt der alten schwiger!
ich bin schon mehr dan halb, gar, voll.
darum so laß den käs herbringen.
kom küß! so küß mich artlich! so!
laß uns ein lied zusamen singen!
hem hoscha ho!



Die Schwäblein, die so gar gern schwätzen,
90 in Thüringen, dem dollen land,
fräßen ein rad für eine bretzen
mit einem käs aus Schweizerland.
in unsrer hübschen frauen namen
Schwab, Schweizer, Thüringer, Franzos,
so singet frölich nu zusamen:
kom küß mich, ros!



O daß die Schweizer mit den lätzen,
die Schwaben mit dem leberlein,
die Welschen mit den frischen metzen,
100 die Thüringer mit bier und wein
in ihrer hübschen frauen namen
ein jeder frölich, frisch herum
sing, spring und drink, und allzusamen.
küß mich widrum!



Nu schenk uns ein den großen becher,
schenk voll! so! so! ihr liebe freind,
ein jeder guter zecher, stecher
so oft, als vil buchstaben seind
in seines lieben stechblats namen,
110 hie disen ganz abdrinken soll;
ich neunmal, rechnet ihr zusamen.
es gilt ganz voll.



Wol! hat ein jeder abgedrunken?
drei, fünf, sechs, siben, zehenmal?
ist dises käs, fisch oder schunken?
ist dises pferd grau oder fahl?
darauf ich schwitz? gib her die flaschen!
es gilt herr Grey, herr Gro, Gro, Groll!
so dise wäsch wird wol gewaschen!
120 seid ihr all doll?



Ho! seind das reuter oder mucken?
buff, buff! es ist ein hafenkäs
zu zucken, schmucken, schlucken, drucken.
warum ist doch der A. das gsäß?
pfui dich! küß mich! thust du da schmecken?
wer zornig ist, der ist ein lump!
hei ho! das ding die zähn thut blecken.
bump bidi bump.



Ha! duck den kopf! scheiß, beiß, meerwunder.
130 nu brauset, sauset laut das meer.
ein regen, hagel, blitz und dunder.
hei, von heuschrecken ein kriegsheer!
ho! schlag den elefanten nider.
es ist ein stork! ha, nein, ein laus.
glück zu! gut nacht! kom, küß mich wider.
das liecht ist aus.



Alsdan vergessend mehr zu drinken
sah man die vier, wie fromme schaf,
zu grund und auf die bänk hinsinken,
140 beschließend ihre freud mit schlaf.
und indem sie die zeit vertriben,
hat diesen seiner freinden chor
alsbald auf dise weis beschriben
ihr Filodor.

Georg Rodolf Weckherlin: Gedichte, Leipzig 1873, S. 166-170.

Erläuterungen:
Überschrift: Es gibt auch die Überschrift „Ode. Drunckenheit“.
verleihen (V. 7): umsonst bewillen, zukommen lassen
kein einig (V. 8) : kein einziges
träuen (V. 9): dräuen, drohen
bronst (V. 10): Zustand, da ein Körper von der Flamme verzehrt wird
knü (V.18): Knie
sprachen an der wand (V. 20): sich unterreden, ratschlagen.
Gabor (V. 22): Gabor Bethlen, Fürst von Siebenbürgen, im 30-jährigen Krieg Heerführer auf Seiten der Protestanten.
Tilly (V. 22): Johann Tserclaes Graf von Tilly (gest. 1632), Oberbefehlshaber des Heeres der katholischen Liga und Bayerns
Wallenstein (V. 22): Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein (1583-1634), kaiserlicher Feldherr und Staatsmann
Welschland (V. 23): hier Spanien (?)
dauern (V. 27): Unlust empfinden, gereuen
der erst drinken (V. 29) als erster trinken
Toman, Lamy, Sering, Rumler (V. 33): vier Freunde Weckherlins in London
tumler (V. 35): ?
quad (V. 36): böse, verkehrt
V. 41: Die Schreibfeder klemmte man hinters Ohr; sie wegnehmen: den Beruf vergessen
Schweizer (V. 43): Toman (wohl auch Anspielung auf die Schweizergarde)
kotz kreuz (V. 43): ein Kraftausdruck
zeuch (V. 43): zieh!
vom Leder ziehen (V. 43): mach Ernst (das Schwert aus der Lederscheide ziehen)
Vortrab, Nachtrab (V. 50): Vorhut, Nachhut
spanfährlin (V. 59): Spanferkel
wirf damit an die frrauen (V. 61): jemanden „mit Augen anwerfen" heißt 'mit ihm liebäugeln'
klauen (V. 63): kratzen.
Roschellen (V. 65): La Rochelle (Frankreich); 1628 von Kardinal Richelieu erobert
Stralsund (V. 65): 1628 von Wallenstein erfolglos belagert
pasteien (V. 69): Basteien (Befestigungen)
sie freien (V. 71): sich freuen
knap (V. 82): stattlich ?
schwige (V. 83):: Schwiegermutter
rad für eine bretzen (V. 91): eine Brezel so groß wie ein Rad
küß mich ros (V. 96): Rose, Rosa; Frauenname
V. 95: Rumler, Toman, Sering, Lamy (in dieser Reihenfolge, vgl. V. 33)
lätzen (V. 97): Hosenlätze.
metzen (V. 99): Mädchen, Huren; die Welchen müssten hier die Franzosen sein
stechblat (V. 109): Schutzvorrichtung am Degen, oft mit einer Inschrift (eigener Name) versehen
schuncken (V. 115): Schinken
mucken (V. 121): Mücken
hafenkäs (V. 122): Topfkäse
meerwunder (V. 129): Ungetüm
dunder (V. 131): Donner
stork (V. 134): Storch
Filodor (V. 144): Weckherlins Spitzname im Freundeskreis (?)
1. Ein Ich-Sprecher wendet sich an „Herren“ (V. 2), die seine guten Freunde sind; sie haben sich anscheinend bei ihm getroffen und schicken sich an, gut zu essen und zu trinken. Dazu fordert er sie, die er auch namentlich anspricht (V. 33) mehrfach auf.
2. Nach mehrfachen Aufrufen scheint mit der 6. Strophe das Essen zu beginnen. Der Sprecher lässt seine Schreibfeder gegen ein Messer austauschen und spricht im Anschluss daran vom bevorstehenden Essen als einem Krieg gegen die Speisen (V. 43 ff.). Er ruft auch zum gemeinsamen Singen (V. 87), zum Küssen (V. 96 ff.) und zum tatkräftigen Trinken (V. 105 ff. und öfter), sogar zum Saufen (V. 79) auf. Zum Schluss scheint die Stimmung völlig ausgelassen zu sein (V. 120 ff.), die Reden werden teilweise wirr (V. 121 ff.)., das Licht geht aus (V. 136). In der letzten Strophe erzählt der Sprecher, wie die Freunde anscheinend total betrunken eingeschlafen sind, während er das Gedicht geschrieben hat (V. 137 ff.). Der innere Aufbau des Gedichts ist an der Chronologie der Ereignisse des Abend orientiert.
Das Thema ist das gute Essen und Trinken im Kreis der Freunde, die sich ihres Lebens erfreuen und nicht mehr an den Krieg denken sollen. Die Erwähnung der Städte (V. 65) lässt darauf schließen, dass das Treffen 1628 oder kurz danach in England, also außerhalb des Kriegsgebietes stattgefunden hat.
3. Das Gedicht besteht aus 18 Strophen zu acht Versen, die im Kreuzreim miteinander verbunden sind. Der einzelne Vers besteht aus Jamben mit vier Füßen; die Verse mit ungerader Zählung weisen eine weitere Silbe auf (weibliche Kadenz), der letzte Vers jeder Strophe besteht aus zwei Jamben. Vor allem die Reime in den Versen mit gerader Nummer sind semantisch sinnvoll, zum Beispiel „freind / feind „(V. 2/4); mit Fragen fortfahren / kein Wort sagen (V. 6/8); „unglück und not / wein und brot“ (V. 10/12) usw.
Neben dem großen Bild vom Festessen als einem Krieg gegen die Speisen (ab V. 43) fällt noch ein kleines Wortspiel mit „wildbret, wein und brot“(V. 12 ff.) auf, wo die Frau als „wildbret“ des Mannes bezeichnet wird (V. 15. f.).
4. Die Barockgedichte sind oft vom Thema der Vergänglichkeit und dem sogenannten vanitas-Motiv bestimmt. Aber es gibt auch Zeichen der Lebensfreude, wie dieses Gedicht zeigt. Neben Weinliedern gab es in der Barockdichtung viele Trinklieder, zum Beispiel von Johann Christoph Haiden (1572-1617) „Salvete, lieben Fratres“, von Johann Hermann Schein (1586-1630) „Frisch auf, ihr Kloster-Brüder mein“, von Johann Wilhelm Moscherosch (1601-1669) „Alle Welt schreit: Zu den Waffen! Ich schrei: Juch zum Wein!“ u.a.

Weckherlins Leben:
Werke:
https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)
https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)

Sonntag, 23. Dezember 2018

Weckherlin: An das Teutschland - Text und Analyse


Georg Rodolf Weckherlin:

Sonnet. An das Teutschland

Zerbrich das schwere joch, darunder du gebunden,
o Teutschland, wach doch auf, faß wider einen mut,
gebrauch dein altes herz und widersteh der wut
die dich und die freiheit durch dich selbs überwunden.

Straf nu die tyrannei, die dich schier gar geschunden,
und lösch doch endlich aus die (dich verzehrend) glut
nicht mit dein eignem schweiß, sondern dem bösen blut,
fließend aus deiner feind und falschen brüdern wunden.

Verlassend dich auf got, folg denen fürsten nach,
die sein gerechte hand will, so du wilt, bewahren
zu der getreuen trost, zu der treulosen rach:

So laß nu alle forcht, und nicht die zeit, hinfahren,
und got wird aller welt, daß nichts dan schand und schmach
des feinds meineid und stolz gezeuget, offenbaren.

Erläuterung:
Das Gedicht ist 1641 in Amsterdam veröffentlicht worden, Weckherlin lebte in England.
denen (V. 9): den
wilt (V. 10): willst
nichts dan (V. 13): nichts als
Ein ungenannter Sprecher wendet sich „An das Teutschland“, wobei es eo ipso keine konkrete Situation geben kann, da Deutschland nicht hören kann, was der Sprecher sagt – es sei denn, man sähe durch den Aufruf eine deutsche Öffentlichkeit konstituiert.
Der Sprecher ruft in neun aneinander gereihten Imperativen (von „Zerbrich“, V. 1, bis „laß … hinfahren“, V. 12) das unter dem Krieg, der seit 1618 in Deutschland geführt wird, das gequälte Land auf, sich gegen die Peiniger zu erheben; diese werden jedoch nicht politisch identifiziert, sondern nur metaphorisch benannt:
  • das joch (V. 1)
  • die wut (V. 3)
  • die tyrannei (V. 5)
  • die dich verzehrend glut (V. 6)
  • falsche brüder (V. 8)
  • die treulosen (V. 11).
Die beiden letzten Imperative, die in den Terzetten stehen, stehen unter der Zusage, dass Gott dem gequälten Land beistehen wird, wenn (Partizipialkonstruktion: Verlassend dich, V. 9) das Land „auf got“ vertraut: Das Land soll den Fürsten nachfolgen, die Gottes Hand bewahren wird (V. 9-11, wieder sehr unbestimmt – die Fürsten standen ja auf Seiten verschiedener Parteien); Deutschland (und der Leser) muss von sich aus wissen, welche das sind, genau wie beim Feind (V. 14); und es soll seine Furcht fahren lassen (V. 12). Klar ist jedoch, dass Deutschland gemäß dem Sprecher nicht dem Kaiser folgen soll; der Sprecher steht also auf Seiten der protestantischen Partei, soweit man den Krieg als Religionskrieg begreifen kann. Zum Schluss steht eine Heilszusage, wie bei einem Propheten: Gott wird offenbaren , dass die Feinde Deutschlands nichts als „schand und schmach“ (V. 13) angerichtet haben – das sieht bereits jetzt jeder, der die Lage im Land kennt. In den Terzetten rekurriert der Sprecher auf Gottes Beistand,während er in den Quartetten gemahnt hat, sich zu ermannen.
Man kann eigentlich nicht von einem Thema sprechen, welches das Gedicht bestimmt (etwa: die Schrecken des Krieges, oder die Bosheit der Feinde), sondern muss die Eigenart des Gedichts im sprachlichen Handeln des Sprechers bestimmen: Er ruft Deutschland dazu auf, sich gegen seine Feinde endlich zur Wehr zu setzen.
Das Gedicht ist ein Sonett; diese Form wurde im Barock intensiv gepflegt. Die Quartette bestehen aus sechshebigen Jamben, die im umarmenden Reim miteinander verbunden sind; dabei weisen die Verse 1 und 4 jeder Strophe jeweils eine Silbe mehr auf (weibliche Kadenz), was nach dem vierten Vers zu einem ruhigen Ausklang und einer Pause führt. Die Terzette sind von Kreuzreimen bestimmt, wobei die Verse 10, 12, 14 eine weibliche Kadenz besitzen.
Unter einem Joch (V. 1) gehen Zugtiere, die für den Menschen arbeiten müssen; im Alten Orient wurden auch die Kriegsgefangenen mit Hals und Händen in ein Joch gespannt, damit sie wehrlos waren. Das Joch zerbrechen kann nur, wer den Aufstand wagt. Das Bild von Schlafen und Erwachen ist uralt; der Ruf zu erwachen wird sowohl in religiösen wie in politischen Zusammenhängen immer wieder gebraucht (V. 2). Die Imperative „fasse wieder Mut“ und „gebrauch dein altes Herz“ (V. 2 f.) bedeuten das Gleiche; sie unterstellen, 1. dass Deutschland wie ein Mensch agieren kann, 2. dass eine frühere gute Verfassung (Mut haben, beherzt sein) verloren wurde, aber durch einen Entschluss wieder gewonnen werden kann; die neue Verfassung soll wie die gute alte sein. Auch Vers 4 ist jambisch konstruiert, was aber nicht zu den normalen Wortakzenten passt (Freyhéit, normal: Fréyheit; auch „selbs“ gegen den Sinn ohne Betonung). Die Glut (V. 6) ist die Glut des Feuers, das sowohl wörtlich wie metaphorisch im Krieg erlebt wurde; dass nicht der eigene Schweiß, sondern das feindliche Blut das Löschwasser sein soll, ist ein originelles Bild (V. 7 f.). Mit dem Attribut „falschen“ (V. 8) werden angebliche Brüder entlarvt, ohne dass gesagt würde, welche der Kriegsparteien dazu zählt. Hier liegt wieder eine starke Wertung vor, genau wie bei „Joch“ und „gebunden“ (V. 1), beim unterstellten Schlafen (V. 2), beim verlust der Freiheit (V. 4), bei „Tyranney“ und „geschunden“ (V. 5), bei der verzehrenden Glut (V. 6), beim Attribut „bösen“ (V. 7), auch bei „feind“ (V. 8).
Im Kontrast dazu fallen die positiven Wertungen auf, die mit Gottes Hand (V. 10) und den Getreuen als Nutznießern (V. 11, im Kontrast zu den Treulosen) verbunden sind.
Mit „So“ (V. 12) zieht der Sprecher das Fazit aus seinen Aufrufen; Furcht und nicht die Zeit hinfahren lassen: ein Zeugma. Zum Schluss wird angekündigt, was Gott offenbaren wird: das Böse, in Form von Schande und Schmach beim Opfer, Deutschland, in Form von Meineid und Stolz bei den Feinden (V. 13 f.); Stolz ist schon in den Psalmen die Haltung der Feinde Gottes (Ps. 10,4; 17,10 usw.). Die Zusage in V. 13 f. ist für ein verwüstetes Land ein bisschen dürftig: Ruhe und Frieden wären mehr als nur die Offenbarung, dass die Bösen böse sind.

Verwandte Gedichte:
Heinrich Hudemann: Teutschland
Andreas Gryphius: Tränen des Vaterlandes (https://de.wikipedia.org/wiki/Tr%C3%A4nen_des_Vaterlandes)
Sigmund von Birken: Kriegstränen
Johann Klaj: Teutschland
Dreißigjähriger Krieg:

Weckherlins Leben:
Werke:
https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)
https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)

Samstag, 22. Dezember 2018

Weckherlin: erklärung an etliche canzleiherren - Text und Analyse


Georg Rodolf Weckherlin:

Erklärung an etliche canzleiherren

1615.



Ihr herren, damit ich ja euch
nenn eben gleich
wie günstig ihr euch selbs intitulieret,
ihr, deren grob verderbtes blut
sich, gleichsam ab des fiebers wut,
ab meiner schrift erhitzet und gefrieret.



Ihr mischet teutsch, welsch und latein,
doch keines rein,
weil eure kunst ihr nicht gern wolt verhehlen,
10 und sprechet mit zu weiser schmach,
daß ich verderb die teutsche sprach,
weil fremde wort ich nicht, wie ihr, mag quälen.



Zwar wan man ja welsch reden soll,
so müst ihr wol,
daß besser ich, dan ihr, es red, gestehen;
kan also auch ein blinder tropf
nicht so vil witz in euerm kopf
als neid und haß in euern herzen sehen.



Demnach dan euers hirns gefahr
20 so offenbar,
warum solt ich in versen euch bedenken?
wär ich nicht kränker selbs, dan ihr,
und auch ein vernunftloses thier,
wan ich euch wolt mit schriften mehr bekränken?



Nein. Euer argwohn ist umsunst
und nur ein dunst,
der euch das hirn, so vorhin schwach, verletzet.
ich wär wie ihr, wan ich die hand,
für oder wider eure schand
30 zu schreiben, nur auf das papier gesetzet.



Dan würden alle weisen nicht
bald das gedicht,
das euch fuchsschwänzen wolt, verlachen?
wie dan euch schelten, wär auch kaum
ein weisers werk, dan einen baum,
der dürr und faul, noch fruchtbar wollen machen.



Wan ich die zeit schadlos vertreib
und frölich schreib,
so schreib ich doch nicht an, für, noch von allen,
40 und meine vers, kunstreich und wert,
die sollen denen, die gelehrt,
und nur, hoff ich, verständigen gefallen.



Zu köstlich und zu rein und frisch
für euern tisch
und magen seind die trachten meiner schriften;
den bauren taugt ein hafenkäs,
die pomeranzen seind zu räß,
damit sie sich wol förchten zu vergiften.



Ich will nicht die torechte müh,
50 so ich alhie,
jemals von euch zu schreiben ferners haben;
darum so gebt euch nu zu ruh,
ich sag euch bei den Musen zu:
von euch schreib ich kein einigen buchstaben.



Auch mir gebührt es freilich nicht
durch ein gedicht
euch, herren, euch und euer lob zu singen,
sondern dem der in hungersnot
mit starker stim ein stücklein brot
60 für euerm haus verhoft davon zu bringen.
Quelle: Georg Rodolf Weckherlin: Gedichte, Leipzig 1873, S. 134-136.
Sprachliche Erläuterungen:
canzleiherr (Überschrift): Die Kanzlei war die Behörde des Regenten, die den Schriftverkehr führte. Kaiser Maximilian führte eine eigene (oberdeutsche) Kanzleisprache ein, während Luther sich auf die Sächsische Kanzleisprache stützte.
ab (V. 5): vor, aus
welsch (V. 7): ausländisch (italienisch, auch französisch)
verhehlen (V. 9): verbergen
schmach (V. 10): herabsetzende Beleidigung
tropf (V. 16): einfältiger Mensch
witz (V. 17): Verstand
euers hirns (V. 19): für euer Hirn
bedenken (V. 21): über etwas nachdenken, beachten
dan (V. 22, beim Komparativ): als (noch selten noch „denn“)
bekränken (V. 24): kränken
vorhin (V. 27): vorher
wan (V. 28) wenn
fuchsschwänzen (V. 34): schmeideln, nach dem Mund reden
schadlos (V. 37): ohne Schaden zu bringen
tracht (V. 45): was als Frucht getragen wird
hafenkäs (V. 46): alter fauler Käse
pomeranzen (V. 47): Goldäpfel
räß (V. 47): scharf, herb
damit (V. 48): womit (oder Objekt zu „sich vergiften“)
torecht (V. 49): töricht
einig (V. 54): einzig
für (V. 60): vor
verhoft (V. 60): von „verhofen (?): Bedeutung unklar; die Vorsilbe „ver-“ bedeutet oft das Falsche, Schlechte, Unzweckmäßige; „des Hofs verwiesen“ (bezogen auf „dem...“) oder „weggeworfen“ (bezogen auf „brot“)?; oder „erhofft“?

1. Durch die Überschrift werden die Gegner ungenau identifiziert, gegen die sich der Ich-Sprecher wendet. Dieser kann hier mit dem Autor Weckherlin gleichgesetzt werden.
2. Es geht um die angemessene Sprache des Autors Weckherlin, in in den Ohren mancher Kanzleiherren unangemessen klingt: Sie verwenden eine gängige Bildungssprache (V. 7-9) und werfen Weckherlin vor, die „teutsche sprach“ zu verderben (V. 11), weil er deutsche Wörter gebrauche.
Dagegen wehrt Weckherlin sich sehr polemisch:
  • Ich beherrsche die Fremdsprache besser als ihr (V. 13-18).
  • Mit euch setze ich mich nicht einmal auseinander (V. 19-36 und V. 49-54).
  • Ich schreibe nur für vernünftige Menschen (V. 37-48).
  • Ich schreibe für den, dem eure Sprachprodukte nicht genügen (V. 55 ff.).
Das Thema ist der Streit um die Frage, wie weit Schriftsteller sich von der mit Fremdwörtern durchsetzten Bildungssprache zugunsten der deutschen Sprache lösen dürfen oder sollen.
3. Die Strophen stehen in einer kunstvollen Spannung zwischen Reimform, Verslänge und Satzbau. Die Verse bestehen aus Jamben zu 5, 2, 6, 4, 4, 5 Hebungen; dabei bilden die Verse 1 und 2 jeder Strophe einen Paareim, die Verse 3-6 einen umarmenden Reim. Die jeweils ersten drei Verse und die letzten drei sind ein Satz, der mit einer weiblichen Kadenz ausklingt – sonst haben wir immer männliche Kadenzen. Zusammen ergibt das ein lebhaftes Sprechen, das dem Zorn des Sprechers den nötigen Schwung verleiht.
Der Form nach argumentiert der Sprecher, aber im Wesentlichen beschimpft er seine Gegner und setzt sie als Idioten herab. Den Titel „Herren“ erkennt er ihnen nicht zu (V. 1-3); im Bild von Blut und Fieber wertet er sie als „verderbt“ ab (V. 4-6). Er wirft ihnen vor, sich mit ihren Kenntnissen brüsten zu wollen (V. 7-9), und benennt ihren Vorwurf (V. 10-12). Er prahlt damit, die fremdsprachen besser als sie zu beherrschen (V. 13-15), woraus sich ergibt, dass ihr vorwurf gegen ihn auf Neid und Hass beruhe (V. 16-18). Daraus folgert er, dass er sich mit ihnen nicht abzugeben brauche (V. 19 ff.), sie seien Schwachköpfe (V. 27); das ist ein innerer Widerspruch, da er sich ja die ganze Zeit mit ihnen befasst und bei seinem Gedicht die Hand aufs Papier gesetzt hat (V. 28-30). Mit dem Vergleich der Gegner mit einem dürren Baum (bzw. Vergleich des Scheltens der Gegner mit dem Versuch, einen verdorrten Baum fruchtbar zu machen, V. 34-36) schließt er diese Passage ab. Daraus ergibt sich logisch, dass er für Verständige schreibt, wie er anschließend kundtut (V. 37 ff.). Den Vergleich mit dem verdorrten Baum führt er in V. 43-45 fort: „Zu köstlich und zu rein und frisch / für euern tisch / und magen seind die trachten meiner schriften;“ er beschimpft sie indirekt als dumme Bauern (V. 46-48), für die seine Früchte (V. 45) zu schade sind. Im Zorn des Streitens wiederholt er den bereits geäußerten (V. 19 ff.) Schimpf, er setze sich mit ihnen nicht einmal auseinander (V. 49-54 und V. 55-57, vgl. V. 31-33). Er schreibe vielmehr für Leser, die solide Kost brauchten (V. 58-60).
Das Bild vom Gedicht als geistiger Nahrung beherrscht sachlich die Argumentation (V. 43 ff.), während vorher noch „gefallen (V. 42) als Kriterium des guten Gedichtes genannt wird.
4. Die Heftigkeit des Streits zeigt an, dass eine neue Zeit angebrochen ist, in der die deutsche Sprache in die Dichtung einzieht. Über diesen Hintergrund informiert der Artikel „Sprachgesellschaften im Barock“ im Lernhelfer Deutsch (https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/sprachgesellschaften-im-barock), allgemein die Übersicht „Literatur des Barock“ (https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/kapitel/46-literatur-des-barock oder https://de.wikipedia.org/wiki/Barockliteratur). Im Barock wird die deutsche Literatur neu begründet.

Leben:
Werke:
https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)
https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)