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Mittwoch, 11. Oktober 2017

Kästner: Tretmühle (1928) - Analyse

Rumpf vorwärts beugt! Es will dich einer treten!
Und wenn du dich nicht bückst, trifft er den Bauch.
[...]
Die Überschrift „Die Tretmühle“ ist ein Wortspiel: Normalerweise bezeichnet man ein Tret- oder Laufrad so, mittels dessen eine Mühle durch die Körperkraft von Menschen bzw. Tieren angetrieben oder Lasten gehoben werden. Im übertragenen Sinn spricht man auch vom immer gleichen Alltagstrott als Tretmühle. Hier jedoch wird die Unsitte, Untergebene zu schikanieren oder zu treten, als Tretmühle bezeichnet.
Das Kommando „Rumpf vorwärts beugt!“ (V. 1) war eine Anweisung im Turnunterricht der Preußischen Volksschulen bzw. beim Turnen. Damit ist der Sprecher als ein Vorgesetzter (Lehrer oder Übungsleiter) erwiesen, der einem Zögling eine Anweisung gibt. Diese Anweisung braucht beim Turnen nicht begründet zu werden – hier aber wird sie überraschend begründet, und zwar auf zynische Weise hilfsbereit (V. 1 f.), sozusagen zur Vermeidung unnötigen Leidens, wenn man schon getreten wird. Als Begründung dafür genügt offenbar der Wille des Tretenden (V. 1), später kommen weitere Begründungen hinzu (V. 8, V. 13-16).
Angesprochen wird ein unbekannte Person „du“, die offenbar jeden Einzelnen meinen kann. Das ergibt sich aus den beiden folgenden Versen, in denen eine mögliche Gegenfrage („Warum ich?“) von vornherein ausgeschaltet wird: „Du sollst nicht fragen...“ (V. 3 f.), sondern du sollst, könnte man ergänzen gehorchen, „die andern tun es auch“ (V. 4). Die Figuren „Du ↔ die anderen“ (V. 3) und „Du = die anderen“ (V. 4) sind immer wieder gebrauchte Figuren des Argumentierens.
Die Worte des Sprechers sind im fünfhebigen Jambus gesprochen; die Verse sind im Kreuzreim aneinander gebunden, die Reime stellen jedoch keinen semantischen Bezug der Verse her; sie wirken sogar ein wenig gesucht, weil der Tretende den Gebückten ja wohl in den Hintern tritt, aber nicht in „den Bauch“ (V. 2), wenn er sich nicht bückte. Es wechseln weibliche (V. 1, 3) und männliche Kadenzen (V. 2, 4) am Versende; zusammen mit dem Kreuzreim ergibt das den Eindruck, dass jeweils zwei Verse zusammengehören, weil nach der männlichen Kadenz quasi eine kleine Pause eintritt, während die weibliche Kadenz als unvollendeter Takt vorwärts drängt. „Rumpf“ (V. 1) ist außerhalb des Taktes betont, wie es sich für ein Kommando gehört. Das Kommando „Rumpf vorwärts beugt!“ steht im Plural, angesprochen wird danach jedoch ein Einzelner, den man mit dem Hinweis auf „die anderen“ zum konformen Gehorsam (V. 4) bewegen will.
In der zweiten Strophe wird das Kommando zweimal wiederholt, allerdings abgewandelt (V. 5 und V. 7) und dann jeweils neu begründet (V. 5 f., V. 8). Die erste neue Begründung ist objektiv zynisch, weil sie den Getretenen völlig dem Willen des Tretenden unterwirft (V. 6: „Es ist ihm ernst.“). Doch der Tretende handelt nicht aus persönlichem Antrieb, sondern „[e]r wird dafür bezahlt“ (V. 6). Damit wird der Zusammenhang von Treten und getreten Werden in den Rahmen einer Institution gestellt, hinter der „das Vaterland“ steht (V. 8). Das Vaterland steht sowohl hinter der Schule wie hinter der Armee - „das Vaterland“ wartet auf gehorsame Soldaten, die trainiert sind und sich malträtieren lassen, die den Rumpf fleißig gebeugt und sich haben treten lassen.
Hier zeigt sich die Stoßrichtung des Gedichtes: Indem der Sprecher offen zynisch dazu auffordert, sich misshandeln zu lassen, stellt der Dichter den (para)militärischen Drill und das darauf versessene „Vaterland“ an den Pranger. Was das in den 20er Jahren des 20. Jh. heißt, ist zum Schluss zu untersuchen. - Dem Vaterland entspricht die Anrede „Mensch“, die man wörtlich (einen jeden bezeichnend) oder als saloppe Anrede eines Einzelnen verstehen kann. „Tief“ (V. 7) ist wieder gegen den Takt zu betonen; es folgt die Steigerung „Tiefer!“, bis zur unmöglichen Aufforderung, mit der Nase die Knie zu berühren (Übertreibung als Stilmittel der Satire).
Mit der 3. Strophe wechselt der Sprecher seinen Ton, er scheint verständnisvoll dem Zögling Mut zuzusprechen (V. 10: „Es ist nicht deine Schuld.“ und V. 11 f.). Der Verweis auf die anderen, die hier als Vorbilder dienen (V. 11, vgl. V. 4), widerspricht der Aufforderung von V. 3: Dieser Widerspruch (ebenfalls Merkmal der Satire) zeigt hier jedoch, wie willkürlich die Begründungen dafür sind, dass man sich schinden lassen soll. Die Reime sind in dieser Strophe sinnvoll, sie ordnen Phrasen bzw. Sätze sinnvoll einander zu (Bezug auf den Rücken V. 9/11, Ermunterung V. 10/12).
Mit dem unvollständigen Satz „Und muss so sein.“ (V. 13) wird ein nicht vorhandener Vordersatz fortgeführt, sinngemäß etwa: „Es ist gut, sich treten zu lassen.“ Die Forderung, sich treten zu lassen, wird so begründet. Es folgen zwei weitere ähnliche „Begründungen“: Das sei der Sinn der Erde (V. 13), das sei einfach „Gesetz“ (V. 16); hier fehlt jedoch ein Attribut, wo das Gesetz gelten soll – das attributlose „Gesetz“ erweist sich so als leere Phrase, ebenso wie die sinnlose Fortsetzung „Und gilt auch umgekehrt“ (V. 16): Eine wirkliche Umkehrung würde heißen, dass die Treten von den Getretenen getreten werden, wovon jedoch keine Rede sein kann. Dass für die kleinen Leute getreten zu werden der Sinn der Erde sein kann, das gilt in der Perspektive der Herrenmenschen, also des alten Adels, der Großgrundbesitzer und Kapitalisten.
Übrigens steckt in V. 14 f. ein logischer Widerspruch: Die Erfahrung kann nichts über den Zweck einer Handlung lehren, wie hier vom Treten behauptet wird, weil ein Zweck die innere, geistige Setzung des Handelnden ist, also sich der Erfahrung entzieht und nur in einer Interpretation zu fassen ist. Auch diese Unmöglichkeit zeigt, dass Kästner eine Satire verfasst hat. Nur in dieser Strophe wird dreimal ein Satz mit „und“ eingeleitet; sonst sind die Sätze gedanklich oder syntaktisch normal miteinander verbunden. V. 13/15 kann man als sinnvollen Reim betrachten, weil der Inhalt des Sinns (V. 13) in V. 15 ausgesprochen ist.
Der Sprecher setzt nun neu an, er fordert zu beten auf (V. 17) bzw. stellt dies als ein „Gebot“ vor. „Laut- und Leisetreter“ ist ein Wortspiel (Satire!), wo zu dem gängigen Begriff „Leisetreter“ einfach das sinnlose Pendant „Lauttreter“ gebildet wird. Die Zusammenstellung „Laut- und Leise-“ besagt: für alle Treter. Der Inhalt des aufgegebenen Gebetes ist eine Folge von Wortspielen, in denen das Treten gerechtfertigt wird. Der Stiefelknecht ist ein Gerät, mittels dessen man sich von seinen Stiefeln befreien kann (https://de.wikipedia.org/wiki/Stiefelknecht); hier wird das zusammengesetzte Nomen in seine Bestandteile zerlegt, die dann wieder wörtlich genommen werden, wobei „Stiefel“ metonymisch für den Tretenden steht und „Knecht“ für den, der getreten wird. Wenn man dafür beten soll und kann, wird das Treten als Gesetz (vgl. V. 16!) der göttlichen Weltordnung legitimiert. Die Redensart, dass Not beten lehrt, wird hier spielerisch abgewandelt zur Parodie „Not lehrt treten“ (V. 19); daraus wird die sinnlose „Bitte“ herausgesponnen: „Beliefre uns mit Not!“ Der folgende Vers ist ebenfalls eine Parodie, hier die eines Goethegedichts, das in sein Gegenteil verkehrt wird (getreten werden ← sich selbst befehlen):
Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht;
Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.“ (Goethe: Zahme Xenien)
Der Imperativ „Gib“ ist wieder gegen den Takt zu betonen. Der Reim V. 17/19 kann hier als sinnvoll gelten, weil das ganze Gebet ja die Praxis des Tretens unterstützt und religiös überhöht. Die fünfte Strophe fällt mit ihrem religiösen Aspekt aus dem Zusammenhang heraus; es scheint so, als ob Kästner sie voller Freude über seine witzigen, sarkastischen Wortspiele in den Kontext hineingeschmuggelt hätte.
Mit dem letzten Vers der sechsten Strophe wird der Anfang des Gedichtes wieder aufgenommen. Wenn es möglich ist, wird hier der Sadismus des Sprechers noch einmal gesteigert: „Freu dich an den Farben...“ (V. 21 f.); das Adverb „kunstvoll“ verdient Beachtung, das Schlagen und Treten kann offensichtlich als Kunst zelebriert werden. Der folgende Satz (V. 23) wird nicht mit V. 21 f. verbunden, kann aber als eine Art Begründung dafür gelesen werden, aber auch als allgemeine Sentenz (wie etwa V. 13 oder V. 20). V. 23 wandelt einen ähnlichen Satz aus Reden zum „Heldengedenken“ nach einem Krieg ab, dass es die Besten waren, die gefallen sind; der Zusammenhang mit Vaterland – Militär – Krieg ist offensichtlich. V. 24 a ist gleich V. 1 a, dieses Kommando bildet die Klammer und die Ausführungen des Trainer-Sprechers. V. 24 b ist wieder ein Zitat, diesmal der Anfang des Gedichtes „Fülle“ von C. F.Meyer:„Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!“
Dadurch, dass die Wendung „Genug ist nicht genug!“ aus dem Herbstlob gelöst und in die Verherrlichung des Tretens eingefügt wird, kann der Sprecher noch einmal seinen Sadismus zeigen und den Satz V. 23 „begründen“. Der Imperativ „Geh“ und das Nomen „Rumpf“ sind wieder gegen den Takt betont. V. 22/24 passen auch semantisch zueinander, weil das kunstvolle Schlagen natürlich nicht an ein sachliches Maß gebunden sein kann.
Insgesamt kann man die sadistische Verherrlichung des Tretens und Unterjochens, gebunden an die Perspektive eines Sprechers der Herrenklasse, nur als Entlarvung und Anklage gegen eben diesen Ungeist des Militarismus und der Ausbeutung verstehen, der auch nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland noch lebendig war und in dem sich die alte Elite Preußen-Deutschlands (Militär, ostelbische Junker, Industrielle) mit den neuen Schlägern der NSDAP verbünden konnten. Durch die Form der Satire kann der Autor Kästner seinen Sprecher genau das überspitzt vertreten lassen, was er selber als Deutschlands Unheil erkennt. Für einen Schläger kennt der Sprecher ungewöhnlich viel Literatur, spricht er auch eine etwas zu stark gehobene Umgangssprache; aber das ist dem satirischen Ton verdankt.

http://www.deutschkurse.ch/files/Metrik/Metrik-Uebungen/ME_Kaestner_Gedichte.pdf (Betonungsschema – bitte kritisch prüfen)

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