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Dienstag, 25. September 2018

K. Tucholsky: Der Rhein und Deutschlands Stämme - Text und Analyse


Der Rhein und Deutschlands Stämme

Es fließt ein Strom durch das deutsche Land,
drin spiegeln sich Schlösser und Zinnen;
er ist in den deutschen Gauen bekannt,
kein Refrain kann demselben entrinnen.
Und alle Romantik hat hier ihr Revier,
und je lauter das Rheinlied, je kälter das Bier
der kleinen und großen Verdiener.
Zum Beispiel so der Berliner:
»Ein rheinischet Meechen – beim rheinischen Wein –
Ja, Donnerwetter nich noch mal!
Na, det muss ja der Hümmel auf Erdn sein –!
Wat, Lucie –?«


Wer Lieder für Operetten schreibt
aus Prag, aus Wien und aus Bentschen –:
den Rhein möcht ich sehn, der da ungereimt bleibt –
es sind halt geschickte Menschen!
Und was sie dichten, ganz Deutschland grölts,
von Aachen bis Dirschau, von Kiel bis nach Ölz;
wo nur Treue und Weinbrand wachsen.
Zum Beispiel so unsere Sachsen:
»Ein rheinisches Mädchen – beim rheinischen Wein –
Nu heere mal, Agahde, was hasdn dn
Krachenschonr nich midgenomm? ‘s is doch
so giehle uffm Wasser?
Diß muss ja der Himmel auf Erden sein!
Eicha…!«


Im Rhein, da quillt unsere Mannesbrust,
da liegen dicke Tantiemen;
und befällt den Deutschen die Sangeslust:
hier kann er das Ding unternehmen.
Es reimt sich der Rhein
auf Schein und auf Sein
und auf mein und auf dein,
auf Jüngferlein, Stelldichein, Gänseklein…


Und ist auch zerklüftet das Deutsche Reich:
im Moorbad der Lyrik verstehn sie sich gleich.
Viel schneller als bei Richard Dehmel.
Zum Beispiel so jener aus Memel:
»Äin rhäinisches Mädchen – bäim rhäinischen Wäin –
äi, das muss ja der Himmel – auf Erden säin –
Wäißt, wenn dir der Wäin nich schmeckt,
jieß noch ‘n kläin Schnapsche räin! –
Äi, das muss ja der Himmel auf Erden säin –!
Oder mäinst näin –?«
So ist der Rheinstrom ohne Fehle
das Familienbad der deutschen Seele.


Theobald Tiger, in: Simplicissimus, 25. 7. 1927, S. 218

Erläuterungen:
Romantik (V. 5): Anspielung auf die Rheinromantik, die 1801 mit Clemens Brentanos Gedicht „Zu Bacharach am Rheine“ begann, dem ersten Lied auf die Loreley; seit 1827 fuhren Dampfschiffe auf dem Rhein, was die Rhein-Begeisterung ungemein vergrößerte.
Ein rheinisches Mädchen beim rheinischen Wein (V. 9): Lied von Paul Hoppe (1927) zu einem Text von Hans Willy Mertens (1866-1921); auch Titel eines Stummfilms 1927
Bentschen (V. 14): gehörte ab 1793 zu Preußen, ab 1919 als Grenzstadt zu Polen
Dirschau (V. 18): Stadt in Westpreußen, seit 1919 polnisch
Ölz (V. 18): Google kennt den Ort nicht (vermutlich als Reimwort erfundener Ort)
Tantiemen (V. 28): Gewinnbeteiligung bei einem Unternehmen
Richard Dehmel (V. 37): deutscher Dichter (1863-1920)
Memel (V. 38): Stadt in Litauen, bis 1945 Ostpreußen

Ein Unbekannter macht sich über ein Lied und die deutsche Rheinromantik lustig; Zuhörer sowie Ort und Zeit seiner Äußerung sind nicht zu erkennen.
Er spricht über das bei Abfassung des Gedichts aktuelle Rheinlied, das offenbar ein Ohrwurm war, und lässt Menschen aus drei deutschen Ländern in ihrer Mundart den Refrain des Liedes singen. Eingeschoben in diese drei Länder-Strophen ist eine kürzere Strophe (V. 27 ff.), in der die Bedeutung des Rheins für die Deutschen „erklärt“ wird. Die Satire greift die mit dem Lied und der Rheinromantik verbundene Gefühlsduselei an und macht sie lächerlich.
Das Gedicht besteht aus vier Strophen unterschiedlicher Länge (von acht bis vierzehn Versen); sowohl die Länge der Verse als auch das Versmaß (häufig der Jambus) variieren, ebenso die Reimform: Kreuzreim oder Paarreim, und die Kadenzen. In den zitierten mundartlichen Äußerungen der drei Männer aus Berlin, Sachsen und Ostpreußen fehlt schon mal ein Reim. Das ergibt ein lebhaftes Sprechen, zumal da der Refrain des Rheinliedes im Dreivierteltakt gesungen bzw. gesprochen und durch prosaische Äußerungen der Männer unterbrochen wird. Die Reime sind meistens unsinnig, wie es sich für eine Satire gehört: Schlösser und Zinnen – Refrain kann nicht entrinnen (V. 2/4); wo Treue und Weinbrand wachsen – so zum Beispiel unsere Sachsen (V. 19/20), usw. Die Sprache des Sprechers ist die gehobene Umgangssprache (Zinnen,V. 2; Tantiemen, V. 28; bei „sehn“, V. 15, „grölts“, V. 17, und „verstehn“, V. 36, sind zwei Wörter verschliffen; bei „möcht“, V. 15, fehlt der Schlusslaut). Die Männer, die den Refrain des Rheinliedes singen, gebrauchen dabei ihren Dialekt; das wirkt komisch (Satire!), weil diese Dialekte nicht zum Rhein und Rheinland passen.
Das erste Mal, wo klar wird, dass das Gedicht eine Satire ist, ist in V. 4 die Äußerung, kein Refrain könne dem Rhein entrinnen. Das ist ein Bruch der Kategorien: Der Sinnbereich „Fluss“ passt nicht direkt zum Sinnbereich „Musik“. Das gilt auch für „Romantik – Revier“ (V.  5), „Revier“ klingt zudem abwertend, ebenso in der Zusammenstellung „Rheinlied – Bier“ (V. 6) das Bier, wobei der umgekehrt reziproke Sachverhalt „je lauter – je kälter“ (V. 6) die Sinnlosigkeit der Beziehung von Bier und Lied steigert. Dass es bei der Rheinromantik auch „Verdiener“ gibt (V. 7), entlarvt die Gefühlsduselei der Touristen, indem sie in den wirtschaftlichen Verwertungszusammenhang gestellt wird.
Der Refrain des Rheinliedes wird von drei verschiedenen Männern in ihrem Dialekt gesungen (V. 9 ff., V. 21 ff., V. 39 ff.). Dabei wird der „schöne“ Refrain von Äußerungen zu ganz banalen Dingen (Kragenschoner wegen der Kälte, V. 23), durch ein Kraftwort (V. 10) und durch die Anleitung, den Wein durch einen Schnaps zu veredeln (V. 41 f.) zerstört. Auch die Frage an die Gattin („Wat, Lucie –?“ ) passt nicht zum Lobpreis des rheinischen Mädchens (V. 12), ebensowenig die Frage des Ostpreußen (V. 44), die die Möglichkeit offen lässt, dass die Errungenschaften der Rheinromantik doch nicht der Himmel auf Erden sind, wie er gerade gesungen hat (V. 40 – innerer Widerspruch). So wird schon im Singen des Refrains die Rheinromantik ad absurdum geführt.
Der Vers „den Rhein möcht ich sehn, der da ungereimt bleibt“ (V. 15) hat es in sich: Zuerst wird so getan, als ob es mehrere Rheine gäbe, und dann werden der Rhein und das Wort „Rhein“ beim Satzadjektiv „ungereimt“ vertauscht; wenn das Reimen so leicht ist, dann ist das Lob der Reimenden (V. 16) blanke Ironie. Das Verb „grölts“ (V.17) wertet das Singen ab: Satire. Die Zusammenstellung „Treue und Weinbrand“, kategorial verschieden, ist satirisch, ebenso die unsinnige Äußerung, dass Weinbrand wächst (V. 19).
Eingeschoben ist eine Strophe (V. 27-34), in der der Rhein satirisch gepriesen wird. Erstens wird wieder der Rhein mit dem Wort „Rhein“ vertauscht („Im Rhein“, V. 27); zweitens passt das Verb „quellen“ (statt „schwellen“) nicht zur singenden Mannesbrust; drittens werden wie in V. 6 Gesang und Verdienst entlarvend in Beziehung gesetzt (V. 27-30), wobei die Herkunft der Tantiemen und „das Ding“ unbestimmt bleiben. Die Zusammenstellung der möglichen Reimwörter zu „Rhein“ entlarvt die Sinnlosigkeit des Rhein-Dichtens, weil dabei gegensätzliche Bestimmungen (Schein-Sein, mein-dein) und disparate Größen (V. 34) beliebig angesetzt werden können.
In der letzten Strophe wird zunächst erklärt, welche politische Bedeutung die Rheinlyrik hat: Sie überspielt (für den Moment) die Gegensätze, die es zwischen den Stämmen (Überschrift) des Deutschen Reiches gibt; sie verstehen sich nämlich „im Moorbad der Lyrik“ (V. 36). Ob mit „Moorbad“ eher an die heilende Wirkung dieses Bades oder an den damit verbundenen Dreck gedacht ist, kann man nicht entscheiden; denn Moorbad und Lyrik passen kategorial überhaupt nicht zusammen, ein Merkmal der Satire.
In den zusammenfassenden Schlussversen (V. 45 f.) wird die Gemeinsamkeit „Wasser“ dazu genutzt, den Rheinstrom zum Familienbad der deutschen Seele zu erklären; dabei braucht die Seele kein Familienbad (Satire), wohl aber die zerstrittenen (vgl. „zerklüftet“, V. 35) Stämme Deutschlands (Überschrift); das Familienbad der Rheinromantik vereint sie, aber dieses lyrische Familienbad ist schon als Moorbad (V. 36) verspottet worden.
Die Satire richtet sich gegen das 1927 in große Mode gekommene Rheinlied, wobei sowohl die Rheinromantik als solche als auch die gefühlsduselige Singerei angegriffen werden. Gegen die Dichterei der Inkompetenten richtet sich später Tucholskys „Lehrgedicht“:
Wenn du mal gar nicht weiter weißt,
dann sag: Mythos.
Wenn dir der Faden der Logik reißt,
dann sag: Logos.
Und hast du nichts in deiner Tasse,
dann erzähl was vom tiefen Geheimnis der Rasse.
So erreichst du, dass keiner, wie er auch giert,
dich je kontrolliert.
Willst du diskret die Leute angeilen,
dann sag: Eros.
Sehr viel Bildung verleiht deinen Zeilen:
Dionysos.
Aber am meisten tun dir bieten
die katholischen Requisiten.
Tu fromm – du brauchst es gar nicht zu sein.
Sie fallen drauf rein.
Machs wie die Literatur-Attachés:
nimm ein Diarium.
Die Hauptsache eines guten Essays
ist das Vokabularium.
Eros und Mythos hats immer gegeben,
doch noch nie so viele, die von ihnen leben…
So kommst du spielend – immer schmuse du nur! –
in die feinere deutsche Literatur.
Theobald Tiger (1929)

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