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Sonntag, 23. September 2018

K. Tucholsky: Gefühle - Text und Analyse


Gefühle

Kennen Sie das Gefühl: ›déjà vu‹ –?
Sie gehen zum Beispiel morgens früh,
auf der Reise, in einem fremden Ort
von der kleinen Hotelterrasse fort,
wo die andern alle noch Zeitungen lesen.
Sie sind niemals in dem Dorf gewesen.
Da gackert ein Huhn, da steht eine Leiter,
und Sie fragen – denn Sie wissen nicht weiter –
eine Bauersfrau mit riesiger Schute…
Und plötzlich ist Ihnen so zumute
– wie Erinnerung, die leise entschwebt –:


Das habe ich alles schon mal erlebt.

Kennen Sie das Hotelgefühl –?
Sie sitzen zu Hause. Das Zimmer ist kühl.
Der Tee ist warm. Die Reihen der Bücher
schimmern matt. Das sind Ihre Leinentücher,
Ihre Tassen, Ihre Kronen –
Sie wissen genau, dass Sie hier wohnen.
Da sind Ihre Kinder, Ihre Alte, die gute –
Und plötzlich ist Ihnen so fremd zumute:


Das gehört ja alles gar nicht mir…
Ich bin nur vorübergehend hier.


Kennen Sie… das ist schwer zu sagen.
Nicht das Hungergefühl. Nicht den leeren Magen.
Sie haben ja eben erst Frühstück gegessen.
Sie dürfen arbeiten, für die Interessen
des andern, um sich Brot zu kaufen
und wieder ins Büro zu laufen.
Hunger nicht.
Aber ein tiefes Hungern
nach allem, was schön ist: nicht immer so lungern –
auch einmal ausschlafen – reisen können –
sich auch einmal Überflüssiges gönnen.
Nicht immer nur Tag-für-Tag-Arbeiter,
ein bisschen mehr, ein bisschen weiter…
Sein Auskommen haben, jahraus, jahrein… ?
Es ist alles eine Nummer zu klein.
Hunger nach Farben, nach der Welt, die so weit –
Kurz: das Gefühl der Popligkeit.


Eine alte, ewig böse Geschichte.
Aber darüber macht man keine Gedichte.
Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 27. 1. 1925, Nr. 4, S. 123
Erläuterungen:
déjà vu (V. 1): (franz.) „schon gesehen“
Schute (V. 9): Die Schute (Biedermeierhut, Kiepenhut, Kapotte) ist eine genähte hutartige Haube, die sich um 1800 aus der älteren Rokokohaube entwickelte und bis Mitte des 19. Jahrhunderts in modischen Abwandlungen getragen wurde. Die Schute bestand aus einem hohen Kopf (für den üblichen Haarknoten) mit gesteifter, vorn breiter, zum Nacken hin meist schmaler werdender Krempe, die das Gesicht umrahmte. Ihre breiten Bänder wurden unter dem Kinn zu einer Schleife gebunden. (Wikipedia)

Es spricht ein Ich zu jemand, der mit „Sie“ angesprochen wird. Obwohl man meint, Kurt Tucholsky wende sich an den Leser persönlich, muss man aus methodischen Gründen daran festhalten, dass ein Ich-Sprecher („lyrisches Ich“ kann man ihn kaum nennen) sich an einen Hörer wendet (wobei „Hörer“ als generisches Maskulinum nicht unbedingt einen Mann bezeichnet; der Sprecher ist dagegen sicher ein Mann, vgl. V. 19). Mit persönlichen Äußerungen über Gefühle wendet man sich eher nicht an ein größeres Publikum; eine Situation des Sprechens gibt es hier nicht, nur die sprechende Stimme.
Das Gedicht besteht aus sechs unterschiedlich langen Strophen. In der 1. Strophe wird das déjà-vu-Gefühl anhand eines Beispiels (V. 1-11), in der 2. Strophe wird es formelhaft erklärt (V. 12). In der 3. (V. 13-20) und 4. Strophe (V. 21 f.) verfährt der Sprecher ebenso mit dem, was er „Hotelgefühl“ (V. 13) nennt, womit er ein Gefühl der Fremdheit inmitten des Vertrauten meint. In der 5. Strophe geht es um ein Gefühl, das der Sprecher nicht recht zu benennen weiß (V. 23-39), das er schließlich salopp „Gefühl der Popligkeit“ (V. 39) nennt, womit er ein Ungenügen an dem, was man tut und wie man lebt, meint, eine Sehnsucht nach „ein bisschen mehr, ein bisschen weiter“ (V. 35). In der letzten Strophe (V. 40 f.) schließt er mit einem Rückblick auf dieses Gefühl sein Sprechen ab.
Thema des Gedichtes sind drei verschiedene Gefühle, in denen erlebt wird, dass das Ich nicht vollständig in seine Welt eingepasst ist: im Fremden Bekanntes sehen, im Bekannten sich fremd vorkommen, im Vorhandenen nach einem Mehr ausschauen.
Die sechs Strophen sind in Knittelversen gesprochen (einzige Ausnahme ist V. 29), welche als Paarreime verbunden sind (außer V. 29). Da häufig versübergreifend gesprochen wird, gibt es nur wenige semantisch sinnvolle Reime: in einem fremden Ort – von der Terrasse fort (V. 3 f., Ortsangaben); Reihen der Bücher – Leinentücher (V. 15 f., Eigentum); in Vers 21 f. wird das Gefühl fundamentaler Fremdheit in der Welt umschrieben; in Vers 27 f. werden belanglose Tätigkeiten benannt. Das versübergreifende Sprechen in Knittelversen verleiht der Äußerung trotz der Reime einen fast einen prosaischen Charakter, der gut zur meditativen Reflexion über so eigenartige Gefühle passt. Der Sprecher benutzt die lebendige Umgangssprache; manchmal bildet er unvollständige Sätze (V. 24, V, 29 ff. u. ö.), wie es im Gespräch üblich ist, einmal bricht er mitten im Satz ab, weil er nachdenken muss (V. 23).
Zum Déjà-vu-Erleben und zur Erklärung ist nicht viel zu sagen. Der Satz V. 8 f. ist nicht vollständig, es fehlt die Angabe, wonach gefragt wird; das Erleben selbst ist gut nachzuvollziehen, die Erklärung (V. 12) verständlich. – Es gibt auch andere Gedichte über das Déjà vu; so umschreibt „charisma65“ bei Gedichte.com die gleiche Erfahrung, Sabrina Jung bietet auf LiteratPro ein Beispiel dafür – vermutlich zitiert man solche Gedichte besser nicht, und manche mit „Déjà vu“ überschriebenen Gedichte erfassen einfach das Phänomen nicht, während Norbert Hummels Gedicht für mich weitgehend unverständlich ist (https://www.lyrikline.org/de/gedichte/deja-vu-3763).
In der dritten Strophe geht es um das von Tucholsky so genannte „Hotelgefühl“ der Fremdheit. In V. 17 tauchen unvermittelt Kronen (als Reimwort zu „wohnen“) auf, die ich im Zusammenhang nicht unterbringen kann. Das Gefühl selbst ist etwas einseitig erklärt (V. 21 f.), finde ich; ich kenne es in der Art, dass die Umgebung wie eine bloße Oberfläche, das eigene Ich darin als etwas Lebendiges erlebt wird. In der Literatur wird es – als Gegenteil zum Déjà vu – unter den Begriffen „Depersonalisation“ (die eigene Person als fremd empfinden) und „Derealisation“ (Umwelt ist unvertraut), die jedoch nicht streng unterschieden sind, besprochen. Franz Werfel hat 1915 darüber ein Gedicht geschrieben:

Fremde sind wir auf der Erde alle


Tötet euch mit Dämpfen und mit Messern,
Schleudert Schrecken, hohe Heimatworte,
Werft dahin um Erde euer Leben!
Die Geliebte ist euch nicht gegeben.
Alle Lande werden zu Gewässern,
Unterm Fuß zerrinnen euch die Orte.
(...)
Mütter leben, dass sie uns entschwinden.
Und das Haus ist, dass es uns zerfalle.
Selige Blicke, dass sie uns entfliehen.
Selbst der Schlag des Herzens ist geliehen!
Fremde sind wir auf der Erde Alle,
Und es stirbt, womit wir uns verbinden.
Hier wird das Thema in Richtung der Vergänglichkeit entfaltet, welche vielleicht eine Voraussetzung für das Gefühl der Fremdheit ist; bei Hugo von Hofmannsthals erster Terzine über Vergänglichkeit (1894) ist diese dann das einzige Thema. – Man sieht hier, wie im Bereich des Fühlens die Konturen des Gefühlten sich auflösen.
Das dritte Gefühl wird (ab V. 23) am ausführlichsten behandelt, es scheint am schwersten zu fassen zu sein. Zunächst grenzt der Sprecher es gegen das normale Hungergefühl als ein „tiefes Hungern“ (Metapher!) „nach allem, was schön ist“ (V. 30 f.) ab, als das Gegenteil von „lungern“ (Reimwort zu „hungern“, etwas unglücklich gewählt: „lungern“ heißt so viel wie „müßig herumstreichen, herumlungern“, DWDS). Dann wird das, was schön ist, beispielhaft aufgezählt:
auch einmal ausschlafen – reisen können –
sich auch einmal Überflüssiges gönnen.
Nicht immer nur Tag-für-Tag-Arbeiter,
ein bisschen mehr, ein bisschen weiter…“ (V. 32-35)
Die beiden letzten Sätze sind unvollständig; in V. 34 muss man „sein“ hinzufügen, aber was ein V. 35 zu ergänzen ist, bleibt der Phantasie überlassen, die ja hungrig ins Weite zieht. In den folgenden Versen wird das Gefühl durch die Gegenerfahrung charakterisiert, dass man jahraus, jahrein sein Auskommen hat und dass das eben nicht genüge (wobei der Hungrige froh wäre, wenn er sein sicheres Auskommen hätte…), weil es „eine Nummer zu klein“ (Metapher aus dem Bereich der Kleidung, V. 37) sei und nur ein „Gefühl der Poplichkeit“ (V. 39) vermittle. „Poplichkeit“ ist kein Wort der deutschen Sprache (Neologismus), aber wohl von „popeln“ im Sinn von „popeln“ = „mit dem Finger Nasenschleim entfernen“ abzuleiten; dann ist poplig etwas Unbedeutendes, Kleinkariertes, und daraus ergibt sich der „Hunger nach Farben, nach der Welt, die so weit“ (V. 38). Den Taugenichts zieht es bekanntlich in die Ferne, nach dem Sehnsuchtsland „Italien“. Erich Kästner hat diese Sehnsucht im Gedicht „Der dreizehnte Monat“ (1955) dargestellt, Conrad Ferdinand Meyer im Gedicht „Fülle“ (1860):
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,

Genug kann nie und nimmermehr genügen!
Das abschließende Urteil über dieses Gefühl (V. 40 f.) erscheint mir problematisch: Dass dieses Gefühl eine alte böse Geschichte darstelle – so lese ich jedenfalls den unvollständigen und daher mehrdeutigen Satz V. 40 – wird weder von Meyer noch von Kästner bestätigt; man kann höchstens das Leiden an diesem Gefühl und die damit verbundene Unzufriedenheit als eine „böse Geschichte“ ansehen. Und dass man darüber keine Gedichte macht, wird schon durch das Gedicht „Gefühle“ widerlegt, ist also wohl als eine witzige Schlussbemerkung zu lesen.
Tucholsky stellt in diesem Gedicht drei Gefühle nebeneinander oder zusammen, die unterschieden sind, aber alle damit zusammenhängen, dass wir nicht vollständig im Hier und Jetzt aufgehen. Philosophisch hat Helmuth Plessner von der exzentrischen Positionalität (http://userpage.fu-berlin.de/miles/jestel.htm) gesprochen; ein Inneres macht sich vom Äußeren unabhängig und meldet sein Selbständigkeit an. Dass es gar nicht so einfach ist, darüber ein Gedicht zu schreiben, sieht man, wenn man „Gedicht deja vu“ in der Suchmaschine eingibt.

Links zum Déjà vu:

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