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Montag, 24. September 2018

K. Tucholsky: Nächtliche Unterhaltung - Text und Analyse


Nächtliche Unterhaltung

Der Landgerichtsdirektor schnarchte im Bett.
Seine Garderobe lag – ziemlich komplett –
auf dem Stuhl. Die Nacht war so monoton…
Da machten die Kleider Konversation.


»Ich«, sagte die Jacke, »werde ausgezogen.
Ich hänge – ungelogen –
im Beratungszimmer
und habe keinen Schimmer,
was mein Alter da treibt.«


»Wir sprechen Recht!« sagte die Weste.
»Aber feste –!
Wir schnauzen die Angeklagten an –
wir benehmen uns wie ein Edelmann.
Wir verbieten allen sofort den Mund
und reden uns selber die Lippen wund.
Wir verhängen über Wehrlose Ordnungsstrafen
(nur, wenn wir Beisitzer sind, können wir schlafen).
Zum Schluss verknacken wir. Ohne Scherz.
Unter mir schlägt übrigens kein Herz.«


»Wir«, sagten die Hosen, »wir habens schwer.
Neulich kam der Landgerichtspräsident daher
und hat revidiert. Er saß an der Barriere,
und es ging um unsre ganze Karriere.
Vor uns ein Kommunist. Da haben wir wie wild
geschmettert, geschnattert, gestampft und gebrüllt.
Aber wie es manchmal so geht hienieden:
der Präsident wars noch nicht zufrieden.
Und da blieb uns die ganze Rechtswissenschaft weg,
und da bekamen wir einen mächtigen Schreck.
Und zum Schluss besahen wir uns den Schaden:
Wir Hosen hatten es auszubaden!«


So sprachen die Kleider in dunkler Nacht
und haben sich Konfidenzen gemacht.


An der Wand aber hing ein stiller Hut,
dem waren die Kleider gar nicht gut.


»Erzähl was, Hut! Erzähl uns was!«
Der Hut aber sprach verlegen: »Das –
das wird nicht gehn.
Ich armer Tropf
ich sitze nämlich bei dem auf dem Kopf.
Und so hab ich, ihr müsst mich nicht weiter quälen,
nicht das geringste zu erzählen –!«

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 04.05.1926, Nr. 18, S. 690
Erläuterung:
Konfidenz (V. 33): Vertrauen, Zutrauen; vertrauliche Mitteilung, Vertraulichkeit

Es erzählt eine Stimme von einer nächtlichen Unterhaltung der Kleider. Eine Situation des Erzählens oder Zuhörer sind nicht greifbar.
Zunächst wird der Hörer in die Situation eingeführt, dass die Kleider des Landgerichtspräsidenten (Lgp) in einer Nacht miteinander zu sprechen beginnen (V. 1-4). Es folgen dann, bis auf eine kleine Überleitung in V. 32-35, Berichte in wörtlicher Rede von dem, was verschiedene Kleidungsstücke aus ihrem Leben beim Lgp erzählen. In diesen Erzählungen werden das Handeln des Lgp und sein Wesen kritisch offengelegt. Das Thema des Gedichts sind die Schwächen der Justiz in der Weimarer Republik.
Die sieben unterschiedlich langen Strophen sind meist in Knittelversen gesprochen, was zum Duktus des Erzählens passt. Eine Verse weisen nur drei (z. B. V. 6-9) oder zwei (z. B. V. 11, V. 39) Hebungen auf, was aber nichts zu sagen hat. Die Verse sind durchweg als Paarreime miteinander verbunden (bis auf V. 9 undV. 38); die Reime stellen meist nur einen lautlichen Anklang dar, weil der Satz in lebendiger Erzählung oft übers Versende hinausgeht. Gegenbeispiele sind etwa ‚monoton – machten Konversation‘ (V. 3 f., Grund der Konversation); ‚schnauzen an – wie ein Edelmann‘ (V. 12 f., passender Vergleich); ‚wie wild – gebrüllt‘ (V. 24 f., passendes Adverb zum Prädikat). Die Sprache der Kleider ist die Umgangssprache; oft werden Sätze verkürzt (z. B. V. 11, V. 18, V. 24) oder durch die einfache Konjunktion „und“ (z. B. V. 8 im Satz, V. 28 neuer Satz) angeschlossen, einmal zwei Wörter verschliffen (V. 27). Die Kleider gebrauchen auch Wörter der unteren Sprachebene (z. B. „keinen Schimmer haben“, V. 8; „verknacken“, V. 18). Der Sprecher dagegen erzählt in einem gehobenen Ton, er kennt auch Fremdwörter (Konversation, V. 4; Konfidenzen, V. 33). Wegen des versübergreifenden Satzbaus, der Knittelverse und der unterschiedlichen Verslängen wirken die Äußerungen sowohl des Sprechers wie der Kleider beinahe prosaisch.
Zunächst wird also die Situation beschrieben, in der die Kleider ihre Konversation beginnen (V.1-5). Als erste spricht die Jacke (V. 5-9), die nichts zu sagen hat, weil sie nur im Beratungszimmer hängt und den Lgp nicht bei der Arbeit erlebt; sie berichtet in Ich-Form. Die Berichte der Weste (V. 10 ff.) und der Hose (V. 20) sind in Wir-Form verfasst; die Kleidungsstücke rechnen sich also selbst zusammen mit dem Lgp zu den Akteuren. So wird offenbar, wie der Lgp als Richter agiert:
  • herrisch auftreten (V. 12 ff.)
  • Ordnungsstrafen verhängen (V. 16)
  • während der Verhandlung gelegentlich schlafen (V. 17)
  • herzlos Strafen verhängen (V. 18 f.)
  • bei der Rechtsprechung auf die eigene Karriere achten (V. 21-23)
  • Kommunisten niedermachen (V. 24 f.)
  • notfalls die Rechtswissenschaft außer Acht lassen (V. 28. f.)
An Einzelheiten fällt in diesen Äußerungen auf: der Vergleich „wie ein Edelmann“ (V. 13), der zeigt, dass in der Justiz noch der Feudalismus herrscht; dass der Lgp „kein Herz“ hat (V. 19); welche Bedeutung die Rücksicht auf die eigene Karriere für den Lgp hat (V. 21 ff.); die Redewendung, dass die ganze Rechtswissenschaft ihnen wegblieb (V. 28), ist der Redewendung „Da bleibt mir die Spucke weg.“ nachgebildet – auch der Inhalt der Äußerung verdient Beachtung. Wieso die Hosen es auszubaden hatten (V. 31), kann man nicht feststellen; man muss es aber auch nicht wissen, es handelt sich um die Äußerung eines Kleidungsstücks, dass sich in der Wir-Form natürlich ein wenig überschätzt (und der Dichter brauchte noch einen Reim auf „Schaden“, V. 30).
In den vier Versen 32-35 leitet der Erzähler zur letzten Äußerung über, der des Hutes (V. 37 ff.), der wie die Jacke zu Beginn nichts zu sagen hat, aber den Lgp als dumm qualifiziert: Er sitzt auf dem Kopf des Lgp und habe „nicht das geringste zu erzählen“ (V. 42); was scheinbar harmlos klingt, heißt natürlich, dass im Kopf des Lgp nichts passiert, dass dieser also dumm ist. Als letzte Äußerung bekommt sie ein besonderes Gewicht.
Tucholsky war selbst promovierter Jurist; er hat sich öfter mit dem Treiben der Justiz, die in der Weimarer Zeit auf dem rechten Auge total blind war, kritisch befasst (vgl. besonders „Die Gefangenen“, 1931).
Die Idee, die Kleidungsstücke über den Lgp sprechen zu lassen, ist originell. Dass Tiere sprechen und dabei menschliche Typen verkörpern, ist in der Fabeltradition seit der Antike bekannt; in den Märchen treten sie als Helfer auf, wenn sie sprechen. Ein schönes Beispiel für sprechende Gegenstände bietet Fontanes Gedicht „Rangstreitigkeiten“ (1851); auch dort verkörpern die Lumpen menschliche Typen:


Theodor Fontane: Rangstreitigkeiten


In einem Lumpenkasten
War große Rebellion:
Die feinen Lumpen hassten
Die groben lange schon.

Die Fehde tät beginnen
Ein Lümpchen von Batist,
Weil ihm ein Stück Sacklinnen
Zu nah gekommen ist.

Sacklinnen aber freilich
War eben Sackleinwand
Und hatte grob und eilig
Die Antwort bei der Hand:

»Von Ladies oder Schlumpen –
s tut nichts zur Sache hier,
Du zählst jetzt zu den Lumpen
Und bist nicht mehr wie wir.«
Anzumerken ist, dass selbst für Fontane die Regel gilt: „Wie“ beim Komparativ heißt „als“. Deshalb müsste der letzte Vers heißen: „Und bist nicht mehr als wir“. Auch in Wilhelm Buschs „Ein dicker Sack“ (1874) vertreten Sack und Ähren menschliche Typen, wenn sie auch für sich selber stehen. In Goethes Gedicht „Gefunden“ (1813) spricht das vermenschlichte Blümlein, das Goethes Frau verkörpert, nur für sich selbst.

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