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Freitag, 28. September 2018

K. Tucholsky: Nebenan - Text und Analyse



Nebenan


Es raschelt so im Nebenzimmer
im zweiten Stock, 310 –
ich sehe einen gelben Schimmer,
ich höre, doch ich kann nichts sehn.
Lacht eine Frau? spricht da ein Mann?
ich halte meinen Atem an –
Sind das da zwei? was die wohl sagen?
ich spüre Uhrgetick und Pulse schlagen…
Ohr an die Wand. Was hör ich dann
von nebenan –?


Knackt da ein Bett? Rauscht da ein Kissen?
Ist das mein Atem oder der
von jenen… alles will ich wissen!
Gib, Gott, den Lautverstärker her –!
Ein Stöhnen; hab ichs nicht gewusst…
Ich zecke an der fremden Lust;
ich will sie voller Graun beneiden
um jenes Dritte, über beiden,
das weder sie noch er empfinden kann…
»Marie –!«
Zerplatzt.
Ein Stubenmädchen war nur nebenan.


War ich als Kind wo eingeladen –:
nur auswärts schmeckt das Essen schön,
Bei andern siehst du die Fassaden,
hörst nur Musik und Lustgestöhn.
Ich auch! ich auch! es greift die Hand
nach einem nicht vorhandenen Land:
Ja, da –! strahlt warmer Lampenschimmer.
Ja, da ist Heimat und das Glück.
In jeder Straße lässt du immer
ein kleines Stückchen Herz zurück.
Darfst nie der eigenen Schwäche fluchen;
musst immer nach einem Dolchstoß suchen.
Ja, da könnt ich in Ruhe schreiben!
Ja, hier –! hier möcht ich immer bleiben,
in dieser Landschaft, wo wir stehn,
und ich möchte nie mehr nach Hause gehn.


Schön ist nur, was niemals dein.
Es ist heiter, zu reisen, und schrecklich, zu sein.
Ewiger, ewiger Wandersmann
um das kleine Zimmer nebenan.


Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 17. 1. 1928, Nr. 3, S. 104

Erläuterung:
zecken (V. 16): einen bald hier, bald dort zupfen; einen Klaps geben, necken, reizen, ärgern – alle Angaben der Wörterbücher treffen hier nicht die Bedeutung. Man sollte die Neubildung „zecken“ = „eine Zecke sein; von fremdem Blut leben“ erwägen, hier metaphorisch.

Es spricht ein unbekanntes Ich, das sich anscheinend in einem Hotel in einem Zimmer aufhält, mit sich selbst. Das ändert sich nach der zweiten Strophe, wo streckenweise ein belehrender Ton zu hören ist; damit wendet sich das ich dann an alle. Das Pronomen „du“ (V. 25 und V. 31 ff.) bedeutet so viel wie „man“, eine konkrete Situation des Sprechens erübrigt sich.
Zunächst spricht das Ich, falls es nicht eine Episode als Beispiel fingiert oder erinnert, scheinbar von dem, was es in einem Hotel gerade erlebt (V. 1-22, Präsens). Danach wechseln sich Versgruppen ab, in denen es teils von außen auf ein teilnehmendes Erleben blickt, teils dieses Erleben aus der Ich-Perspektive darstellt (V. 23-38). Zum Abschluss gibt es eine Erklärung des zuvor vielfältig dargestellten Erlebens, dass man das Glück stets anderswo vermutet und sucht. Thema ist die menschliche Eigenart, sich in der Fantasie Glücksorte jenseits des eigenen Lebensbereichs auszumalen.
Das Gedicht besteht aus vier unterschiedlich langen Strophen; es wechseln Kreuz- und Paarreime, ohne dass darin ein Muster zu erkennen wäre. Bis auf die verkürzten Verse 20-22 stehen die ersten drei Strophen in einem vierhebigen Jambus, der ein zügiges Sprechen ermöglicht; nur der letzte Vers (V. 38) weist fünf Takte auf. Das Versmaß in der letzten Strophe ist kaum zu bestimmen; am einfachsten nimmt man dort Knittelverse an. Öfter verbinden die Reime Verse auch semantisch passend, ohne dass man zu tiefsinnigen Deutungen schreiten müsste: im Nebenzimmer – gelber Schimmer (V. 1/3); hab ichs nicht gewusst – ich zecke an der fremden Lust (V. 15/16), usw. Manchmal geht der Vers über das Satzende hinaus, was wie der unregelmäßige Wechsel der Kadenzen einem zügigen Sprechen entgegenkommt, aber verhindert, dass die reimenden Verse semantisch zueinander passen. Die Sprache ist die Umgangssprache: Es gibt Satzverkürzung (V. 9 u. ö.); Verschleifung von zwei Wörtern (ichs, V. 15); Auslassung des Subjekts, das aus dem vorhergehenden Satz übernommen werden muss (V. 33 f.). Nur das Wort „zecken“ (V. 16) ist ungewöhnlich, aber nach einigem Nachdenken verständlich.
Der Ich-Sprecher berichtet unvermittelt von einem Rascheln „im Nebenzimmer“ (V. 1), das in ihm Fragen und Neugierde auslöst – Fragen, die in ihm bohren, die allerlei Vermutungen über ein Paar nebenan auslösen, „... alles will ich wissen“ (V. 13), mehr noch, und das ist der Kern seiner Unruhe: „Ich zecke an der fremden Lust.“ (V. 16) Das selten gebrauchte Verb „zecken“ habe ich aus dem Kontext als Neubildung von „Zecke“ zu erklären versucht (s. o.). Es folgt eine Erklärung dieses Zeckens: „ich will sie voller Graun beneiden um jenes Dritte, über beiden“ (V. 17 f.) Jenes Dritte „über beiden, das weder sie noch er empfinden kann“ (V. 18), ist im Text nur sehr vage angedeutet und muss vom Grauen her, welches das Ich ergreift, verstanden werden. Grauen, das ist „Abscheu, Furcht, Entsetzen“, verbunden mit einem Schauder vor dem Überwältigenden – vor jenem Dritten, das die beiden in ihrer vermeintlichen Liebeslust erleben könnten, aber eben doch nicht empfinden, wie das Ich unterstellt (V. 19), weil dieses tiefe Empfinden anscheinend für das Ich reserviert ist... Und dann erlangt es die Gewissheit, dass es nur das Zimmermädchen nebenan gehört hat (V. 20-22). In seiner Begier, das Unerhörte zu erleben, zumindest daran teilzunehmen, hat die Fantasie des Ichs in einem Geräusch ein tolles Liebesleben im Nebenzimmer geahnt, hat die beiden darum beneidet auf der Jagd nach dem eigenen Glück. Die Szene ist als ein Beispiel dafür, wie man das Glück immer nebenan vermutet, ausführlich im Präsens berichtet, als ob das Ich gerade dieses Geschehen erlebte, was man aufgrund der Fortsetzung allerdings bezweifel muss; im Hotelzimmer würde das enttäuschte Ich solche Überlegungen vermutlich nicht anstellen.
Es gibt in der dritten Strophe eine Reihe von Schlaglichtern, die auf das gleiche Phänomen geworfen werden. Zunächst folgt eine Erinnerung an ein Erleben in der Kindheit (Präteritum), allerdings nur der Anfang (V. 23), der mit einem Gedankenstrich abrupt unterbrochen wird, worauf das Ich gleich die Erklärung aus der Perspektive des verständigen Beobachters im Präsens nachschiebt: „nur auswärts schmeckt das Essen schön“ (V. 24); diese Perspektive behält es in den beiden nächsten Versen bei: Bei andern sieht man nur die Fassaden, doch man hört dahinter (oder vermeint bei jedem Geräusch zu hören, siehe das Beispiel V. 1 ff. zu hören) „Musik und Lustgestöhn“ (V. 26). Es folgen vier Verse, in denen aus der Perspektive eines erlebenden Ichs das sehnsüchtige Greifen nach dem fantasierten Glück (warmes Licht, Heimat, Glück) dargestellt wird (V. 27-30, in V. 27 personal erzählt); eingeschoben ist die Erklärung in der Außenperspektive, dass die Hand immer „nach einem nicht vorhandenen Land“ greift (V. 27 f.) Diese Perspektive wird in den folgenden Versen (V. 31-34) wieder eingenommen. Dass man in jeder Straße sein Herz ein bisschen zurücklässt (V. 31 f.), verstehe ich so, dass man sie und das dort Erlebte verklärt, wenn man gegangen ist, so dass es nachher immer als ein Ort oder eine Gelegenheit des möglichen Glücks erscheint, nachträglich, aus der Ferne. Es folgt das „Gesetz“, unter dem die Menschen in solchem Fantasieren stehen (V. 33 f.): Sie müssen immer eine Erklärung bzw. einen Schuldigen („Dolchstoß“, erinnert an die nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete Dolchstoßlegende, dass die deutschen Soldaten 1918 durch die Politiker um den eigentlich errungenen Sieg gebracht worden wären) dafür suchen, warum ihnen das Glück nicht zuteil wird, statt auf sich selber und ihre „Schwäche“ (V. 33) zu schauen. Es folgen noch einmal vier Verse (V. 35-38), in denen Gedanken eines vom gelungenen Leben in der Fremde fantasierenden Ichs dargeboten werden.
Das Fazit in den letzten vier Versen (V. 39-42) entlarvt die trügerische Glücks-Fantasie. V. 39 erinnert an V. 23 f.; in V. 40 werden „reisen – sein“ („sein“ im Sinn von „zu Hause sein, im Eigenen leben“) als „heiter – schrecklich“ gegenübergestellt – schrecklich wird es, wenn man an der Nüchternheit des Alltags, an der Ernüchterung in der Ehe zu leiden beginnt. In den letzten beiden Versen wird die eingangs berichtete Episode zu einem Spruch vom Wesen des fantasierenden Menschen verarbeitet: „Wandersmann um das kleine Zimmer von nebenan“, um das die Gedanken auf der Jagd nach dem unerreichten Glück kreisen; „ewig“ wird wiederholt, um es eindringlich zu sagen. „Wandersmann um das Zimmer“ ist eine grammatische Fehlkonstruktion, weil beim „Wandersmann“ (zusammengesetztes Nomen) „Mann“ und nicht „Wanderer“ das Grundwort ist; aber man versteht, was gemeint ist. Durch den Wechsel des Taktes zum Knittelvers wird die letzte Strophe auch sprachlich hervorgehoben.
Das Gedicht „Nebenan“ – welch ein schöner Titel, der sich auf die ersten beiden Strophen, auf die beiden letzten Verse und auf den Ort des vermeinten Glück bezieht – erinnert an Tucholskys Gedicht „Das Ideal“, worin es um die Summe aller fantasierten Glücksgüter geht, auch an den Refrain von „Augen in der Großstadt“. Tucholsky hat ein Gedicht über eine menschliche Eigenart geschrieben, die einen auf der verzweifelten Suche nach dem Glück schon unglücklich machen kann. Als Erleben ist dieses Fantasieren bereits in Georg Philipp Schmidts Gedicht „Des Fremdlings Abendlied“ (1821, https://de.wikipedia.org/wiki/Des_Fremdlings_Abendlied) gestaltet; dessen letzter Vers lautet: „Da, wo du nicht bist, ist das Glück.“ Unter dem Titel „Der „Wanderer“ wurde das Gedicht von Schubert vertont. Vom letzten Vers gibt es verschiedene Versionen: „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück.“ oder „Da, wo du nicht bist, blüht das Glück.“ Tucholsky ist gedanklich einen Schritt weiter gegangen und hat den Schein dieser unglücklichen Sehnsucht mit originellen Wechseln der Perspektive (ab V. 23) aufgezeigt.

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