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Donnerstag, 4. Oktober 2018

K. Tucholsky: Danach - Text und Analyse


Danach


                                             „Et après –?“
                                                            
Courteline
Es wird nach einem Happy-end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen –
da hat sie nun den Schentelmen ...
        Na, un denn –?

Denn jehn die Beeden brav ins Bett.
Naja … diss is ja auch janz nett.
A manchmal möcht man doch jern wissen:
Wat tun se, wenn se sich nich kissen?
Die könn ja doch nich immer penn …!
        Na, un denn?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar n Kind.
Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich Beede jänzlich trenn …
        Na, un denn?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die Beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn dof und hinten minorenn …
        Na, un denn?

Denn sind se alt. Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuss und Schnurrbartzeit –
Ach, Menschenskind,wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
Wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch un Langeweile.
Und darum wird beim Happy-end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 1. 4. 1930, Nr. 14, S. 517
(Textform, Rechtschreibung und Zeichensetzung nach https://de.wikisource.org/wiki/Danach_(Tucholsky), nur die ß-Schreibung ist den neuen Regeln angepasst.)
Erläuterung:
minorenn (V. 23): minderjährig, unmündig

Es spricht eine unbekannte Stimme über die Frage, warum im Film nach einem Happy end abgeblendet wird. Ort, Zeit und äußerer Anlass des Sprechens sind unbekannt – sachlicher Anlass ist die erstaunliche Tatsache, dass es so ist.
Zu diesem Zweck erzählt die Stimme im Berliner Dialekt, wie die Geschichte des Liebespaares nach dem großen Kuss am Filmende (1. Strophe) weitergeht: Sie gehen ins Bett (2. Strophe), sie kriegen ein Kind und führen eine normale Ehe, bis es kriselt (3. Strophe), sie bleiben doch zusammen (4. Strophe), sie werden alt; im Rückblick erkennt der Mann, dass vom großen Glück nicht viel übrig geblieben ist. Der Erzähler schließt mit der Erklärung, dass deshalb im Film nach dem Happy end abgeblendet wird (5. Strophe). Thema ist der Verlauf einer normalen Ehe zwischen Glücksfantasien und Enttäuschungen.
Das Gedicht besteht aus fünf Strophen; die ersten vier umfassen jeweils sechs Verse, die letzte zwölf – in ihr wird außer vom Altern der beiden auch vom Rückblick des Mannes erzählt (bis V. 34) und abschließend erklärt, warum im Film rechtzeitig abgeblendet wird (V. 35 f.).; damit ist die indirekt zu Beginn gestellte Frage (V. 1 f. bzw. direkt V. 6) beantwortet. Am stärksten fällt auf, dass die Stimme Dialekt spricht. Das weist sie als Stimme eines ganz normalen Zeitgenossen aus, der die Bilder vom großen Liebesglück und den Verlauf der darauf folgenden Liebes- und Ehegeschichte ganz nüchtern betrachtet (Schnurrbart stippen, V. 4; janz nett, V. 7; immer penn, V. 11; macht schlapp, V. 27; V. 29). So fragt er nach jeder Etappe der Geschichte: „Na, und denn –?“ (V. 6 usw.); diese Frage ist als Zitat Courtelines (1858-1929, französischer Schriftsteller), etwa in der Bedeutung „Na, und?“, vorangestellt. Die Stimme wird dadurch veranlasst, immer weiter zu erzählen: „Denn ...“ (V. 7 ff.). Gesprochen wird im vierhebigen Jambus, wovon nur die Frage „Na, und denn –?“ abweicht. Die Verse sind im Kreuzreim verbunden, durchweg semantisch sinnvoll, weil zwei Verse immer eine semantische Einheit ergeben: brav ins Bett – auch janz nett (V. 7/8); säuselt der Wind – kriegen ein Kind (V. 13/14); Sohn haut ab – der Olle macht schlapp (V. 25/26), usw. Nur der fünfte Vers in den ersten vier Strophen bleibt in dem Sinn offen, dass er die weiterführende Frage provoziert, die sich aber mit ihm reimt. Die Kadenzen wechseln unregelmäßig. Der Jambus ermöglicht ein zügiges Sprechen, manchmal geht der Satz auch übers Versende hinaus (V. 1, V. 3, V.33, V. 35; ansatzweise V. 9, V. 29, V. 31); aber weil die Stimme einem skeptischen Zeitgenossen gehört („Naja ...“, V. 8), spricht sie oft bedächtig.
Schentelmen“ (V. 5), die verdeutschte Schreibweise eines Fremdwortes, zeigt gegenüber den Alternativen „Liebhaber“ oder „Schatz“ ebenfalls die Distanz der Stimme gegenüber dem gezeigten großen Glück, weshalb die Frage „Na, und denn –?“ auch berechtigt ist. In V. 7 fällt vor allem das Satzadjektiv „brav“ auf – sie gehen ins Bett (statt in den siebten Himmel der Liebe) wie Kinder, die ihr Abendprogramm abspulen; so sieht es jedenfalls der Erzähler. Distanz zeigt sich auch in der nächsten Frage: „Wat tun se...?“ (V. 10). In der Bemerkung, dass der Wind säuselt (V. 13), klingt die Liebesromantik noch einmal an; sie wird jedoch von den nächsten Ereignissen konterkariert: Milch läuft über, Streit, Trennungsabsichten (V.15 ff.); das reale Leben hat die Idylle des großen Kusses entzaubert, die Krise ist da. Sie wird weniger überwunden als ertragen, weithin „quälen se sich noch manche Jahre“ (V. 21); das ist alles andere als das große Glück, wie der alte Mann später auch selber einsieht und sagt (V. 32-34).
Die Schreibweise „dof“ (V. 23) sieht verdächtig aus, ist aber laut Wikisource am Original geprüft; die Texte bei zeno.org und textlog.de haben aber „doof“, so dass man entweder von einem Schreibfehler in der „Weltbühne“ von 1930 oder von einem Versehen bei Wikisource ausgehen muss. Diese Stelle soll zum Anlass dienen, die Problematik von Texten im Internet zu bedenken und die drei wichtigsten Quellen für Tucholsky-Gedichte zu nennen (und zu Rate zu ziehen, falls erforderlich).
Am Ende des Lebens (V. 25 ff.) liegt die Herrlichkeit des anfänglichen Happy Ends in weiter Ferne. Der Erzähler lässt den alten Mann selber zurückblicken (V. 31 ff.) und explizit aussprechen, was der Hörer längst erkannt hat: dass aus dem großen Glück viel Banales geworden ist. So kann er selber die Erklärung dafür liefern, warum beim Happy End „jewöhnlich abjeblendt“ wird (V. 35 f.).
Tucholsky behandelt hier die gleiche Lebenserfahrung wie im Gedicht „Ideal und Wirklichkeit“ (siehe die Analyse dort) und wendet sich so gegen das seit dem Sturm und Drang propagierte Ideal von der großen romantischen Liebe, welches schon viele Menschen unglücklich gemacht hat.
Eine ähnliche Idee wie Tucholsky hat Slawomir Mrozek (1930-2013) in seiner Satire „Schneewittchen“ (u. a. in „Das Leben ist schwer“, dtv 10480, 1985) verwirklicht: Schneewittchen will in der Pose des Kusses verharren („Das ist doch das Glück.“), als der Königssohn sie fragt (so ähnlich wie unser Erzähler): „Und was jetzt?“ Dem Königssohn tut bald der Rücken weh, er geht kurz Zigaretten holen und muss versprechen, sofort wiederzukommen...

Vorträge des Gedichts:
https://www.youtube.com/watch?v=zmolhSFfY-k (Tanja Wedhorn, gut, zu schnell)
https://www.youtube.com/watch?v=8ghn9S_T5b0 (Rüdiger Wolff, gesungen, sehr gut, zu hochdeutsch gesprochen)
https://www.youtube.com/watch?v=pdC2YApnfGQ (Günter Rüdiger, gesungen, gut)

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