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Mittwoch, 3. Oktober 2018

K. Tucholsky: Eine Frau denkt - Text und Analyse


Eine Frau denkt
Mein Mann schläft immer gleich ein… oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre
… Ich bin so nervös… und während ich an die Decke starre,
denke ich mir mein Teil.
Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert.
Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt
sein, weil man sie liebt.
Ob es das wohl gibt:
ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam
wie am ersten Tag, wo er einen nahm… ?
Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns mal neckt,
mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt
hat und der einen liebt… liebt… liebt…
ob es das gibt?

Manchmal denke ich: ja.
Dann sehe ich: nein.
Man fällt immer wieder auf sie herein.

Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben.
Wahrscheinlich… na ja. Die diesbezüglichen Gaben
sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie.
Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie.
Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit,
dann haben die Herren meist keine Zeit.
Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag.
Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack.
Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie mehr als
erotische Statisterie.
Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett,
leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett.


Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich um und raucht seine Zigarre.
          Warum? Weil…
Und während ich an die Decke starre,
          denke ich mir mein Teil.
Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 17.12.1929, Nr. 51, S. 920
Textgestalt nach https://de.wikisource.org/wiki/Eine_Frau_denkt (= Weltbühne 1929), andere Ausgaben haben die 2. und 3. Strophe als eine einzige.
In der Zusammenstellung „Die Frau spricht“ von 1932 ist „Eine Frau denkt“ das zweite Gedicht; in Wirklichkeit ist das dritte, „Die Nachfolgerin“, eine Woche vorher in „Die Weltbühne“ erschienen. „Die Nachfolgerin“ ist ein schwaches Gedicht, allerdings mit einer bemerkenswerten Aussage: dass sich die Frau nicht nur für ihren Mann, sondern auch gegen andere Frau schön macht:
Immerhin erwart ich, dass ers merken kann;
ich will fühlen, dass ich reizvoll bin.
Dreifach spiegeln will ich mich: im Glas, im Neid, im Mann.
Und der guckt gar nicht hin.“
Eine Frau denkt“, das sind Gedanken einer Frau, die sie nicht ausspricht; Ort und Zeit des Denkens bleiben unbestimmt.
Man denkt nach, wenn einem etwas nicht gefällt. Diese Frau denkt über ihren Mann und dann über das Verhältnis von Frauen und Männern nach, weil sie Zuwendung und Zärtlichkeit ihres Mannes vermisst (V. 1-3 und V. 21 ff.). Sie fragt sich, ob es den idealen Mann wohl gibt, und muss diese Frage verneinen (1. und 2. Strophe). Dann bedenkt sie, wie verschieden Frauen und Männer sind und empfinden (3. Strophe). Die letzte Strophe ist eine Variation der ersten drei Verse und bildet mit diesen den Rahmen der Gedanken. Das Thema ist das problematische Verhältnis von Mann und Frau.
Das Gedicht besteht aus vier Strophen unterschiedlicher Länge; in manchen Ausgaben werden die zweite und die dritte Strophe zu einer zusammengefasst. Die Sprache ist prosaisch, die Verse sind unterschiedlich lang, aber durchweg im Kreuzreim miteinander verbunden (Ausnahmen: V. 3 und V. 14-16). Wenn der Satz übers Versende hinausgeht, klappt es mit der semantischen Entsprechung der reimenden Verse meist nicht. Sonst aber gibt es viele semantische Entsprechungen: er befasst sich mit Zigarre – ich an die Decke starre (V. 1 f. und V. 29/31, dort ausnahmsweise Kreuzreim); verstehen uns nie – sprechen von Hysterie (V. 19/20, Gleiches); wir wollen Zärtlichkeit – sie haben keine Zeit (V. 21/22, Kontrast), usw. Meistens sind die Kadenzen männlich; wenn der Satz damit endet, ergibt das einen richtigen Abschluss. Die Sprache ist die Standardsprache mit wenigen Verschleifungen („mal“, V. 10; „was“, V. 20), aber einigen Wörtern der Bildungssprache (Hysterie, V. 20; Symphonie mit dem Paukenschlag, V. 23; Börse, V. 23; Duett, V. 27). Gelegentlich hält die Frau im Denken inne oder führt einen Satz nicht zu Ende; vieles bleibt auch unbestimmt, weil es um ihre Gefühle geht.
Die Gedanken setzen bei der Beobachtung ein, dass der Mann „immer gleich“ einschläft (V. 1 – nach dem Geschlechtsverkehr, ist zu ergänzen), womit die Frau nicht zufrieden ist, ebenso wenig wie mit seinem anschließenden Rauchen oder Lesen. Dass er seine Zeitung raucht und seine Zigarre liest – ein Versprecher – ist nicht leicht zu erklären; ich denke, was er tut, ist ihr egal – schlimm ist nur, dass er sich nicht ihr zuwendet. Ob ihre Bemerkung, sie sei so nervös (V. 2), sich auf den Moment des gegenwärtigen Nachdenkens oder auf die Wahrnehmung, was er nachher tut, bezieht, bleibt offen; wer nervös ist, ist „reizbar, erregbar, gereizt, unruhig, zerfahren“ (DWDS) – ich meine, sie sei jetzt im Augenblick des Nachdenkens nervös. Ihr hilflose Reaktion auf seine nächtliche Abwendung, damit fährt sie fort: Sie starrt an die Decke und denkt sich „mein Teil“; was die Frau denkt, wird aber nicht gesagt, sicher ist es nichts Erfreuliches.
Dann wendet sie sich in ihren Gedanken allen Männern zu („sie“, ab V. 4, und „diese Kerls“, V. 17); hinter dem Indefinitum „man“ (V. 4, V. 6, V. 16) steht „ich immer“ (vgl. V. 14) oder „wir Frauen“ (vgl. „uns“, V. 10). Sie arbeitet zunächst den Unterschied im Geben und Nehmen in der Liebe zwischen Frau und Mann heraus (V. 4-6), wobei offen bleibt, was „so viel“ (V. 4) ist – es ist eine empfundene Differenz, ein Mangel, der die Frau eben zum Nachdenken antreibt. Danach fragt sie, ob es den idealen Mann wohl gibt (V. 7-13), bei dem es diese Differenz nicht gäbe und „der einen liebt... liebt... liebt...“ (V. 12); die Wiederholung steht für die Unendlichkeit des Gefühls, welche die Frau ersehnt und die sie zuvor an Beispielen verdeutlicht hat (aufmerksam usw.). Diese Erwartung ist die gleiche wie die, welche Tucholsky in Gedichten wie „Das Ideal“ oder „Ideal und Wirklichkeit“ als Ausgeburt unserer unendlichen Fantasie entlarvt hat; die Frau muss ihre Frage demgemäß verneinen (V. 14 f.), auch wenn sie ihre fantastische Hoffnung nicht aufgibt (V. 16), also unbelehrbar ist – vgl. sein Gedicht „Stationen“, wo die wechselnden Erwartungen des Mannes beschrieben werden, der schließlich zur Einsicht und zur Bejahung der Realität kommt. Will sagen: Was die Frau denkt, muss nicht die Billigung des Autors Tucholsky findet, auch nicht die des Lesers – man soll es einfach einmal zur Kenntnis nehmen, das genügt für den Anfang, weiteres Nachdenken ist damit nicht verboten.
In der dritten Strophe steht unter dem Gedanken: „So richtig verstehen sie uns nie.“ (V. 19) Damit ist die Front wir-sie bezeichnet, die in den Streckenabschnitten Erregung (V. 17-21) und Zärtlichkeit (V. 21-28) beschrieben wird. Mit dem nicht vollendeten Satz „Wahrscheinlich...“ und dem unbestimmten Verweis auf die „diesbezüglichen Gaben“ (V. 18) weist die Klage der Frau ins Weite, ohne dass man ein Objekt sähe; sie deutet allerdings die gegenseitigen Vorwürfe mit den Stichworten Faulheit / Hysterie an (V. 20). Der Mangel an „Zärtlichkeit“ (V. 21) der Männer wird eindrucksvoll beklagt, mit den Bildern von der „Symphonie mit dem Paukenschlag“ (Haydn) und der erotischen Statisterie vs. Hauptrolle (Theater), mit dem Börsenvergleich; die Klage gipfelt in dem schönen Paradox „Wir singen allein Duett“ (V. 27) und dem passenden Reim „leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett“ (V. 28). Auf den Begriff und in den Gegensatz zum „Paukenschlag“ gebracht: „Unsere Liebe aber verzittert“ (V. 24); „verzittern“ bedeutet nach dem Grimm'schen Wörterbuch „von akustischen vorgängen 'zitternd verhallen, verklingen'“, „von optischen erscheinungen 'zitternd verzucken, verblassen'“, dann auch wie hier uneigentlich, also bildlich gebraucht. Der Unterschied zwischen dem Ende mit Paukenschlag und dem Verzittern macht sich bei der Frau als Leere in der Seele bemerkbar (V. 28).
Die letzte Strophe gleicht den ersten drei Versen, nur dass der Mann sich umdreht, statt zu lesen, und diesmal tatsächlich seine Zigarre raucht.
Was eine Frau denkt (Überschrift), ist vor allem für Männer interessant, weil es hier ungefiltert ans Licht kommt; die Frage ist nur, was die anderen Frauen denken, vor allem die eigene, und ob die Frauen heute Ähnliches denken – aber das sagt einem ja keiner, oder, wenn ich ehrlich bin: Man bekommt es doch gesagt, aber die Unterschiede bleiben trotzdem bestehen.

Vortrag des Gedichts:
https://www.youtube.com/watch?v=_UVn94IaVK8 (Fritz Stavenhagen, sehr gut)
https://www.youtube.com/watch?v=U7IbIFui1QQ (Dolly Velbinger, schwächer)
https://www.youtube.com/watch?v=tvvJFYHWDMs (Claudia Riese, gut, unvollständig)

Als Gegengedicht sollte man unbedingt Tucholskys „Stationen“ (1930) lesen. Ausgewogen kann man sich bei Herrn Stangl über Geschlechtsunterschiede informieren: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Geschlechtsunterschiede.shtml

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