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Dienstag, 9. Oktober 2018

K. Tucholsky: Wenn eena dot ist - Text und Analyse


Wenn eena dot is

Für Paul Graetz

Wenn eena dot is, kriste ‘n Schreck.
Denn denkste: Ick bin da, un der is weg.
Un hastn jern jehabt, dein Freund, den Schmidt,
denn stirbste ‘n kleenet Sticksken mit.
Der Rest is Quatsch.
Der Pfaffe, schwarz wien Rabe,
un det Jemache an den offnen Jrabe…
Die Kränze…! Schade um det Jeld.
Und denn die Reden – hach du liebe Welt –!
Da helfen keine hümmlische Jewalten:
die Rede muss der Dümmste halten.
Un der bepredicht sich die schwarze Weste
un hält sich an Zylinder feste.
Wat macht der kleene Mann, wenn eena sanft vablich?
Er is nich hülflos – er ist feialich.
Leer is de Wohnung. Trauer, die macht dumm.
Denn kram se so in seine Sachen rum.
Der Tod bestärkt die edelsten Jefühle,
un denn jibs Krach, von wejn die Lederstühle.
Der Zeitvesuv speit seine Lava.
Denn sacht mal eena: »Ja, wie der noch da wah –!«
Denn ween se noch ‘n bisken hinterher,
und denn, denn wissen se jahnischt mehr.
Wenn eena dot is, brummts in dir:
Nu is a wech. Wat soll ickn denn noch hier?
Man keene Bange,
det denkste nämlich jahnich lange;
ne kleine Sseit,
denn is soweit:
Denn lebst du wieda wie nach Noten!
Keener wandert schneller wie die Toten.
Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 24. 5. 1932, Nr. 21, S. 792
Erläuterung:
Paul Graetz (Widmung) war ein großer Berliner Kabarettist (1890-1937), der intensiv mit Tucholsky zusammengearbeitet hat.
Es spricht eine unbekannte Stimme darüber, was passiert, wenn jemand stirbt; sie spricht mit „du“ jedoch keinen an, sondern meint alle, also „man“. Es ist ein Monolog, eine Art Meditation, für die es keinen besonderen Anlass braucht.
In der ersten Strophe spricht die Stimme davon, wie es einem selber in diesem Fall ergeht. In der zweiten und dritten Strophe wird das, was am Grab geschieht, als „Quatsch“ (V. 5) abgetan. In der vierten und fünften Strophe wird beschrieben, wie es nach dem Begräbnis weitergeht. In den beiden letzten Strophen wird dann erwogen, wie man selber danach weiterlebt. Thema ist unser Umgang mit dem Tod eines anderen Menschen.
Das Gedicht besteht aus sieben Strophen unterschiedlicher Länge, deren Verse im Paarreim verbunden sind. In der Regel weisen die Verse, im Jambus gesprochen, vier bis fünf Hebungen auf; Ausnahmen werden gesondert besprochen. Die Kadenzen wechseln unregelmäßig, sind aber in den reimenden Versen gleich. Gelegentlich gehen die Sätze übers Versende hinaus, wobei jedoch meist ein weiterer Hauptsatz folgt. Das alles ergibt ein recht lebhaftes Sprechen, was gut zur distanzierten Einstellung der Stimme gegenüber dem ganzen Trauerbetrieb passt.. Deswegen sind auch viele Reime holperig, einige aber semantisch sinnvoll, etwa: kriste 'n Schreck – der is weg (V. 1/2); bepredigt sich die Weste – hält sich an Zylinder feste (V. 12/13), und andere (V. 18/19; V. 22/23; V. 26/27; V. 30/31). Die Stimme spricht Berliner Dialekt und repräsentiert so den gesunden Menschenverstand des kleinen Mannes, dem das angeblich traurige Getue zuwider ist.
Zur Widmung weiß ich nicht mehr, als in der Erläuterung steht. Die Stimme spricht ehrlich das aus, was man erlebt, wenn jemand gestorben ist: der Schreck, eventuell die eigene Betroffenheit (1. Strophe). Was am Grab geschieht, wird als „Quatsch“ bezeichnet (V. 5), in einem Vers mit nur zwei Hebungen und dadurch langsam und energisch zu sprechen; V. 6 setzt vom Sprechen her V. 5 zu einem Vers mit fünf Hebungen fort.. Summarisch wird der „Rest“ aufgeführt: Pfarrer (abschätzig als „Pfaffe“ bezeichnet, V. 6); Jemache, also die Beileidsbekundungen; Kränze (distanziert: „Schade um det Jeld.“); die Reden. In der dritten Strophe wird die Grabrede zerpflückt: Die unpassende Einleitung von den himmlischen Gewalten zur Tatsache, dass der Dümmste sie halten muss (V. 10 f.), echt satirisch. Dass der sich die Weste „bepredigt“ (V. 12, Neologismus), lässt mich an „bekleckert“ denken – an sich hat die Weste ja nichts mit der Rede zu tun (Satire). Seine Hilflosigkeit zeigt sich daran, dass er sich am eigenen Zylinder festhält (V. 13). Die Sentenz am Ende mit dem Kontrast „hülflos – feialich“ rundet den Spott über die Grabrede ab; dabei ist das gar kein Kontrast, sondern der Redner ist feierlich, weil er hilflos ist und eigentlich nichts Tröstliches zu sagen weiß.
In den beiden folgenden Strophen spricht die Stimme davon, wie es nach dem Begräbnis weitergeht; dabei zählt die Stimme ganz einfach mit „Denn“ die Stationen auf. Einen schönen satirischen Kontrast bilden das Lob der edlen „Jefühle“ (V. 18) und der folgende Streit um die Lederstühle (V. 19). Die allgemeine Ratlosigkeit wird in der Sentenz „Trauer, die macht dumm“ (V. 16) ausgedrückt; ihr entspricht die Bemerkung am Schluss, dass sie gar nichts mehr wissen (V. 23, Objekt des Wissens fehlt) – was vielleicht heißt, dass sie nach dem flüchtigen Gedenken (V. 21) und den letzten Tränchen (V. 22) nichts mehr vom Verstorbenen wissen. Denn: „Der Zeitvesuv speit seine Lava“ (V. 20, ein originelles Bild), und diese Lava bedeckt alles, die Zeit heilt alle Wunden, sagt man, und so groß sind sie beim Tod eines anderen normalerweise nicht.
Auch in einem selber – darum geht es anschließend, V. 24 ff. – läuft der gleiche Prozess ab, dass die Trauer sich schnell abschwächt: Zuerst befallen einen Zweifel am Lebenssinn (V. 25), aber bald lebt man wieder fröhlich „wie nach Noten“ (V. 30). Der kurze Vers „Man keene Bange“ (V. 26), nur zwei Hebungen, leitet den Übergang ein (vgl. V. 5!) und bereitet pointiert auf die Wahrheit gegenüber dem Gefühlsüberschwang vor: „det denkste (…) jahnich lange“ (V. 27). Die beiden folgenden Verse (V. 28 f.), verkürzt, geben Zeit zum Nachdenken und zur Einsicht, dass bald wieder alles normal verläuft.
Der letzte Vers macht als Konsequenz aller dieser Erfahrungen eine ganze Strophe aus: „Keener wandert schneller wie die Toten.“ (V. 31) Sie wandern fort, das heißt, sie sind schnell verschwunden.
Tucholsky hat hier wieder ein Gedicht über elementare menschliche Erfahrungen geschrieben, ein ehrliches Gedicht, welches das übliche Trauergehabe entlarvt.
Zum Vergleich könnte man das Gedicht „Dreimal ging die Witwe übers Ödland“ von Marie Luise Kaschnitz lesen, welches im hohen Ton letztlich nichts anderes sagt als Tucholskys Gedicht, nämlich dass nach einiger Zeit die Witwe ins normale Leben zurückkehrt: „Hoch stand das Gras, verwachsen starrten die Hecken, / Margeriten blühten und Rosen, die Sichel ging. / Leb wohl, und die Sonne nickte.“ Wegen des hohen Tons (mit der antiquierten Vorstellung von der Sichel) zählt das Gedicht der Frau Kaschnitz allgemein zu den „schönen“ Trauergedichten – da sucht man allerdings Tucholskys Gedicht mit seinem schnodderigen Berliner Ton vergebens.
Vortrag des Gedichts:
https://www.youtube.com/watch?v=GfH_QQSIszk (Martin Sommerhoff, gesungen, sehr gut)
https://www.youtube.com/watch?v=3B2l2BeOUtI (blonde Carmen, gesungen, undeutlich)


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