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Mittwoch, 23. Januar 2019

Historische Augenblicke. Deutsche Briefe ... (1988) - Besprechung


In rund 70 Briefen werden „Historische Augenblicke“ des 20. Jahrhunderts vorgestellt; „Deutsche Briefe des Zwanzigsten Jahrhunderts“ ist der Untertitel des 1988 von Jürgen Moeller bei C. H. Beck herausgegebenen Buches. Naturgemäß kommt ein wichtiges Ereignis des 20. Jahrhunderts darin nicht vor: der Aufstand in der DDR 1989 und die deutsche Wiedervereinigung 1990 – so ist es, wenn man 12 Jahre vor dem Ende des Jahrhunderts bereits das Jahrhundert würdigt (wie bei den Jahresrückblicken, die bereits am 1. Dezember losgehen, damit man vor den anderen dran ist).
Eine große Schwäche hat das Buch Moellers: Es kommen zu viele Schriftsteller (und Künstler) zu Wort, zu wenige Wissenschaftler, Bürger und Politiker; wir hören also zu oft die Sprache des Herzens und zu selten die Worte der kühlen Vernunft. Der überflüssigste Brief ist der Erika Manns an einen Beamten, in dem sie ihren Antrag auf die amerikanische Staatsbürgerschaft zurückzieht – das besagt nun wirklich kaum etwas über Deutschland!
Wichtig und gut fand ich den Brief Karl Barths über die religiöse Verbrämung und Rechtfertigung des Krieges 1914; den Stefan Zweigs über die von Hass und Lüge bestimmte Lage nach dem Versailler Vertrag von 1921; den Carl Jakob Burckhardts über den Aufstand der mythischen Mächte gegen die Zivilisation von 1925; den Alfred Döblins über die vielen Wahrheiten und den Unterschied zwischen Sozialismus und Klassenkampf 1930 (dieser Brief ist schon die Antwort auf die Naivitäten Rudi Dutschkes und die Anmaßungen der RAF!). Mutig war Ricarda Huchs Austritt aus der Preußischen Akademie 1933, verräterisch die Antwort Gottfried Benns auf Klaus Manns Offerte 1933 (ebenso die Stellungnahme Brechts zum 17. Juni 1953). Glänzend ironisch ist Feuchtwangers Brief von 1935 an den Bewohner seines Hauses, aus dem man ihn vertrieben hatte (aber nicht wichtig für Deutschland, nicht repräsentativ für die Enteigneten). Die letzten Briefe zweier unbekannter Soldaten aus Stalingrad können sich sehen lassen , ebenso von Kluges Brief an Hitler 1944. Helmuth James Graf von Moltkes Brief an seine Frau, in dem er Freislers Verhandlungsführung bloßstellt, kannte ich bereits. Zu erwähnen sind Hesses Brief von 1950 gegen die hysterische Angst vor einem neuen Krieg und vor den Bolschewiken; menschlich bewegend (für Deutschland jedoch nicht so wichtig) ist John T. Bechers Brief an seinen Vater Johannes R. Becher von 1951, in dem er ihm klar macht, dass dieser als Minister von der DDR bloß als Aushängeschild benutzt wird. Günther Anders analysiert die Lage des Hiroshima-Piloten (und indirekt unser aller Lage) 1959 exzellent; die Brüder des ermordeten Gero von Braunmühl entlarven die Sprüche der RAF völlig – das waren meines Erachtens die besten Briefe, einige gute bleiben hier ungenannt. Viel besser als Adenauers Brief über die Schuld der Deutschen und der katholischen Bischöfe (aufgrund ihrer Gleichgültigkeit, 1946) wäre als Dokument des Versagens der Brief Kardinal Bertrams an die deutschen Erzbischöfe über die Frage, ob sie sich zum Aufruf zum Judenboykott (zum 1. April 1933) äußern sollten; dort wird das ganze schmierige Denken eines Kardinals sichtbar.
Zu kurz kommen bzw. (beinahe) ganz fehlen der ökologische Aufbruch des 20. Jahrhunderts, die Entspannungspolitik Willy Brandts, die Friedensbewegung (bis auf einen Appell Günter Grass‘, also wieder die Aufregung des Schriftstellers) und, wie gesagt, die Vorgänge ab 1989; das Dritte Reich und die unmittelbare Nachkriegszeit ist mit gut 30 Briefen überrepräsentiert. Es fällt auf, wie viele offene Briefe in die Sammlung aufgenommen wurden. Was fehlt, sind Leserbriefe - in den großen Zeitungen stellen sie heute beachtliche Stimmen zu den großen Ereignissen der Zeit dar.
Den Brief Stefan Zweigs an Romain Rolland kann man hier lesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-an-schriftsteller-7450/2 (8. Februar 1921)
die anderen wichtigen Briefe habe ich leider im Internet nicht finden können.

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