Dieses Blog durchsuchen

Dienstag, 31. Dezember 2019

F. von Schirach: Tabu (2013) - gelesen


Dieses Buch (2013, Neuausgabe 2017) besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil wird die Lebensgeschichte des Eigenbrötlers Sebastian von Eschburg erzählt: Die lieblose Mutter ist nur an Pferden interessiert; der Vater nimmt ihn einmal mit auf die Jagd und weidet einen Rehbock aus, er erschießt sich, die Mutter verkauft das Familiengut zugunsten eines neuen Reitstalls. Sebastian nimmt alle Dinge (auch die Buchstaben) farbig wahr, hat gelegentlich Halluzinationen, wird Fotograf, arbeitet nur mit tollen Kameras in Schwarz-Weiß und wird ein erfolgreicher Geschäftsmann, der schließlich sogar eine Freundin Sofia findet, bei der er es aushält.
Der zweite Teil wird von der Verhaftung Sebastians wegen Mord, den Ermittlungen des Anwalts Biegler und der Verhandlung bestimmt; Held ist hier Biegler, der Sebastian freibekommt, weil dessen Geständnis unter Folter erzwungen war. Sebastian hat den ihm wesensverwandten Biegler als Anwalt gewählt, weil der in einem früheren Verfahren gesagt hatte, „Wahrheit und Wirklichkeit seien ganz verschiedene Dinge, so wie Recht und Moral sich unterscheiden würden“. Damit ist auch das Thema des Romans gegeben: Aus Sebastians Sicht die Konstruktion der vermeintlich getöteten Frau aus drei verschiedenen Bildern, aus Bieglers Sicht der Zweifel an Geständnissen und der Kampf gegen die Folter als Mittel der Wahrheitsfindung (das erinnert an die Diskussion um den Abschuss des Terroristenflugzeugs in einem anderen Roman von Schirachs).
Der Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit wird aber nicht erklärt oder vertieft, sondern steht als erzählte These im Raum (neben Sebastians These, dass Wahrheit nicht in der Schönheit liege, sondern im Blut – Schönheit sei nur das absolute Gleichmaß, der Durchschnitt aller Menschen); auch sonst bleibt einiges unklar, zum Beispiel warum Sebastian sich von Sofia getrennthat , woher er seine Halbschwester kennt oder wer Senja Finks ist – eine junge Frau, die außer Sebastian niemand gesehen hat und die als SFINKS = Sphinx entschlüsselt wird, ohne dass man von ihr etwas wüsste.
Der erste Teil wird recht langatmig erzählt, im zweiten löst Anwalt Biegler überraschend schnell die Knoten der irrigen Vorstellungen des Richters, der Staatsanwältin und der Öffentlichkeit auf. Er kontert zum Schluss den Hinweis des Autors, die erzählten Ereignisse beruhten „auf wahren Begebenheiten“ [Anmerkung: Es kann nur wirkliche Begebenheiten geben!], mit der witzigen Frage „Wirklich?“.


Keine Kommentare:

Kommentar posten