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Freitag, 28. Februar 2020

Erich Fried: Aber - Analyse


Zuerst habe ich mich verliebt...“
Dieses Gedicht ist streng logisch aufgebaut: Ein Ich-Sprecher, den ich gefühlsmäßig als Mann identifiziere (was aber nicht zwingend der Fall ist), wendet sich an ein geliebtes Du. In drei Strophen spricht er von seiner Liebe. Dabei stellt er zunächst deren Anfang und den jetzigen Zustand einander gegenüber: „Zuerst habe ich mich verliebt – Jetzt liebe ich auch...“ (V. 1 / 5). Die beiden Zustände unterscheiden sich zweifach, einmal in der Intensität (verliebt sein – lieben), dann – dem entsprechend – in der Weite des von der Liebe Umfassten, das sich mit den beiden Nomina „Lebensfreude – Lebensangst“ umschreiben lässt (V. 4 / 6). In der Liebe ist auch (V. 5) das Bedrückte des geliebten Du eingeschlossen, während das anfängliche Verliebtsein nur seiner Lebensfreude galt, nur von dieser entzündet wurde: Glanz deiner Augen, dein Lachen, deine Lebensfreude (V. 2-4). Die Dreizahl zeigt an, dass alles Positive, alles Strahlende des geliebten Du damit gemeint ist; das Gleiche gilt dann auch für seine bedrückten Zustände: dein Weinen, deine Lebensangst, die Hilfslosigkeit… (V. 5-8). Das Nomen „Lebensangst“ (V. 6) ist analog der „Lebensfreude“ (V. 4) gebildet, so dass der komplementäre Bezug deutlich wird; normalerweise spricht man nur von Angst oder Ängsten einer Person.
Dieser Übergang vom Verliebtsein zur Liebe, von der Faszination durch die Lebensfreude hin zur Zuneigung auch zur Angst muss als ein Prozess der Reifung verstanden werden, wo sich die bloße Anmutung durch den Anderen (Verliebtsein) zu seiner bewussten verständigen Bejahung entwickelt hat.
Mit dem adversativen „Aber“ (V. 9) wird in der dritten Strophe etwas Neues angedeutet, was hier keinen Widerspruch zum bisher Gesagten darstellt, sondern eine widerständige Aktion des Ich einleitet: Ich will (V. 10). Dieses Vorhaben ist nicht nur Ausdruck der gereiften Liebe, sondern ist nichts anderes als diese Liebe: Ich will dir helfen (V. 10), und zwar „gegen die Angst“ (V. 9); das ist eine verkürzte Ausdrucksweise – normalerweise sagt man, wobei man einem helfen will: mit der Angst fertig zu werden, die Angst zu überwinden oder Ähnliches. Die Wendung „gegen die Angst“ entspricht dem adversativen „Aber“ (V. 9), wie sie dem Gegensatz von Lebensfreude und Angst entspricht: Es muss eine neue Hinwendung zur Lebensfreude folgen.
Der Wille zum Helfen wird dann in den beiden letzten Versen begründet („denn“, V. 11), die allerdings ein wenig egoistisch klingen: als ob er dem geliebten Du nur um seiner eigenen Lebensfreude willen helfen möchte (V. 11 f.). Vermutlich ist dieser Eindruck dem artistischen Versuch des Sprechers geschuldet, der anfänglich faszinierenden Lebensfreude des Du die eigene gegenüberzustellen (V. 4 / 11) und diese an „den Glanz deiner Augen“ (V. 12 = V. 2) zu binden: Der Sprecher (oder ist es der Dichter?) will hier in der Wiederholung der eingangs gebrauchten Wendungen seine Rede (das Gedicht) abrunden und nimmt um dieser Artistik willen in Kauf, dass die Begründung seines helfen Wollens egoistisch klingt. Mit der Zeitangabe „noch immer“ (V. 12) wird angedeutet, dass der Grund der anfänglichen Verliebtheit immer noch besteht – was ein edles Bekenntnis ist, aber der behaupteten Reifung der Verliebtheit zur Liebe nicht ganz entspricht; die Berufung auf die eigene Lebensfreude (V. 11 f.) als letzte Begründung des Beistands ist und bleibt unreif. Die poetische Artistik hat über die Erfahrung gesiegt, dass wir alle schwach sind und des Beistands bedürfen; dass das anfängliche Verliebtsein einem Traumbild gilt, hinter dem mit der Zeit ein wirklicher Mensch hervortritt.
Die Sprache des Sprechers ist einfach, greift auf normale Erfahrungen zurück; nur das Nomen „Lebensangst“ klingt ein wenig gehoben, siehe oben; das Gleiche gilt für die Wiederholung des Nomens „Lebensfreude“ (V. 13), welches statt des normalen Nomens „Freude“ steht.
Die drei Strophen enthalten jeweils einen einzigen Gedanken; sie sind in einer Art Dialektik miteinander verbunden: deine Lebensfreude → deine Angst → Verbindung: deine Angst / meine Lebensfreude. Auf der Ebene der Verben sieht diese Dialektik so aus: Ich habe mich verliebt → Ich liebe → Ich will dir helfen. Die Überschrift „Aber“ zeigt, dass der dritte Schritt der Dialektik der entscheidende ist: dass die Liebe sich auch den dunklen Seiten des Partners stellt und sie auffängt.
 
So ist das Gedicht weniger lyrisch als lehrhaft, auch ein wenig sentimental wie viele Liebesgedichte Frieds (manche sind sogar Kitsch, aber das ist ein anderes Thema).

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