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Samstag, 29. Februar 2020

Erich Fried: Aufhebung - Analyse


Sein Unglück…
In diesem Gedicht geht es darum, wie man mit seinem Unglück umgehen soll; es handelt sich also um ein lehrhaftes Gedicht – Sprecher und Hörer (generisches Maskulinum!) treten nicht in Erscheinung, der Sprecher beansprucht Gültigkeit für das, was er zu sagen hat. Dabei wird vorausgesetzt, dass jeder Hörer unter einem Unglück leidet, welches genauso unbestimmt ist wie Sprecher und Hörer.
Dieses Unglück steckt tief in einem drin; deshalb muss man es ausatmen, sich von ihm befreien, es aus sich herauslassen, es nicht in sich hinein fressen und drinnen wuchern lassen. Das ist der Grundgedanke des Sprechers, den er im Infinitiv äußert, also ohne Subjekt („ausatmen können“, V. 2): gültig für jedermann. „Das wäre schon fast wieder Glück.“ (V. 18-20) Diese beiden Äußerungen bilden die Klammer um alles, was der Sprecher von der Befreiung vom Unglück zu sagen weiß.
Um es noch zu präzisieren: Er spricht nicht vom Ausatmen, sondern vom ausatmen Können (V. 2). Das Ausatmen ist also wohl nicht einfach; man muss es erlernen, auf dass man es kann. Wie man es erlernt, wird nicht gesagt; wohl aber wird dreifach angedeutet, was mit dem ausatmen Können gemeint ist – und damit indirekt auch, wie man es erlernen kann. Das wird in den nächsten drei Strophen dargelegt.
Der Zeilenschnitt V. 1-2 hebt die überraschend genannte Fähigkeit „ausatmen können“ hervor; „Unglück ausatmen“, das wird normalerweise so nicht gesagt. In der direkt fortgesetzten zweite Strophe wird die ungewöhnliche Wendung „Unglück ausatmen“ erläutert: „tief ausatmen...“ (V. 3-5). Wenn man wieder einatmen kann (V. 4 f.), fällt der Druck von einem ab bzw. ist schon abgefallen, das Beengende und damit das, was Angst macht: „Angst“ gehört zur indogermanischen Wortgruppe „eng“. Mit dem Ausatmen befreit man sich aus der Enge, damit fängt die Befreiung vom Unglück an. Das Verb „einatmen“ (V. 5), durch Zeilenschnitt überraschend eingeführt, ist das Pendant oder auch Gegenteil zu „ausatmen“; zusammen zeigen sie an, dass da jemand lebt und mit dem Einatmen etwas von der Welt in sich aufnimmt – von der Welt, die ihn leben lässt.
In der großen dritten Strophe wird die zweite Möglichkeit, sich vom Unglück zu befreien, erklärt: Zum wortlosen Ausatmen kommt nun das Sagen von Worten hinzu (V. 6 ff.); der Zeilenschnitt V. 6-7 bereitet auf „sagen können“ vor. In einer Kette fortgesetzter Präzisierungen wird die Fähigkeit der Worte, vom Unglück zu befreien, dargelegt:
  • wirkliche Worte (also nicht nur Stöhnen oder Seufzer)
  • Worte, die Sinn haben,
  • so dass man sie verstehen kann
  • und die vielleicht ein anderer versteht
  • (oder verstehen könnte)
Der Zeilenschnitt trennt durchweg (bis auf V. 12-13) kleine Sinneinheiten voneinander. Das sagen Können läuft auf Verstehen hinaus, und zwar darauf, dass ein anderer den Unglücklichen versteht; in dieser Zuwendung, dieser Anteilnahme beginnt die „Aufhebung“ (Überschrift) des Unglücks.
Dem Sprechen als Äußerung des Unglücks entspricht das stumme Weinen (V. 17). Dazu ist dann nicht viel zu sagen, der Sprecher begnügt sich mit einer Zeile, die eine ganze Strophe ausmacht; damit ist das Weinen als Äußerung des Gefühls gleichberechtigt neben das Sagen als Äußerung sinnvoller (V. 10 f.) Gedanken gestellt.
In der letzten Strophe bewertet der Sprecher die drei genannten Formen, sein Unglück zu äußern, also nach außen zu tragen: „Das wäre schon fast wieder Glück.“ (V. 18-20) Es ist also nicht Glück, sondern wäre es beinahe (Konjunktiv II), abgeschwächt bzw. modifiziert durch die Angabe „fast wieder“ (V. 19), die in einer eigenen Zeile hervorgehoben wird: ein Schritt auf dem Weg zum Glück, ein Schritt heraus aus der Verlassenheit.
Der Sprecher redet in normaler Prosa, auf der Ebene der Umgangssprache. Nur der Zeilenschnitt und die Gliederung in Strophen sowie die kunstvolle Klammer (V. 1 f. / V. 18-20) machen daraus ein Gedicht.

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