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Freitag, 6. März 2020

Erich Fried: Bezeichnungen - Analyse


Nicht mehr Selbstmord...“
Die Bezeichnungen, von denen im Titel absolut (ohne Attribut: Bezeichnungen für…) und mit bestimmtem Artikel gesprochen wird, sind die möglichen Bezeichnungen für den sogenannten Selbstmord oder Suizid. Drei der gängigen Bezeichnungen werden diskutiert und zurückgewiesen: Selbstmord, Freitod, der letzte Ausweg. Am Ende fragt der anonyme Sprecher deshalb in seiner Ratlosigkeit: „Mit welchen Worten das Namenlose nennen?“ (V. 17)
Das Gedicht ist leicht zu verstehen, da gibt es nicht viel zu „interpretieren“; man kann allerdings den Gedankengang aufzeichnen und sprachliche Feinheiten beachten. Die erste besteht darin, dass in den ersten Versen aller Strophen das Verb und das Subjekt, also der Satzkern fehlt – zu ergänzen wäre dreimal „Man darf sagen“ oder „Man soll sagen“; das zeigt, dass der Sprecher Vorschläge macht oder Verbote (wenn man die jeweils vorhandene Negation berücksichtigt) ausspricht. Es folgen auf dieses einleitende Verbot Begründungen dafür, dass man so nicht sprechen soll oder kann. Daraus ergibt sich dann eben die abschließende Frage (V. 17).
Die Bezeichnung „Selbstmord“ wird abgelehnt, weil – so der Sprecher – nicht der Selbstmörder mordet, sondern „dieses Leben“ (V. 3 f.). Das ist eine recht vage Aussage, die pauschal unterstellt, dass „dieses Leben“ in der Bundesrepublik Deutschland mörderisch (gewesen) ist; man muss schon sehr links eingestellt (gewesen) sein und etwa auch die Partei der Baader, Meinhof und Genossen ergriffen haben (vgl. das Gedicht „Die Anfrage“), um im Hinweis auf „dieses Leben“ ein Mordmotiv zu erkennen. Aus dieser Perspektive kann man in der Tat in der Bezeichnung „Selbstmord“ eine Verleumdung erkennen (V. 2). - Nur der Zeilenschnitt weist die vier in normaler Prosa gesprochenen Zeilen als Gedicht aus; die beiden ersten trennen semantische Einheiten, der Schnitt hinter „die“ (V. 3) hebt „dieses Leben“ (V. 4) als Täter oder Mörder hervor.
Als nächste Bezeichnung wird „Freitod“ abgelehnt, und zwar mit einer doppelten Begründung: Freitöter (ein Neologismus, abgeleitet von „Freitod“) seien andere Typen (V. 6 f.), die töten und trotzdem frei ausgehen – für Staatsmänner ist das nicht zu bestreiten, für Polizisten in unserem Land allerdings schon. Das zweite Argument steckt in der rhetorischen Frage, ob die Tötung den Betroffenen wirklich freigestanden habe (V. 8). Die rhetorische Frage impliziert die Antwort „Nein“, die allerdings problematisch ist, wenn man das so pauschal behauptet; es gibt doch Leute, die ernsthaft sterben möchten – deren Recht auf Autonomie hat das Bundesverfassungsgericht gerade erst bestätigt (26.02.2020): „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG) umfasst ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen.“ - Der Zeilenschnitt in der zweiten Strophe folgt i.W. dem Satzbau.
Für die Diskussion der dritten Bezeichnung nimmt der Sprecher sich die doppelte Zeit (zwei Strophen): „den letzten Ausweg wählen“. Die Konstruktion der dritten Strophe ist etwas ungewöhnlich: Das Subjekt „sie“ (V. 10) wird erst nachträglich in einer Apposition bestimmt: „die einfachen Leute“ (V. 11), deren Abschiedsbotschaften zitiert werden. Wieso das die einfachen Leute sein wollen, erschließt sich mir nicht.
Das zweifache Argument gegen diese Bezeichnung oder Erklärung steht in der vierten Strophe, wieder in zwei rhetorischen Fragen. Die erste Frage hätte nur Sinn, wenn man von der Bezeichnung „Freitod“ ausgeht, nicht aber vom „letzten Ausweg“ (V. 13 mit V. 12); denn um den letzten Ausweg zu nehmen, braucht man nicht die Wahl zu haben, im Gegenteil. Hier käme man im Sinne des Sprechers höchstens weiter, wenn man nach dem Attribut „Ausweg vor was?“ fragte; da man aber vom letzten Ausweg immer ohne dieses Attribut spricht, beansprucht man gerade, keine Wahl zu haben – nur so kann dieses Wort als Erklärung oder Entschuldigung oder Bitte um Verständnis dienen. Auch die zweite Frage ist mit dem Wortspiel vom „vorletzten Ausweg“ (V. 16, analog dem „letzten“) nicht plausibel: Wenn man am letzten Ausweg ankommt, hat man den vorletzten bereits verpasst; beim letzten Ausweg nach dem vorletzten zu fragen nimmt den, der sterben will, und seine Lage nicht ernst.
Der Zeilenschnitt in den beiden letzten Strophen hebt „die einfachen Leute“ (V. 11) hervor, ohne dass diese Bezeichnung dadurch plausibler würde, ebenso die Wendung „einen vorletzten Ausweg“ (V. 16), wo schon die Wortbildung überraschend ist; in den anderen Fällen folgt der Zeilenschnitt dem Satzbau.
Auf die ratlose Schlussfrage, die durch Einzeilenumfang in eine Sonderstellung gelangt, als die Konsequenz aller Überlegungen ist bereits hingewiesen worden. Eine Untersuchung verdient die Bezeichnung „das Namenlose“ (V. 17). Das ist zunächst das, wofür drei gängige Namen abgelehnt worden sind, weshalb es als namenlos erscheint. Nimmt man jedoch diese Bezeichnung als endgültigen „Namen“ für jenes Namenlose, dann deutet sich darin der Abgrund an, in den man blickt, wenn ein guter Bekannter sich selbst getötet hat.
Angesichts sowohl des Namenlosen wie auch des eigenen Erschreckens könnte man, statt nach einem passenden Namen zu fragen, jedoch überlegen, wie man Verzweiflungstaten wie die Selbsttötung vielleicht verhindern kann – das wäre eine humanere Alternative an Stelle der allerdings logisch erscheinenden Schlussfrage (V. 17). In diesem Gedicht hat Erich Fried in guter „linker“ Absicht um sich gehauen und dabei nicht darauf geachtet, ob er nicht vielleicht auch die Falschen trifft.

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