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Sonntag, 29. März 2020

Fr. Schiller: Die Kraniche des Ibykus (1797) - Analyse und Interpretation


Zum Kampf der Wagen und Gesänge…
 
Ich schreibe nur zu den Aspekten etwas, die durch die Ausführungen Viehoffs und des Schiller-Archivs nicht hinreichend oder gut genug abgedeckt sind. Ich verweise also ausdrücklich auf diese Ausführungen, die im Netz greifbar sind, siehe unten!

Aufbau des Gedichts
Erzählt wird, wie der bekannte Dichter Ibykus auf dem Weg zu den Korinthischen Spielen ermordet wird und wie die Schuldigen sich selbst entlarven; die Ereignisse werden der Reihe nach berichtet. Durch die Erzählung (Ballade) wird demonstriert, dass schwere Schuld (hier Mord) unfehlbar schon auf Erden bestraft wird.
Exposition (Str. 1-3): Der Dichter wird als Wanderer eingeführt, der zu den Korinthischen Festspielen geht; ihn begleiten Schwärme von Kranichen, mit denen er im gleichen Geschick verbunden ist (V. 20 ff.).
Das erste Ereignis („Da“, V. 27) ist der Mord am Dichter (Str. 4-6); hilflos ernennt er die Kraniche zu Zeugen des Mordes und zu Anklägern der Mörder (V. 45 ff.).
Der Mord wird („bald“, V. 50) dem Gastfreund des Toten und den in Korinth versammelten Griechen (Str. 8) bekannt; sie fordern von der Obrigkeit, dass die Mörder bestraft werden (Verweis auf Str. 23).
Mit Str. 9 wechselt der Erzähler, der bisher neutral berichtet hat, seine Perspektive; die Fragen zeigen an, dass er von jetzt an aus der Perspektive der in Korinth versammelten Menschen erzählt. Man fragt, wo der oder die Täter sich verbergen – vielleicht sogar in ihrer Mitte (Str. 10 – Verweis auf Str. 20).
Der Blick des Erzählers geht nun (Str. 11-12) ins Theater hinein, wo sich Menschen aus ganz Griechenland versammeln.
Den Höhepunkt des Gedichts stellen der Auftritt und der Gesang des Chores der Eumeniden dar (V. 13-18), der wie eine überirdisches Phänomen einzieht (Str. 13-15) und von seiner Macht spricht, Mörder unerbittlich zu verfolgen und zu stellen, bis ins Totenreich hinein (Str. 16-17). Darauf wird kurz berichtet, wie der Auftritt auf die Zuschauer wirkt: Tödliche Stille („wie des Todes Schweigen“, V. 138) tritt ein, „[a]ls ob die Gottheit nahe wär“ (V. 140). Als der Chor ausgezogen ist (Str. 18), erkennen alle Zuschauer unter dem Eindruck seines Auftritts („zwischen Trug und Wahrheit“, V. 145: Theater!) die Macht der Eumeniden an.
Der Erzähler wechselt, nachdem der Auftritt des Chores noch mit den Augen der Zuschauer gesehen wurde, wieder ins neutrale Berichten: Es folgt als Schluss („Da“, V. 153) der Bericht von der Aufdeckung des Mordes und der Bestrafung der Mörder (Str. 20-23): Angesichts der „Kraniche des Ibykus“ (V. 156) verraten sich die Mörder selbst und werden erkannt. Die Menschen verstehen das Ereignis so, dass sich darin „der Eumeniden Macht“ zeigt (V. 172); die Verurteilung der Schuldigen durch ein Gericht wird nur noch am Rande erwähnt (V. 181 ff.).

Idee des Gedichts
Einmal ist Ibykus mit den Kranichen verbunden, die seine Begleiter waren (Str. 2, 3), die er zu Anklägern seiner Mörder bestimmt (Str. 6) und deren Auftauchen im Theater den verräterischen Ruf des einen Mörders auslöst (Str. 20), der durch sie an die Umstände des Mordes (Str. 6) erinnert wird. Anderseits bildet der Auftritt des Eumenidenchors, unter dessen Eindruck sich das folgende Geschehen abspielt (Str. 19 ff.), den Höhepunkt des Gedichts (Str. 13 ff.); und die Zuschauer erkennen, als die Mörder sich selbst verraten: „Gebet acht! Das ist der Eumeniden Macht!“ (V. 171 f.)
Dieser Ausruf hat eine in den Augen der Zuschauer und der Leser unterschiedliche Bedeutung: Der Eumeniden Macht scheint zunächst die Macht überirdischer Gestalten zu sein, wie das Volk meint (V. 101 f., V. 108, V. 111 f.; Str. 19 mit V. 172); in Wahrheit jedoch ist es die Macht des als Eumeniden im Theater auftretenden Chores, wie der Leser erkennen kann (wichtig: der irreale Vergleich „[a]ls ob die Gottheit nahe wäre“, V. 140). Drei Gründe lassen sich dafür anführen: Der Auftritt der Eumeniden wird als eindrucksvolles Theater ausdrücklich hervorgehoben („zwischen Trug und Wahrheit schwebet“, V. 145); diese Wirkung geht ins Herz der Zuschauer („jede Brust“, V. 146 und V. 162; „dem tiefen Herzen sich verkündet“, V. 151; „alle Herzen“ wissen es, V. 171), entsprechend kommt das Schuldbekenntnis aus dem Innern des Mörders (V. 178). Drittens ist die Str. 19 nachträglich von Schiller in den ursprünglichen Entwurf der Ballade eingefügt worden, um die Bedeutung des Theaters recht kenntlich zu machen.
Wenn man die Quellen Schillers und seine Auseinandersetzung mit Goethe bei der Arbeit am Gedicht beachtet (Ergänzung der Strophen 3, 9, 14, vermutlich eher Str. 5 als Str. 2, jedenfalls vier Strophen bis Str. 18, zum ursprünglichen Entwurf), erkennt man, dass Goethes Hinweis auf die Kraniche beachtet wurde und „die Kraniche“ die Kontinuität des erzählten Geschehens sichern, dass Schiller seinerseits seine Idee von der Wirkung des Theaters stärker ausgearbeitet hat. - Die Arbeit am Gedicht ist hinreichend in Viehoffs Kommentar und in den Erläuterungen auf der Seite des Schiller-Archivs dokumentiert, die wichtigsten Quellen werden von Leitzmann genannt.


https://archive.org/details/schillersgedich02schigoog/page/n546/mode/2up (Erläuterungen Viehoffs zur Entstehung, durchgängiger Kommentar)
https://archive.org/details/diequellenvonsch00leituoft/page/8/mode/2up (Leitzmann: die Quellen des Gedichts, v.a. der Eumeniden-Chor; den findet man ebenfalls bei christian freitag: ballade. C. C. Buchner, Bamberg 1986, S. 167 f.)
https://archive.org/details/aufgabenausschil03teet/page/110/mode/2up (E. Teetz: Sprachliche und metrische Eigentümlichkeiten der Schillerschen Balladen)
Es fehlen im Schiller-Archiv Erläuterungen zu
V. 4 Götterfreund: siehe V. 5 f.
V. 11 Poseidon: der Gott des Meeres
V. 24 die Schmach: die Verachtung Fremden gegenüber
V. 39 Buben: Kerle (nicht Kinder)
V. 68 schwarzen: (hier metaphorisch) bösen
V. 76 Frevel: ursprünglich Gewalt, Stärke; dann im übertragenen Sinn: unrechtmäßige Gewalt, vorsätzliche Beleidigung Gottes oder anderer Menschen (nach Adelung), vgl. V. 77-80
V. 116 die Bande: Plural zu „das Band“
V. 118 Erinnyen: die drei Göttinnen der Rache, die als Chor auftreten, später Eumeniden genannt; sie sind das „furchtbare Geschlecht der Nacht“, V. 128, vgl. Str. 19
V. 145 zwischen Trug und Wahrheit: die Realität des im Theater gezeigten Geschehens
V. 171 – 176, ohne einleitende Formel: die Rufe der Menschen

Strophenform
Der einzelne Vers besteht aus vier Jamben, die zum Gestus des Erzählens passen, der die Ballade bestimmt. Die ersten vier Verse jeder Strophe sind im Paarreim, die letzten vier im Kreuzreim miteinander verbunden; Vers 1-4 und V. 5-8 bilden zudem meistens einen einzigen Satz. Dadurch erfolgt in der Mitte jeder Strophe ein deutlicher Einschnitt, zum Beispiel Strophe 1: die Festspiele / Ibykus; Strophe 2: er tritt in den Hain / die Schwärme der Kraniche; Strophe 4: die Mörder / der Kampf; Strophe 5: vergebliche Hilferufe / Zitat des Rufs an die Kraniche, usw.
Die Reime sind semantisch oft unbedeutend, in Einzelfällen jedoch binden sie Verse auch im Sinn aneinander, etwa: Apoll / des Gottes voll (V. 6 / 8 – derselbe Gott); Kraniche begleiten ihn / sie ziehn (V. 14 / 16 die Kraniche); ruft die Götter / kein Retter (V. 33 / 34 Gegensatz); usw.
Zur gehobenen Sprache des Gedichtes siehe die Hinweise bei Teetz!

Rezitation
https://www.youtube.com/watch?v=Joc-VCssGb4 (W. Gerber: zu wenig flüssig)
https://www.youtube.com/watch?v=YR3o14Hd_LI (Peter Reimers: z.T. eintönig)
https://www.youtube.com/watch?v=HgWXXXcqgvo (J. Fritsche: zu stark am Vers orientiert, wie auch andere)
Es ist hilfreich, das Gedicht nicht nur vorgetragen zu hören, sondern es selber auch zu sprechen, evtl. mit verschiedenen Sprechern der wörtlichen Reden.

Literatur
von Wiese, Benno: (Interpretation des Gedichts, in:) Die deutsche Lyrik. Form und Geschichte, Bd. I. Hrsg. von Benno von Wiese. Bagel: Düsseldorf 1970 u.ö., S. 318 ff. (S. 323 ff.)
Pestalozzi, Karl: Die suggestive Wirkung der Kunst. In: Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller. Reclam: Stuttgart 1996, S. 217 ff.

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