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Dienstag, 31. März 2020

Friedrich Schiller: Die Bürgschaft - Interpretation


Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich …

Text
https://www.friedrich-schiller-archiv.de/inhaltsangaben/schiller-die-buergschaft-inhaltsangabe-interpretation-und-quelle/ (Schiller-Archiv: Text mit Erläuterungen; die Entstehung ist in Wikipedia ausführlicher belegt; Aufbau: problematisch; Versmaß: knapp)
oder https://archive.org/details/ausgewhlteball00heuwuoft/page/96/mode/2up (Heuwes: Text mit Erläuterungen zu Worten und sprachlichen Eigenheiten; Fabel des Hyginus S. 125)

Ergänzung und Korrektur der Erläuterungen im Schiller-Archiv
V. 1 Tyrann: ein Regent, welcher seine Gewalt zur Grausamkeit und Gewalttätigkeit missbraucht
V. 2 Möros: So heißt der Attentäter in Schillers Quelle, einer Fabel des Hyginus, sein Freund Selinuntius; bei einem anderer antiken Erzähler der Geschichte heißt der Attentäter Damon. Für die Prachtausgabe seiner Gedichte, die erst nach Schillers Tod erschienen ist, hat dieser als Überschrift „Damon und Pythias“ vorgesehen und in V. 2 Möros durch Damon ersetzt.
V. 13 Bürge: jemand, der einem Menschen verspricht, notfalls die Schuld eines anderen bei ihm zu bezahlen oder für dessen Verpflichtungen selber zu haften
V. 15 mit arger List: arglistig, bösartig
V. 20 erblassen: erbleichen, weil er stirbt
V. 22 gebeut: eine alte Präsensform von „gebieten“ (er gebietet)
V. 24 bezahle: büße
V. 24 frevelnd: unrechtmäßig, gesetzeswidrig
V. 28 die Bande: Plural zu „Band“
V. 37 die Quellen: das Wasser
V. 42 des Gewölbes der Brücke
V. 66 Rotte: ein Haufen unter einem gemeinsamen Befehlshaber stehender Soldaten, wobei die Rotte etwa aus 6 bis 100 Mann; am häufigsten nur ein kleiner Haufen
V. 68 schnauben: heftig atmen; im übertragenen Sinn für Gefühlsäußerungen, die mit heftigem Atmen verbunden sind
V. 83 verschmachten: verdursten
V. 111 den mutigen Glauben: „mutig“ heißt, vorher gesehenen Gefahren in Erwartung eines guten Ausgangs ohne Furcht entgegengehen; der Freund hat diesen Mut und Glauben an die Treue und Ehrlichkeit seines Freundes
V. 112 Hohn: Spott
V. 114 Es muss „als“ ergänzt werden: als ein Retter erscheinen (kommen)
V. 115 Es muss „mit“ ergänzt werden: mit ihm vereinen
V. 117 die Pflicht brechen: die Verpflichtungen brechen
V. 118 Er rechnet mit der Bosheit des Tyrannen, obwohl dieser ihm versprochen hatte, ihn zu schonen, falls er seinen Freund ermordet.
V. 131 Wundermär: Geschichte eines Wundes, eine unglaubliche Geschichte
V. 132 Rühren: Rührung, er ist gerührt
V. 138 Genosse: Genossen sind einander gleich, sie gehören einer anderen geschlossenen Gemeinschaft an (siehe V. 140: euer Bund).

Aufbau des Gedichts
und Zeitstruktur des erzählten Geschehens
Die Erzählung steht unter der Idee, dass der Freund dem Freund die Treue hält.
Exposition: Der als Attentäter ergriffene Möros (oder Damon) bekommt vom Tyrannen Dionys eine Gnadenfrist und gewinnt seinen Freund dafür, mit seinem Leben dem König für Möros zu haften; er hat drei Tage Zeit, seine Schwester zu verheiraten und heimzukehren. Möros reist ab, verheiratet die Schwester und kehrt heim.
Die Exposition besteht aus zwei Szenen, dem Gespräch des Königs mit Möros und dem Gespräch des Mörus mit seinem Freund, die beinahe zeitdeckend erzählt werden. Stark gerafft werden Attentat und Festnahme des Mörus und seine Abreise berichtet – das alles ist Geschehen eines Tages (bis Str. 5, Vers 3). Die Hochzeit und der Aufbruch zur Heimreise werden nur erwähnt (Str. 5, V. 4-7, ein Tag), die Hinreise ist ausgespart.
Den Hauptteil macht die Heimreise am vierten Tag aus. Sie wird durch drei Hindernisse erschwert, die es Möros beinahe unmöglich machen, rechtzeitig heimzukehren, die er jedoch in Sorge um den bedrohten Freund überwindet.
  • Er steht vor einem reißenden Fluss, findet weder Brücke noch Fähre und schwimmt nach langem Warten hindurch (Str. 6-9). Eine Zeitangabe (Sonne im Süden, Str. 8, V. 4 f.) gibt es für die viele Stunden (Str. 8, V. 4; Str. 9, V. 3) dauernde Aktion.
  • Als zweites Hindernis taucht eine Räuberbande auf, die er in seiner Verzweiflung besiegt und aus dem Weg räumt (Str. 10 f.); der Kampf mag einige Minuten gedauert haben.
  • Eine indirekte Zeitangabe gibt es beim nächsten Hindernis: Die Sonne „versendet glühenden Brand“ (Str. 12, V. 1); das kann frühestens gegen 16 Uhr gewesen sein (vgl. die Mittagszeit in Str. 8 und die in Str. 9 genannten Stunden nebst dem Kampf, Str. 11). Er bricht „ermattet“ zusammen (Str. 12, V. 3); da rettet ihn eine Quelle, die er zufällig entdeckt (Str. 13), nachdem er zur Gottheit gebetet hat (Str. 12), Str. 12-13).
Nach einem Zeitsprung – es wird auf die Abendsonne verwiesen (Str. 14, V. 1-13), es mag also gegen 19 Uhr sein – wird vom letzten Teil der Heimreise erzählt, die Möros sehr lange vorkommen muss, weil ihm zweimal bedeutet wird, er könne zu spät kommen, um den Freund noch zu retten: Zuerst hört er zufällig den Spruch der Wanderer, dass der Freund jetzt ans Kreuz geschlagen werde (Str. 14); dann warnt ihn sein Hausverwalter, den Weg fortzusetzen, weil sein Freund „eben“ (Str. 16, V. 3; vgl. „Jetzt“ Str. 14, V. 7) den Tod erleide, was er um der Treue willen energisch ablehnt (Str. 15-18). Diese beiden Episoden sind retardierende Momente im Erzählen, sie steigern die Spannung: Kann der Freund noch vor dem Tod gerettet werden?
Der Hauptteil endet mit des Möros Ankunft in Syrakus, als die Sonne gerade untergeht (Str. 18, V. 1): Im letzten Moment erreicht er das für seinen Freund bestimmte Kreuz und bietet sich selbst als Opfer an (Str. 18).
Berichtet werden noch Erfolg und Belohnung der Anstrengungen des Möros (Str. 19-20):
  • Erstaunen des Volkes
  • Schmerz und Freude“ der Freunde
  • Rührung der Menschen, auch des Königs
  • Bitte des Königs, in den Freundschaftsbund aufgenommen zu werden.
Hat der König sein Angebot an Möros „mit arger List“ (Str. 3, V. 1) gemacht, so fühlt er zum Schluss „ein menschliches Rühren“ (Str. 19, V. 6) und bekennt: „Ihr habt das Herz mir bezwungen.“ (Str. 20, V. 3). Erfolg und Belohnung stellen sich wie im Märchen ein; dem übermenschlichen Einsatz des Möros hat die göttliche Hilfe (Gebet in Str. 8 und Str. 13; Hilfe ausdrücklich erwähnt in Str. 9, V. 7) entsprochen.
Der König spricht die Idee des Erzählers bzw. des Dichters aus, die am Beispiel gezeigt werden sollte: „Und die [Freundes]Treue, sie ist doch kein leerer Wahn“ (Str. 20, V. 4). Des Möros Treue zu seinem Freund, der für ihn mit dem Leben bürgt, zeigt der Erzähler immer wieder auf:
  • Trotz des Angebots des Königs, sich selber durch eine Flucht zu retten (Str. 3, V. 4-7),
  • und wegen des Freundes, der ohne Diskussion als Bürge haftet (Str. 5, V. 1 f.),
  • bricht Möros alsbald zur Heimreise auf (Str. 5, V. 6 f.),
  • sorgt er sich um des Freundes Leben, als er selbst in Gefahr ist (Str. 8, V. 3-7),
  • nimmt er den Kampf mit den Räubern auf (Str. 11, V. 4-7),
  • betet er erneut um Rettung, als er ermattet (Str. 12, V. 4-7),
  • hat er Angst, dass er zu spät kommen könnte (Str. 15, V. 1 f.),
  • will er um der Treue willen notfalls sein Leben als Opfer darbringen (Str. 17),
  • stoppt er die Hinrichtung und bietet sich selbst an (Str. 18, V. 6 f.).
Auch der Freund hat in scheinbar aussichtsloser Lage nie an des Möros Treue gezweifelt: „Ihm konnte den mutigen Glauben / Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.“ (Str. 16, V. 6 f.)
Aus der Zeitstruktur ergibt sich, wie der Erzähler die Akzente setzt: Dem Geschehen des ersten Tages (Attentat, Verhaftung, zwei Gespräche, Geiselnahme des Freundes, Abreise des Möros) – das alles mag etwa vier Stunden gedauert haben – sind vier Strophen und drei Verse gewidmet. Die Reise zur Schwester wird nicht erwähnt (Zeitsprung: ein Tag), am nächsten Tag ist die Hochzeit der Schwester (Str. 5, V. 3 f. – zwei Verse). Die Heimreise erfolgt am übernächsten Tag (Str. 5, V. 6 f. bis Str. 20 – vielleicht 16 oder 18 Stunden). Dem Bemühen des Möros, die Frist zur Rettung des Freundes nicht zu verpassen, und seiner Treue, in der er alle Hindernisse überwindet, gilt also das Hauptinteresse des Erzählers.
Zeitdeckend werden nur die Gespräche berichtet, wobei für die Bitte an den Freund nur sieben Verse reserviert sind, während dieser selber kein einziges Wort sagt – es ist wohl selbstverständlich, dass er für Möros einsteht. Die meiste Erzählzeit wird auf den Anfang, wo das Problem der Treue gestellt wird (Str. 1-4), und dann vor allem auf die Rückreise, wo sich des Möros Treue bewährt (Str. 6-18), verwendet.

Links zu Analyse und Interpretation
https://archive.org/details/schillersgedich02schigoog/page/n592/mode/2up (Viehoff: Quelle und Geschichte des Stoffs; Prinzipien der Bearbeitung durch Schiller; Kritik der Kritik am Gedicht; die Zeitangaben; das Metrum; Möros vs. Damon)
https://literaturkritik.de/id/7772 (Helmut Koopmann: Hintergrund der Balladen Schillers; Erzähltechnik und Dramatisierung in „Die Bürgschaft“; Wirkung Schillers; Charakterisierung seiner Balladen; Schillers Intentionen; der bürgerliche und christliche Untergrund von Schillers Balladen; Kritik an Schiller, relativiert)
https://www.litde.com/gedichte-aus-sieben-jahrhunderten-interpretationen/die-brgschaft-friedrich-schiller.php (Jürgen Stenzel: antirevoluionäre Lesart; Interpretation aus Schillers Kunstverständnis)
https://archive.org/details/aufgabenausschil03teet/page/110/mode/2up (Teetz: Sprachliche und metrische Eigenheiten der Schillerschen Balladen)
https://stiftung-rosenkreuz.org/text/buergschaft-schiller-dionys-ethik-treue-damon/ (gnostisch-hermetische Lesart, vieles ist spinnert und Phantasie)

Rezitation
https://www.youtube.com/watch?v=-jAO9bVpqV8 (Fritz Stavenhagen, etwas zu ruhig)
https://www.youtube.com/watch?v=KfEJE2Kq4Lk (ab 4:45, Oskar Werner, zu schnell)
https://www.youtube.com/watch?v=-b4aEjmz_rw (M. D. Cremer, zu eintönig)
https://www.youtube.com/watch?v=SidKAcrBUC8 (Axel C. Schullz: durch Gestik unterstützt, interessanter Versuch) und weitere sowie Verfilmungen auf youtube
Schillers Balladen muss man nicht (nur) lesen, sondern sprechen – so lange, bis man auch die Feinheiten sprachlich bewältigt.

Ich weise noch darauf hin, dass der Freundschaftsbund zwischen Karlos und Posa ein beherrschendes Motiv in Schillers „Don Karlos“ ist, vgl.
Norbert Tholen: Friedrich Schiller: Don Karlos. Krapp & Gutknecht 2008, S. 18-21
Gedichte über Freundschaft:
und natürlich Goethe: An den Mond, und Schiller: Ode an die Freude und Die Freundschaft.

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