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Samstag, 4. April 2020

Friedrich Schiller: Der Tanz - Analyse


Siehe, wie schwebenden Schritts im Wellenschwung sich die Paare… (letzte Fassung, 1800)

https://archive.org/details/mwgtzingersdeut00gtgoog/page/n85/mode/2up (Götzinger, mit beiden Lesarten und einigen Anmerkungen)
Siehe, wie durcheinander in kühnen Schlangen sich winden… (erste Fassung, 1796)
 
Erläuterungen:
V. 4 Reihen: Reigen
V. 5 Zephir: der milde Westwind
V. 8 ätherisch: himmlisch; engelhaft zart, vergeistigt
V. 25 Nemesis: Göttin des Maßes, des Ausgleichs

Das im Jahr 1795 entstandene Gedicht wurde 1796 im Musenalmanach veröffentlicht, dann von Schiller noch einmal überarbeitet und 1800 im ersten Band seiner Gedichte in der endgültigen Fassung vorgestellt. Heute wird durchweg die zweite Fassung gelesen.
Es spricht ein Ich, das eine Gruppe tanzender Paare beobachtet (V. 3), zu einem erst spät (V. 23) angesprochenen Du, das zumindest gegen Ende des Gedichts nicht als anwesend gedacht werden muss (V. 27 ff. kann auch ein allgemeines „du“ sein, im Sinn von „man“); dem scheint zu widersprechen, dass das Du mehrfach direkt angesprochen wird (Siehe, V. 1; Sieh, V. 13; Sprich, V. 19), dass Fragen an das Ich gerichtet sind (V. 19 ff., V. 27 ff.), dass es direkt auf die gegenwärtigen Ereignisse hingewiesen wird (Jetzt, V. 9 und V. 13; Nein, V. 15 – diese drei situationsbezogenen Hinweise könnte das Ich aber auch im Monolog machen). Das Thema ist der gerade beobachtete Tanz, der zum Schluss Sinnbild für das nach den gleichen Regeln ablaufende Weltgeschehen (V. 27 ff.) wird.
Zuerst beobachtet das Ich die Menge der Tanzenden (V. 8), dann ein einzelnes Paar (V. 9-16), um abschließend die Idee zu erkennen, nach der sich die Bewegungen vollziehen (V. 17 f.): „[E]in stilles Gesetz lenkt der Verwandlungen Spiel.“ (V. 18). In Frage und Antwort wird dieses Gesetz ausführlicher erklärt (V. 19-26); abschließend wird in rhetorischen Fragen dem Ich vorgehalten, dass es dieses große Weltgesetz zwar im Tanz-Spiel achte, aber nicht in seinem Handeln: „Das du im Spiele doch ehrst, fliehst du im Handeln, das Maß.“ (V. 32) Dieser Vorwurf richtet sich m.E. an die Allgemeinheit, an die Menschen in ihrer unbedachten Lebensführung, nicht an ein bestimmtes Du.
Der Eindruck, den die Tanzenden auf den Betrachter („Siehe“, V. 1) machen, ist ein Bild schwerelosen Schwebens: schwebenden Schritts, V. 1; berührt kaum…, der geflügelte Fuß, V. 2; flüchtige Schatten, befreit von der Schwere, V. 3; Elfen, V. 4; wie Rauch in der Luft, V. 5; ätherischer Leib, V. 8. Diese schwebende Bewegung geschieht „im Wellenschwung“ (V. 1), gewiegt (V. 5), wie auf silberner Flut (V. 6), auf melodischer Woge (V. 7), von der Musik gehoben (V. 8). Nicht nur Vergleiche und Metaphern verdichten diese Eindrücke, sondern auch die Sprache, in der sie geschildert werden. Da ist einmal das Distichon, das mit seinem Wechsel von Daktylen und Trochäen (bzw, verkürzten Daktylen), von Hexametern und sogenannten Pentametern den Wellenschwung des Tanzes nachahmt oder, genauer, hören lässt.
Das Distichon ist ein klassisches Versmaß, das durch Schiller und Goethe in Deutschland für Elegien populär wurde. Man sagt normalerweise, es bestehe aus einem Hexameter und einem Pentameter, was aber nicht richtig ist; in Wahrheit besteht es aus zwei Hexametern, bei denen im zweiten Vers nach der dritten Hebung eine Pause entsteht, weil sie unmittelbar mit der vierten Hebung fortgeführt wird, ebenso nach der sechsten Hebung, die allein den sechsten Takt ausmacht. Im ersten Vers fehlt die letzte Silbe des Daktylos immer, was eine kleine Pause aufruft. Das Metrum des Distichons ist der Daktylos, bei dem öfter auch eine Silbe fehlen kann, was insgesamt zu einem bewegten Sprechen beiträgt (siehe Artikel „Distichon“ in der Wikipedia oder https://wortwuchs.net/distichon/). Eigentlich besteht das Distichon nicht aus zwei Versen, sondern stellt einen Langvers dar; das sieht man auch daran, dass der jeweils zweite Vers oft eingerückt wird und dass in „Der Tanz“ oft je zwei Verse einen Satz bilden.
Das zweite Element der melodischen Sprache sind die zahlreichen Assonanzen und Alliterationen: sch- und w- in V. 1, b- und f- in V. 2, sch- in V. 3 und V. 4, s- in V. 8. Hinzu kommt das Bild der wiegenden Wellen, das sich durchhält (Wellenschwung, V. 1; Kahn schaukelt, V. 6; melodische Woge, V. 7), während in den Fragen die Bilder von Schatten und tanzenden Elfen die Leichtigkeit des Seins beschwören (V. 3 f.). Auf den Begriff gebracht: Des Taktes melodische Woge (V. 7) erzeugt die Bewegung, die säuselnden Töne sorgen für die Leichtigkeit.
Beim Blick auf ein einzelnes Paar, das dem Betrachter „Jetzt“ (V. 9) erblickt, fallen ihm zwei wesentliche Aspekte des Tanzgeschehens auf: Das Paar scheint die Ordnung zu stören, indem es sich seinen eignen Weg durch die anderen Paare sucht, scheint „in wildem Gewirr“ (V. 13) zu verschwinden, taucht aber wieder auf, „der Knoten entwirrt sich“ (V. 15), die Ordnung stellt sich wieder her (V. 16); im Vergleich „wie durch magische Hand“ (V. 12) wird das Geheimnisvolle der das Geschehen ordnenden Kraft hervorgehoben. Ordnung und Durcheinander (Chaos) sind die beiden Gegensätze, die sich an sich ausschließen, im Tanz jedoch vereint sind, indem sich das Chaos als vorübergehend oder scheinbar erweist. In einer Zusammenfassung (V. 17 f.) wird diese Einsicht auf die ganze Schöpfung übertragen, wobei „die drehende Schöpfung“ noch den Unterton einer Metapher des Tanzgeschehens hat, aber mit dem Nomen „Schöpfung“ eindeutig auf das Ganze der Welt verweist (vorbereitet in V. 14, wo die bewegliche Welt noch eindeutig die des Tanzes ist): Zerstörung und Neubeginn, „ein stilles Gesetz lenkt der Verwandlungen Spiel“ (V. 18).
Mit V. 19 wird das Du explizit angesprochen („Sprich“) und gefragt, ob es auch verstehe, was da im Wechsel von Durcheinander und Ordnung (V. 19 f.), vom Zusammenspiel der Freiheit des Einzelnen mit der Gesetzmäßigkeit der Bewegung („die einzige Bahn“, V. 22: die einzig mögliche Bahn) geschieht: „Willst du es wissen?“ (V. 23) Anscheinend setzt das Ich voraus, dass das unwissende Du belehrt werden muss, dass es „des Wohllauts mächtige Gottheit“ (V. 23) ist, die das wilde Springen „zum geselligen Tanz“ (V. 24) ordnet.
Des Wohllauts mächtige Gottheit“ (V. 23) ist der Musik Gottheit, die „an des Rhythmus goldenen Zügel“ (V. 25) die Tänzer lenkt: brausende Lust lenkt, verwilderte Lust zähmt (V. 26). Man kann die Doppelverse der Antwort (V. 23 f., V. 25 f.) parallel lesen; der Vergleich mit der Nemesis (V. 25) und das Nomen „Gottheit“ (V. 23) heben das Tanzen schon auf eine höhere Ebene, drängen den Blick schon auf das Ganze der Welt. Schiller kannte vermutlich eine Abhandlung Herders, in denen dieser Nemesis als „die Göttin des Maßes und Einhalts“ bezeichnet hatte, als „strenge Aufseherin und Bezähmerin der Begierden, Feindin alles Uebermuthes und Uebermaßes, die, sobald sie dieses gewahr wird, das Rad dreht und das Gleichgewicht herstellt“ (nach Viehoff, S. 150, s.u.). In einem Epigramm heißt es von ihr:
Warum, o Nemesis, hältst du das Maß und die Zügel? Damit du
Handlungen gebest Maß, Worten anlegest den Zaum.“ (Herder)
Im letzten Teil des Gedichts wird nun der Tanz zum Modell, zur Metapher des Weltganzen. Dieser Übergang ist von langer Hand vorbereitet worden:
  • im Nomen „Welt“ (der zierliche Bau dieser … Welt), V. 14
  • im Nomen „Schöpfung“, V. 17, beide für das Tanzgeschehen
  • in den Nomina „Gottheit“ (V. 23) und „Nemesis“ (V. 25), wie gerade erläutert
  • dadurch, dass verschiede Nomina vom Tanzgeschehen auf die Bewegungen des Weltalls übertragen werden: Tanz (V. 1 ff. / V. 30), Bahn (V. 12 und 22 / V. 31), Strom des Gesanges (Wellenschwung V. 1 ff. und V. 7 f. / V. 28), Takt (V. 7) → Rhythmus (V. 25).
Dringlich wird das Du gefragt, ob es vom Tanz der Welten unberührt bleibe (V. 27 ff.) - während es doch vom Geschehen auf dem Tanzboden berührt oder begeistert sei, ist unausgesprochen vorausgesetzt (erst V. 32 wird es ausgesprochen). Die beiden Fragen sind wieder parallel zu lesen, wie die beiden Erklärungen V. 23 ff.: Dass die Harmonien des Weltalls „umsonst“ ihm aufspielen, bedeutet also, dass das Du sich nicht vom Strom dieses erhabenen Gesanges ergreifen lasse, berühren lasse, sein Leben bestimmen lasse; im dreifachen „Nicht“ (V. 28-30) wird dem Du in die Seele geredet, sich nicht zu verhärten. Als Grund dieser dringlichen Mahnungen wird im lapidaren letzten Satz ein Vorwurf laut:
Das du im Spiele doch ehrst, fliehst du im Handeln, das Maß.“ (V. 32) Da als „Du“ kein bestimmter Mensch angesprochen wird, muss man den letzten Satz wohl auf alle Menschen beziehen. Die Mahnung, Maß zu halten, war bei den Griechen sprichwörtlich: „Nichts im Übermaß!“ Und auch die aristotelische Ethik mit ihrer Lehre von der Tugend als der rechten Mitte zwischen zwei Extremen (z.B. Leichtsinn – Mut – Feigheit) ist eine Ethik des Maßhaltens: entstanden aus der Erfahrung, dass Menschen dazu neigen, im Arbeiten, im Faulenzen, im Sparen oder Einkaufen maßlos zu handeln. Dagegen wendet sich hier der Sprecher, indem er dem Du einen inneren Widerspruch vorwirft: im Handeln nicht zu beachten, was man im (Tanz)Spiel bewundert; und er tut dies mit Emphase, indem er das entscheidende Stichwort gegen die Regeln des Satzbaus ans Ende setzt: „das Maß“ (V. 32).
Auch andere Eigenwilligkeiten des Satzbaus tragen dazu bei, dass das Ich in gehobenem Ton spricht: „schaukelt“ in V. 6 vorgezogen; die Trennung des „Jetzt“ (V. 9) vom Prädikat; Endstellung des Subjekts in V. 13 f.; Partizipialsatz in V 17 vorangestellt; Wortstellung „rastlos erneut“ (V. 19); verkürzter dass-Satz in V. 21; „findet“ vorgezogen (V. 22), ebenso „ordnet“ (V. 24); Chiasmus in V. 26; „schwingt“ vorgezogen (V. 31). Diese ungewöhnlichen Wortstellungen verdanken sich der Logik des Taktes, des Versmaßes und bezeugen so die magische Gewalt, die sowohl Tanzen wie Sprechen ordnet. Überhaupt, wer über das Tanzen nachdenkt, statt sich der Freude hinzugeben, erhebt sich über den Durchschnitt der Menschen.
Ich schließe mit einem größeren Zitat Schillers, worin er die Bedeutung des Tanzes für die Menschen erklärt (nach Nuber, S. 121, s.u.): „Sowie sich ihm [dem Menschen in seiner Entwicklung] von außen her, in seiner Wohnung, seinem Hausgeräte, seiner Bekleidung allmählich die Form nähert, so fängt sie endlich an, von ihm selbst Besitz zu nehmen und anfangs bloß den äußern, zuletzt auch den innern Menschen zu verwandeln. Der gesetzlose Sprung der Freude wird zum Tanz, die ungestalte Geste zu einer anmutigen, harmonischen Gebärdensprache, die verworrenen Laute der Empfindung entfalten sich, fangen an, dem Takt zu gehorchen und sich im Gesange zu biegen.“ (Schiller: Über die ästhetische Erziehung, 27. Brief)

P.S. Hundert Jahre jünger ist Christian Morgensterns Gedicht "Der Tanz", wo die reine Freude am Rhythmus allen Tiefsinn vertreibt: ein modernes Gedicht.

https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/frontdoor/deliver/index/docId/5191/file/DissNuber.pdf (Diss. Nuber, dort S. 120 ff.: Schillers Auffassung vom Tanz → 27. Brief; Körper-Geist, Regel-Freiheit, S. 124; Schönheit: Sieg der Form über den Stoff, S. 125; Text S. 125 f.; Interpretation S. 126 ff.)
https://archive.org/details/schillersgedich02schigoog/page/n832/mode/2up (Viehoff: Rezeption, Aufbau, Lesarten; Plädoyer für die Endfassung als die beste)
Johann Gottfried Herder: Nemesis. Ein lehrendes Sinnbild. Aus den zerstreuten Blättern zweite Sammlung, 1786 (https://de.wikisource.org/wiki/Nemesis)

Rezitation:
https://www.youtube.com/watch?v=W0-XelX2y1Q (B. Krämer-Jenster, teilweise gut)
https://www.youtube.com/watch?v=7zHKJ2wVOM4 (G. Westphal, sehr gut, etwas zu schnell)

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