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Samstag, 30. Mai 2020

Hans Chr. Andersen: Die glückliche Familie - Text und Analyse


Andersen: Die glückliche Familie
Das größte grüne Blatt hierzulande ist sicher das Klettenblatt; ein Kind kann es leicht als Schürze oder als Regenschirm benutzen, denn es ist gewaltig groß. Nie wächst eine Klette allein, nein, wo eine wächst, da wachsen mehrere, es ist eine wahre Pracht. Und diese ganze Pracht ist Schneckenspeise. Die großen weißen Schnecken, woraus vornehme Leute in früheren Zeiten Frikassee bereiten ließen, verspeisten und sagten: »Hm! Schmeckt das gut!« – denn sie glaubten nun einmal, dass dies lecker sei – diese Schnecken lebten von Klettenblättern, und deswegen wurden Kletten gesät.
Nun gab es da ein altes Rittergut, wo man keine Schnecken mehr speiste; diese waren beinahe ausgestorben, aber die Kletten waren nicht ausgestorben, sie wuchsen draußen über alle Gänge und Beete, man konnte ihrer nicht mehr Herr werden. Es war förmlich ein Klettenwald entstanden, hin und wieder stand noch ein Apfel- oder ein Pflaumenbaum da, sonst hätte man gar nicht vermuten können, dass dies einmal ein Garten war. Alles war Klette, und darinnen wohnten die beiden letzten uralten Schnecken.
Sie wussten selbst nicht, wie alt sie waren, aber sie konnten sich sehr wohl erinnern, dass ihrer weit mehr gewesen, dass sie von einer aus fremden Ländern eingewanderten Familie abstammten und dass für sie und die Ihrigen der ganze Wald gepflanzt worden war. Sie waren noch nie aus ihm hinausgekommen, aber sie wussten doch, dass es noch etwas in der Welt gab, was der Herrenhof hieß; da oben wurde man gekocht, dann wurde man schwarz und wurde auf eine silberne Schüssel gelegt – was dann aber weiter geschah, das wussten sie nicht. Wie das übrigens ist, gekocht zu werden und auf einer silbernen Schüssel zu liegen, das konnten sie sich nicht vorstellen; aber schön sollte es sein und außerordentlich vornehm. Weder die Maikäfer noch die Kröten oder die Regenwürmer, welche sie darüber befragten, konnten ihnen Bescheid geben; keiner von ihnen war gekocht worden oder hatte auf einer silbernen Schüssel gelegen.
Die alten weißen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt, das wussten sie; der Wald war ihretwegen da, und der Herrenhof stand da, damit sie gekocht würden und auf einer silbernen Schüssel liegen könnten.
Sie lebten jetzt sehr einsam und glücklich, und da sie selbst ohne Kinder waren, hatten sie eine kleine gewöhnliche Schnecke zu sich genommen, die sie wie ihr eigenes Kind erzogen; aber der Kleine wollte nicht wachsen, denn er war nur eine gewöhnliche Schnecke. Die Alten, besonders die Mutter, die Schneckenmutter, glaubte jedoch zu bemerken, dass er an Größe zunähme, und sie bat den Vater, wenn er das nicht sehen könnte, möge er doch nur das kleine Schneckenhaus befühlen; und dann fühlte der und fand, dass die Mutter recht habe.
Eines Tages regnete es stark. »Höre, wie es auf den Kletten tromme-romme-rommelt!« sagte der Vater.
»Da kommen auch Tropfen«, sagte die Schneckenmutter. »Es läuft ja am Stengel herab. Du wirst sehen, dass es hier nass wird. Ich bin froh, dass wir unsere guten Häuser haben und dass der Kleine auch eins hat! Für uns ist wirklich mehr getan als für alle andern Geschöpfe; da kann man sehen, dass wir die Herren der Welt sind. Wir haben ein Haus von der Geburt an, und der Klettenwald ist unseretwegen angepflanzt worden. Ich möchte nur wissen, wie weit er sich erstreckt und was dahinter ist.«
»Da ist nichts dahinter!« sagte der Schneckenvater. »Besser als bei uns kann es nirgends sein, und ich habe weiter keine Wünsche.«
»Ja«, sagte die Mutter, »aber ich möchte nach dem Herrenhof kommen, gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden; das ist mit allen unseren Vorfahren geschehen, und glaube mir, es ist etwas ganz Besonderes dabei!«
»Der Herrenhof ist vielleicht eingestürzt«, sagte der Schneckenvater, »oder der Klettenwald ist darüber hinweggewachsen, so dass die Menschen nicht mehr herauskommen können. Übrigens hat das keine Eile; du eilst immer so und der Kleine fängt auch schon damit an, er ist in bloß drei Tagen diesen Stiel hinaufgekrochen. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich zu ihm hinaufsehe.«
»Du musst nicht schelten«, sagte die Mutter. »Er kriecht so besonnen; wir werden viel Freude an ihm haben, und wir Alten haben ja nichts anderes mehr, wofür wir leben. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wo wir eine Frau für ihn hernehmen? Glaubst du nicht, dass tief im Klettenwald noch jemand von unserer Art leben könnte?«
»Schwarze Schnecken, glaube ich, werden wohl da sein«, sagte der Alte; »schwarze Schnecken ohne Haus, aber das ist zu gewöhnlich, und doch sind sie eingebildet. Aber wir könnten den Ameisen einen Auftrag geben; die laufen dauernd hin und her, als ob sie etwas zu tun hätten, sie wissen sicher eine Frau für unser Schneckchen.«
»Ich weiß freilich die allerschönste«, sagte eine der Ameisen, »aber ich fürchte, das wird nichts, denn sie ist eine Königin.«
»Das macht nichts!« sagten die Alten. »Hat sie ein Haus?«
»Sie hat ein Schloss«, sagte die Ameise, »das schönste Ameisenschloss mit siebenhundert Gängen.«
»Schönen Dank!« sagte die Schneckenmutter. »Unser Sohn soll nicht in einen Ameisenhügel! Wisst ihr nichts Besseres, dann geben wir den Auftrag den weißen Mücken; die fliegen bei Regen und Sonnenschein weit umher und kennen den Klettenwald von innen und außen.«
»Wir haben eine Frau für ihn«, sagten die Mücken. »Hundert Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerstrauch eine kleine Schnecke mit einem Haus; sie ist allein und alt genug, sich zu verheiraten. Es sind nur hundert Menschenschritte von hier aus.«
»Ja, dann soll sie zu ihm kommen«, sagten die Alten, »er hat nämlich einen Klettenwald, sie hat nur einen Strauch.«
Nun holten die Mücken das kleine Schneckenfräulein. Es dauere acht Tage, bis dieses eintraf; aber das war gerade das Vornehme dabei, daran konnte man sehen, dass echtes Schneckenblut in ihr rollte.
Dann hielten sie Hochzeit. Sechs Johanniswürmchen leuchteten, so gut sie konnten; übrigens ging das Ganzen still vor sich, weil die alten Schnecken Schwärmen und lautes Feiern nicht ertragen konnten. Aber eine schöne Rede wurde von der Schneckenmutter gehalten; der Vater konnte nichts sagen, er war zu gerührt. Dann gaben sie ihnen den ganzen Klettenwald zur Erbschaft und sagten, was sie immer gesagt hatten, dass es das Beste in der Welt sei, redlich und ordentlich zu leben und sich zu vermehren – dann würden sie und ihre Kinder einst nach dem Herrenhof kommen, schwarz gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden.
Nachdem sie dies verkündet hatten, krochen die Alten in ihre Häuser und kamen nie wieder heraus; sie schliefen. Das junge Schneckenpaar regierte im Wald und bekam viele Nachkommen, aber sie wurden nie gekocht und sie kamen nie auf eine silberne Schüssel; daraus zogen sie den Schluss, dass der Herrenhof eingestürzt und die Menschen ausgestorben seien, und da ihnen niemand widersprach, musste es ja wahr sein.
Und der Regen schlug auf die Klettenblätter, um für sie Trommelmusik zu machen, und die Sonne schien, um den Klettenwald für sie zu beleuchten, und sie waren sehr glücklich, die ganze Familie war glücklich, sie war es wirklich.

Der Text aus „Sämmtliche Märchen“ wurde von mir sprachlich überarbeitet; dazu habe ich auch Eva-Maria Blühms Übersetzung und die Bearbeitung von Paul Arndt (Loewes Verlag, Stuttgart o.J.) herangezogen (https://archive.org/details/mrchenfrkinder00ande/page/60/mode/2up). Eine kurze Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/03/andersen-die-gluckliche-familie-kurze-analyse/

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