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Montag, 18. Mai 2020

Hans Chr. Andersen: Das Liebespaar - Text und Analyse


Andersen: Das Liebespaar (= Ball und Kreisel)
Ein Kreisel und ein Bällchen lagen unter anderem Spielzeug in einem Kasten beisammen; eines Tages sagte der Kreisel zum Bällchen: „Wollen wir nicht Brautleute sein, da wir doch im gleichen Kasten beieinander liegen?" Aber das Bällchen, welches aus Saffian gemacht war und das sich so viel einbildete wie ein feines Fräulein, wollte davon nichts wissen.
Am nächsten Tag kam der kleine Knabe, dem das Spielzeug gehörte,
an den Kasten; er bemalte den Kreisel rot und gelb und schlug einen Messingnagel mitten hinein; es sah wirklich toll aus, wenn der Kreisel herumtanzte. „Sehen Sie mich einmal an!", sagte er zum Bällchen. „Was sagen Sie nun? Wollen wir nun nicht doch Brautleute sein? Wir passen so gut zueinander, Sie springen und ich tanze. Glücklicher als wir beide kann so leicht keiner sein!"
„So, glauben Sie das?", sagte das Bällchen. „Sie wissen wohl nicht, dass mein Vater und meine Mutter Saffianpantoffeln gewesen sind und dass ich einen spanischen Korken im Leib habe?"
„Ja, aber ich bin aus Mahagoniholz", antwortete der Kreisel, „und der Bürgermeister hat mich selbst gedrechselt; er hat seine eigene Drehbank, es hat ihm viel Vergnügen gemacht."
„Kann ich mich darauf verlassen?", fragte das Bällchen.
„Ich will nie wieder gepeitscht werden, wenn ich lüge", erwiderte der Kreisel.
„Sie wissen gut für sich zu sprechen", sagte das Bällchen, „aber ich kann doch nicht, ich bin mit einer Schwalbe so gut wie verlobt; jedes Mal, wenn ich in die Luft fliege, steckt sie den Kopf zum Nest heraus und fragt: ‚Wollen Sie?‘ Und nun habe ich innerlich ja gesagt, und das ist so gut wie eine halbe Verlobung; aber ich verspreche Ihnen, Sie nie zu vergessen!"
„Das wird mir nicht viel helfen", sagte der Kreisel, und so sprachen sie nicht weiter miteinander.
Am nächsten Tage wurde das Bällchen von dem Knaben herausgenommen. Der Kreisel sah, wie es hoch in die Luft flog, gleich einem Vogel; zuletzt konnte man es gar nicht mehr erblicken. Jedes Mal kam es wieder zurück, machte aber immer noch einen hohen Sprung, wenn es die Erde berührte, und das geschah entweder aus Sehnsucht oder weil es einen spanischen Korken im Leib hatte. Beim neunten Mal aber blieb das Bällchen weg und kam nicht wieder; der Knabe suchte und suchte, aber weg war es.
„Ich weiß wohl, wo es ist", seufzte der Kreisel, „es ist im Schwalbennest und hat die Schwalbe geheiratet." Je mehr der Kreisel daran dachte, um so mehr wurde er für das Bällchen eingenommen; gerade weil er es nicht bekommen konnte, nahm seine Liebe immer mehr zu – dass es einen anderen genommen hatte, das war es, war er nicht verkraften konnte. Und der Kreisel tanzte herum und schnurrte, dachte aber immer an das Bällchen, welches in seiner Vorstellung schöner und schöner wurde.

So verstrich manches Jahr — und dann war es eine alte Liebe.
Der Kreisel war nicht mehr jung; aber eines Tages wurde er ganz und gar vergoldet, nie hatte er so schön ausgesehen. Er war nun ein Goldkreisel und sprang, dass er schnurrte. Ja, das war doch noch etwas! Aber einmal sprang er zu wild und — weg war er.
Man suchte und suchte, selbst unten im Keller, doch er war nirgends zu finden.
— Wo war er?
Er war in eine Tonne gesprungen, worin allerlei lag: Kohlstrünke, Kehricht und Müll, welcher von der Dachrinne heruntergefallen war.
„Jetzt liege ich gut! Hier wird die Vergoldung bald von mir abplatzen. Unter welches Gesindel bin ich hier geraten!" - und dabei schielte er nach einem langen Kohlstrunk, der gleich neben ihm lag, und nach einem sonderbaren runden Ding, welches wie ein verfaulter Apfel aussah. Aber es war kein Apfel; es war ein altes Bällchen, welches viele Jahre in der Dachrinne gelegen hatte und vom Wasser ganz aufgeweicht war.
„Gott sei Dank, da kommt doch einer unsersgleichen, mit dem man sprechen kann", sagte das Bällchen und betrachtete den vergoldeten Kreisel. „Ich bin eigentlich aus Saffian, von Jungfrauenhänden genäht, und habe einen spanischen Korken im Leibe, aber das wird mir wohl niemand ansehen. Ich war nahe daran, mich mit einer Schwalbe zu verheiraten, allein da fiel ich in die Dachrinne, und darin habe ich wohl fünf Jahre gelegen und bin aufgequollen. Glauben Sie mir, das ist eine lange Zeit für ein junges Mädchen!"
Der Kreisel sagte jedoch nichts; er dachte an sein altes Liebchen, und je mehr er vom Bällchen hörte, desto klarer wurde ihm, dass sie es war.
Da kam das Dienstmädchen und wollte die Tonne umwenden: „Heisa, da ist der Goldkreisel!", sagte sie.
Und der Kreisel kam wieder in die Stube, kam zu Ansehen und Ehre, aber vom Bällchen hörte man nichts, und der Kreisel sprach nie mehr von seiner alten Liebe. Die vergeht, wenn die Geliebte fünf Jahre in einer Wasserrinne gelegen hat und aufgequollen ist; ja, man erkennt sie nicht einmal wieder, wenn man ihr in einer Tonne voller Abfall begegnet.
Der Text aus „H. C. Andersen‘s Sämmtliche Märchen“, 1882, wurde anhand der Übersetzung in „Mährchen, Abenteuer und Geschichten für Jung und Alt“, 1864, von mir überarbeitet.


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