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Samstag, 20. Juni 2020

G. Herwegh: Abschied - Text und Analyse


Georg Herwegh: Abschied
Lebwohl! was könnt‘ ich auch dir bieten?
Lebwohl! Lebwohl! mein ander‘ Herz!
In deiner Hütte schläft der Frieden,
Und in die Fremde irrt der Schmerz!

Du bist ein Weib! und eine Stütze
Suchst an dem Manne du für dich!
Du suchst ein Haupt, verschont vom Blitze,
Such‘ einen andern denn als mich!

Du könntest einen Zauber sprechen,
Und alle Himmel wären mein!
Doch müsste ich den Zauber brechen,
Weil deine Ruh der Preis würd‘ sein!

Lebwohl! ich werd‘ dir nicht mehr folgen!
Lebwohl! Lebwohl! ich ziehe gern!
Lebwohl! Lebwohl! rett‘ vor den Wolken
In deinen Himmel dich, mein Stern!

Dein Leben – dass es Gott beschütze –
Ein Maitag sei‘s im Morgenlicht,
Eh ihm der Sonne Glut und Hitze
Die Rosen von dem Haupte bricht!

Der Tod sei dir die Hippokrene,
Die jeden Durst der Seele stillt;
Willkommen wie die erste Träne,
Die erster Lieb‘ im Auge quillt!

Der Herr behüte dich in Gnaden!
Ein Wetter lagert sich um mich.
Es könnte endlich sich entladen
Und träfe dann auch dich, auch dich!

Ich will dir nicht den Frieden trüben!
Nimmt auch der Wahnsinn ganz mich ein;
Lebwohl! ich will dich ewig lieben
Und doch von dir geliebt nicht sein!
Erst im Kontext der „Gedichte eines Lebendigen“ versteht man dieses Gedicht, in dem ein Liebender den Abschied von seiner Geliebten nimmt, um der Liebe willen – und um des Freiheitskampfes willen, wie sich erst aus den anderen Gedichten ergibt. Das sprechende Ich ist ein Mann, der sich an eine geliebte Frau wendet („du“), im Moment des Abschieds. Er erklärt und begründet, warum er sich von ihr auf immer trennt, obwohl er sie liebt und obwohl ihn die Trennung schmerzt: Er kann und will ihr nicht das bieten, was sie braucht: Ruhe (V. 12), Frieden (V. 3, V. 29), eine Stütze im Leben (V. 5 f.). Deshalb sagt er ihr „Lebwohl!“ (sechsmal, V. 1 ff.), obwohl sie „mein ander Herz“ (V. 2) ist.
Warum das so ist, warum die Liebe nicht Erfüllung finden kann, wird in zwei Bildern ausgeführt. Das erste Bild ist das des Gewitters, welches den Sprecher bedroht: Blitze (V. 7), Wolken (V. 15), (bedrohliches) Wetter (V. 26) – wenn sich das Wetter entlüde, „träfe [es] dann auch dich, auch dich“ (V. 28); deshalb rät er der Geliebten, sich in ihren friedlichen Himmel zu retten (V. 15) – dem korrespondiert die bildhafte Anrede „mein Stern“ (V. 16). Das zweite Bild ist das des Maitages, dem das Leben der Frau (in seinem Wunsch) gleicht und der von „der Sonne Glut und Hitze“ bedroht ist (5. Strophe).
Der Sprecher ist aufgewühlt, von Schmerz gepeinigt (V. 4), von Wahnsinn bedroht (V. 30) – seine Äußerung ist zwar metrisch geordnet, aber gedanklich nicht. So wechseln mit den Begründungen für den Abschied seine guten Wünsche für die Geliebte, Ratschläge an sie und Blicke auf sich selbst. Beginnen wir mit dem Blick auf sie: Du bist eine Frau und suchst eine Stütze – suche deshalb einen anderen (2. Strophe); du könntest mich durch einen Zauber bannen (V. 9 f.) – aber ich müsste ihn brechen, weil er dich unglücklich machte (3. Strophe). Mit dem Blick auf sich sagt er: Dein Zauber würde mich beglücken (V. V. 10); doch ich werde dir nicht mehr folgen (V. 13, weil ich dir deinen Frieden nicht trüben will (V. 29) – dass er gern fortzieht (V. 14), passt nicht zu den Bekundungen des Schmerzes und der andauernden Liebe.
Er hat nur noch einige gute Wünsche für sie:
  • Rette dich vor dem über meinem Haupt drohenden Unwetter (V. 15 f.).
  • Dein Leben sei ein Maitag im Morgenlicht (5. Str.).
  • Gott behüte dich (V. 17 und V. 25).
  • Mein Tod bringe dir Frieden (6. Strophe).
Dieser letzte Wunsch ist nicht so klar ausgesprochen, wie ich ihn formuliert habe. Hippokrene ist im griechischen Mythos die Quelle, die das geflügelte Pferd Pegasus aus dem Berg Helikon losgetreten hat; sie ist dem Apoll und den Musen heilig, ihr Wasser begeistert zum Dichten. Nun ist „Der Tod“ (V. 21) völlig unbestimmt, doch kann angesichts des drohenden Unwetters nur sein Tod gemeint sein; er könnte ihr (s. „dir“, V. 21) den Durst der Seele nach dem verschwundenen Geliebten stillen, weil dann jede Hoffnung auf seine Wiederkehr verschwunden wäre. Sein Tod wäre ihr dann „[w]illkommen wie die erste Träne…“ (V. 23 f.) – ein etwas unglücklicher Vergleich, gerechtfertigt allein durch die letzten Tränen, die sie bei seinem Tod vergösse.
Den Höhepunkt bilden die Schlussverse:
Lebwohl! Ich will dich ewig lieg
Und doch von dir geliebt nicht sein!“ (V. 31 f.)
Dieser Verzicht auf ihre Liebe ist der höchste Ausdruck seiner Liebe – um ihrer Ruhe willen entsagt er ihrer Liebe – nur dass er sie nicht fragt, was sie zu seinem einsamen Entschluss sagt; das macht sein Liebesbekenntnis etwas fragwürdig. Es erinnert an Philines Wort zu Wilhelm (in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, 4. Buch, 9. Kap.): „und wenn ich dich lieb habe, was geht‘s dich an?“ Und doch gibt es einen Unterschied, weil in Herweghs Gedicht der Liebende offensichtlich aus einen bestehenden Liebesbindung um einer größeren Sache willen ausbricht. Ich meine, mich an ein ähnliches Wort aus einem Gedicht der Louise Labé zu erinnern, kann das aber nicht belegen.
Die acht Strophen weisen alle die gleiche metrische Form auf: Das Ich spricht im Jambus, vier Takte pro Vers; die vier Verse sind im Kreuzreim verbunden und weisen abwechselnd männliche und weibliche Kadenz auf, was eine Pause nach jedem zweiten und vierten Vers bedingt. Der Form gemäß sind vor allem die Reime der Verse 2/4 semantisch sinnvoll, weil manchmal der Satz nicht mit dem Versschluss endet; jedenfalls bilden jeweils zwei Verse eine gedankliche Einheit. Die Entsprechung fällt bei V. 6/8 ins Auge (einen Mann suchen), V. 10/12 (Kontrast: Himmel für mich / keine Ruhe für dich), V. 18/20 (Morgenlicht / Sonnenglut), V. 26/28 (das Unwetter), V. 30/32 (Wahnsinn / Grund: von dir getrennt).
Das Ich spricht zügig, wozu die Sinneinheit von je zwei Versen und der Jambus beiträgt; nur vier Nebensätze gibt es in den acht Strophen, sonst reiht sich Hauptsatz an Hauptsatz. „Hippokrene“, ein Anspielung auf den griechischen Mythos, passt nicht recht zum übrigen sprachlichen Niveau, das die Ebene gehobener Umgangssprache darstellt.
Das Gedicht berührt einen trotz einiger formaler Schwächen, weil es sich so stark von gängigen Liebesgedichten oder Liebesklagen unterscheidet. Kein Wunder, dass sich Emma Siegmund für den Dichter begeisterte und seine Nähe suchte; der gedichtete Liebesverzicht wurde durch das reale Leben konterkariert.

https://archive.org/details/bub_gb_UFJLAAAAMAAJ (Gedichte eines Lebendigen, 1841)
https://www.youtube.com/watch?v=lv8KwGqf2vI (Die Liederarchäologen: Georg Herwegh – Geschichte in Liedern)
Georg Herwegh
Vormärz
Sonstiges

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