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Donnerstag, 4. Juni 2020

Hans Chr. Andersen: Das hässliche junge Entlein - Text und Analyse


Andersen: Das hässliche junge Entlein (= Die hässliche Ente; Das hässliche Entlein; Das hässliche Entenküken)

Es war herrlich draußen auf dem Land. Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün; das Heu lag unten auf den Wiesen in großen Haufen gebündelt, und der Storch ging auf seinen langen roten Beinen und plapperte ägyptisch; denn diese Sprache hatte er von seiner Frau Mutter gelernt. Rings um die Äcker und die Wiesen standen große Wälder und mitten in den Wäldern lagen tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem Land!
Dort lag im Sonnenschein ein altes Landgut, von tiefen Kanälen umgeben. Von der Mauer bis zum Wasser hinunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch wuchsen, dass kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war darin ebenso wild durcheinander wie im tiefsten Wald. Hier saß eine Ente auf ihrem Nest, welche ihre Eier ausbrüten musste; aber sie war es fast satt, weil es gar zu lange dauerte und sie selten Besuch bekam – die anderen Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als sich unter ein Klettenblatt zu setzen und mit ihr zu schnattern.
Endlich platzte ein Ei nach dem anderen; »Piep! piep!« sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten die Köpfe heraus. »Rapp! Rapp!« rief sie; und so rappelten sich alle nach Kräften und schauten nach allen Seiten unter den grünen Blättern umher; und die Mutter ließ sie gucken, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen. »Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen, denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz als vorher, als sie noch im Ei lagen. »Glaubt ihr, dass dies die ganze Welt ist?« fragte die Mutter; »die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, bis hinein in des Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen. – Ihr seid doch alle beisammen?« fuhr sie fort und stand auf. »Nein, ich habe noch nicht alle; das größte Ei liegt noch da. Wie lange soll das denn noch dauern? Ich bin es bald leid!« Und dann setzt sie sich wieder auf das Ei.
»Nun, wie geht es?« fragte eine alte Ente, welche zu Besuch kam. »Es dauert recht lange mit dem einen Ei«, antwortete die Ente, die darauf saß; »es will nicht platzen. Doch sieh dir nur die anderen an; es sind die niedlichsten Entchen, die ich je gesehen habe! Sie gleichen alle ihrem Vater; der Taugenichts – er kommt mich nicht einmal besuchen.« »Lass mich das Ei sehen, welches nicht platzen will«, sagte die Alte. »Verlass dich darauf, es ist ein Putenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine große Not mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser. Ich konnte sie nicht hineinbringen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. Lass mich das große Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei. Lass es liegen und lehre lieber die anderen Kleinen schwimmen.« »Ich will doch noch ein bisschen darauf sitzen«, sagte die Ente; »habe ich nun so lange gesessen, dann kommt es auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht an. »Wie du willst«, sagte die alte Ente und ging davon.
Endlich platze das Ei. »Piep! piep!« sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß und hässlich. Die Ente betrachtete es: »Es ist ein außerordentlich großes Entchen«, sagte sie, »keines von den andern sieht so aus. Sollte es doch ein Putenküken sein? Nun, wir werden bald dahinterkommen; ins Wasser muss es, müsste ich es auch selbst hineinstoßen!«
Am nächsten Tag war herrliches Wetter; die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Mutter Ente ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Kanal hinunter. Platsch! da sprang sie ins Wasser. »Rapp! rapp!« rief sie, und ein Entchen nach dem andern plumpste hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopf zusammen, aber sie kamen gleich wieder hoch und schwammen ganz prächtig; die Beine gingen von selbst, alle waren sie im Wasser, selbst das hässliche graue Junge schwamm mit.
»Nein, es ist kein Puter«, sagte sie; »sieh doch einer, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält, es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es auch ganz hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp! rapp! Kommt nur mit mir, ich werde euch die Welt zeigen und euch im Entenhof vorstellen; aber haltet euch immer in meiner Nähe, damit euch niemand tritt, und nehmt euch vor den Katzen in Acht!«
Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn zwei Familien stritten sich um den Kopf eines toten Aals, und am Ende bekam ihn doch die Katze.
»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte Mutter Ente und schnappte mit dem Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Gebraucht nun eure Beine«, sagte sie; »seht zu, dass ihr euch beeilt, und neigt euren Hals vor der alten Ente dort. Sie ist die vornehmste von allen hier; sie hat spanische Vorfahren, deshalb ist sie so dick. Und seht ihr: Sie hat einen roten Lappen um das Bein; das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche eine Ente erhalten kann. Das bedeutet, dass man sie nicht verlieren will und dass sie von Tieren und Menschen erkannt werden soll! Die Füße nicht einwärts! Ein wohlerzogenes Entchen setzt die Füße weit auseinander, gerade wie Vater und Mutter. Seht, so! Nun neigt euren Hals und sagt ‚Rapp‘.«
Und das taten sie; aber die andern Enten ringsumher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Seht euch das an! Nun sollen wir den Schwarm auch noch aufnehmen – als ob wir nicht so schon genug wären! Und pfui! Wie hässlich das eine aussieht, das wollen wir nicht bei uns dulden!« Und sogleich flog eine Ente hin und biss es in den Nacken. »Lass es in Ruhe!« sagte die Mutter; »es tut ja niemandem etwas.« »Ja, aber es ist so groß und sonderbar«, sagte die Ente, welche es gebissen hatte; »deshalb muss es geknufft werden.«
»Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat«, sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein; »alle schön, bis auf das eine, das ist misslungen; ich wollte, dass sie es umgestalten könnte.« »Das geht nicht, Ihro Gnaden«, sagte Mutter Ente; »es ist nicht hübsch, aber ein herzensgutes Kind und schwimmt so herrlich wie die anderen, ja, ich darf sagen, noch etwas besser. Ich denke, es wird ordentlich heranwachsen und mit der Zeit vielleicht etwas kleiner werden; es hat zu lange im Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen.« Und sie zupfte es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist außerdem ein Enterich«, meinte sie, »darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen und sich schon durchschlagen.« »Die anderen Entchen sind niedlich«, sagte die Alte; »tut nun, als ob ihr zu Hause wärt, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr ihn mir bringen.« Und so waren sie hier wie zu Hause.
Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und ausgelacht, sowohl von den Enten wie von den Hühnern. »Es ist zu groß!« sagten alle, und der Puter, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, dass er Kaiser sei, machte sich breit wie ein Schiff mit vollen Segeln und ging gerade auf das hässliche Entchen los; dann kollerte er und wurde ganz rot am Kopf. Das Entchen wusste nicht, wo es stehen oder gehen sollte; es war so betrübt, weil es hässlich aussah und vom ganzen Entenhof verspottet wurde.
So ging es am ersten Tag, und später wurde es noch schlimmer. Das arme Entchen wurde von allen gejagt; selbst seine Schwestern waren ganz böse gegen es und sagten immer: »Wenn dich die Katze nur finge, du hässliches Geschöpf!« Die Mutter stöhnte: »Wenn du nur weit fort wärst!« Und die Enten bissen es, die Hühner hackten nach ihm und das Mädchen, welches die Tiere füttern sollte, stieß mit den Füßen nach ihm.
Da lief es weg und flog über den Zaun; die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken davon. »Das geschieht, weil ich so hässlich bin«, dachte das Entchen und schloss die Augen, lief aber trotzdem weiter; so kam es hinaus zu einem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht; es war nämlich müde und traurig.
Gegen Morgen flogen die wilden Enten auf und erblickten den neuen Kameraden. »Was bist du für einer?« fragten sie; das Entchen wendete sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte. »Du bist außerordentlich hässlich«, sagten die wilden Enten; aber das kann uns egal sein, wenn du nur nicht in unsere Familie einheiratest.« Das Arme! Es dachte wirklich nicht daran, sich zu verheiraten; es wollte nur die Erlaubnis erhalten, im Schilf zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken.
So lag es zwei ganze Tage; dann kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche, die erst vor kurzem aus dem Ei gekrochen waren; deshalb waren sie auch etwas vorlaut. »Höre, Kamerad«, sagten sie, »du bist so hässlich, dass wir dich gut leiden mögen; willst du mit uns kommen und Zugvogel werden? Hier nebenan in einem andern Moor gibt es einige süße, liebliche wilde Gänse, schöne Fräuleins, die alle ‚Rapp!‘ sagen können. Du bist imstande, dein Glück dort zu machen, so hässlich bist du!«
»Piff! Paff!« ertönte es im gleichen Augenblick; beide wilde Gänseriche fielen tot ins Schilf und das Wasser wurde blutrot. »Piff! Paff!« erscholl es wieder und ganze Scharen wilder Gänse flogen aus dem Schilf auf. Und dann knallte es wieder. Es war große Jagd, die Jäger lagen rings um das Moor herum; ja, einige saßen oben in den Bäumen, welche sich weit über das Schilfrohr erstreckten. Der blaue Dampf zog wie eine Wolke in die dunkeln Bäume hinein und weit über das Wasser hin; im Moor suchten die Jagdhunde die Beute. Platsch, Platsch, das Schilf und das Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entchen. Es drehte den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblick stand ein fürchterlich großer Hund dicht vor ihm; die Zunge hing dem Tier lang aus dem Hals heraus, und die Augen funkelten gräulich hässlich. Er steckte seine Schnauze dem Entchen entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – – Platsch, Platsch! ging er wieder, ohne es zu packen. »O, Gott sei Dank!« seufzte das Entchen; »ich bin so hässlich, dass selbst der Hund mich nicht beißen mag.« Und dann lag es ganz still, während die Schrotkugeln durch das Schilf sausten und Schuss auf Schuss knallte.
Erst spät am Tag wurde es ruhig; aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moor, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese; da tobte ein solcher Sturm, dass es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen. Gegen Abend erreichte es eine kleine armselige Bauernhütte; die war so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen sollte, und darum blieb sie stehen. Der Sturm sauste so um das Entchen, dass es sich setzen musste, um sich dagegen zu stemmen, und es wurde schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, dass die Tür aus der einen Angel gegangen war und so schief hing, dass es durch die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das tat es.
Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Der Kater, den sie »Söhnchen« nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren; er sprühte sogar Funken, aber dafür musste man ihn gegen das Haar streicheln. Die Henne hatte ganz kurze niedrige Beine, und deshalb wurde sie »Küken-Kurzbein« genannt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entchen; und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.
»Was gibt‘s da?« fragte die Frau und sah sich rings um; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, das Entchen sei eine fette Ente, die sich verirrt hätte. »Das ist ja ein seltener Fang!« sagte sie. »Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir noch ausprobieren.« Und so wurde das Entchen für drei Wochen auf Probe angenommen; aber es kamen keine Eier heraus.
Der Kater war Herr im Haus, und die Henne war die Dame. Immer sagten sie: »Wir und die Welt!« Denn sie glaubten, sie seien die Hälfte der Welt, und zwar die bei weitem bessere Hälfte. Das Entchen glaubte, dass man auch eine andere Meinung haben könnte; aber das duldete die Henne nicht. »Kannst du Eier legen?« fragte sie. »Nein!« »Nun, dann wirst du die Güte haben, den Mund zu halten.« Und der Kater fragte: »Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?« »Nein.« »So darfst du auch keine Meinung äußern, wenn vernünftige Leute sprechen!« Und das Entchen saß im Winkel und hatte schlechte Laune.
Da fiel ihm die frische Luft und der Sonnenschein ein; es bekam gleich so eine sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, dass es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen. »Was fällt dir ein?« fragte die. »Du hast nichts zu tun, deshalb kommst du auf seltsame Gedanken! Lege Eier oder schnurre, dann verschwinden sie von selbst.« »Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen«, sagte das Entchen, »so herrlich, wenn es über dem Kopf zusammenschlägt und man auf den Grund tauchen kann!« »Ja, das ist ein tolles Vergnügen!« sagte die Henne. »Du bist wohl verrückt geworden! Frage den Kater – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne – ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen. Von mir will ich überhaupt nicht sprechen. Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist niemand auf der Welt! Glaubst du, dass die Lust hat, zu schwimmen und das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen zu lassen?«
»Ihr versteht mich nicht«, sagte das Entchen. »Wir verstehen dich nicht? Wer soll dich denn verstehen? Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater oder die Frau – von mir will ich nicht reden. Bilde dir nichts ein, Kind! Und danke deinem Schöpfer für all das Gute, was man dir erwiesen hat! Bist du nicht in eine warme Stube gekommen und hast du nicht Gesellschaft, von der du etwas lernen kannst? Aber du redest dummes Zeug, und es ist nicht angenehm, mit dir umzugehen. Mir kannst du glauben, ich meine es gut mit dir. Ich sage dir Unangenehmes, daran kann man seine wahren Freunde erkennen. Gib dir einfach Mühe, Eier zu legen oder schnurren zu lernen!«
»Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt«, sagte das Entchen. »Ja, tue das!« sagte die Henne. Und das Entchen ging; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Hässlichkeit nicht beachtet.
Nun kam der Herbst; die Blätter im Wald wurden gelb und braun; der Wind fasste sie, so dass sie umhertanzten, und oben in der Luft war es kalt. Die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken; und auf dem Zaun saß der Rabe und schrie »Rab! Rab!« vor lauter Kälte. Ja, es fror einen schon, wenn man auch nur an das Wetter dachte. Dem armen Entchen ging es wahrlich nicht gut!
Eines Abends – die Sonne ging schön unter – kam ein ganzer Schwarm herrlicher großer Vögel aus dem Busch; das Entchen hatte nie so etwas Schönes gesehen. Sie waren blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen; es waren Schwäne. Sie stießen einen sonderbaren Laut aus, breiteten ihre prächtigen langen Flügel aus und flogen aus der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen. Sie stiegen hoch, so hoch, und dem hässlichen jungen Entlein wurde gar sonderbar zumute. Es drehte sich im Wasser um wie ein Rad, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen und stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, dass ihm selbst bange dabei wurde. Ach, es konnte die schönen glücklichen Vögel nicht vergessen; und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es unter bis auf den Grund, und als es wieder heraufkam, war es beinahe außer sich. Es wusste nicht, wie diese Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flogen; aber doch es liebte sie, wie es noch nie jemanden geliebt hatte. Es beneidete sie aber nicht – wie hätte es ihm einfallen können, sich solche Schönheit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur bei sich geduldet hätten, das arme hässliche Tier.
Und im Winter wurde es kalt, so kalt! Die Ente musste auf dem Wasser umherschwimmen, um es offenzuhalten; aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem sie schwamm, etwas kleiner. Es fror so so stark, dass es in der Eisdecke knackte; die Ente musste fortwährend ihre Beine gebrauchen, damit das Wasserloch sich nicht schloss. Zuletzt wurde sie matt, lag ganz still und fror endlich im Eis fest.
Des Morgens früh kam ein Bauer; als er sie sah, schlug er mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug die Ente heim zu seiner Frau.
Da lebte sie wieder auf. Die Kinder wollten mit ihr spielen; aber die Ente glaubte, sie wollten ihr etwas zuleide tun, und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, so dass die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfass, dann hinunter in die Mehltonne und wieder heraus flog. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange nach ihr; die Kinder rannten einander über den Haufen, um die Ente zu fangen; sie lachten und schrien. Gut war es, dass die Tür offen stand und sie zwischen die Büsche in den frischgefallenen Schnee schlüpfen konnte; dort lag sie ganz ermattet.
Es wäre zu traurig, von all der Not und dem Elend zu erzählen, welches die Ente in diesem harten Winter erdulden musste. Sie lag im Moor zwischen dem Schilf, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen, der Frühling war wieder da.
Da konnte die Ente auf einmal ihre Flügel schwingen; sie schlugen stärker als früher und trugen sie kräftig davon; und ehe sie es recht wusste, befand sie sich in einem großen Garten, wo die Apfelbäume in der Blüte standen, wo der Flieder duftete und seine langen Zweige bis zu den Kanälen hinunterneigte, die sich durch die Wiese wanden. O, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickicht kamen drei prächtige weiße Schwäne; sie brausten mit den Federn und schwammen so leicht auf dem Wasser. Die Ente kannte die prächtigen Tiere und wurde von einer wunderbaren Wehmut ergriffen.
»Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich totschlagen, weil ich, so ein hässliches Tier, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist einerlei! Besser, von ihnen getötet als von den Enten gezwackt, von den Hühnern gepickt, oder von dem Mädchen, welches die Hühner füttert, getreten zu werden und im Winter zu hungern und zu frieren!« Und sie flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen; diese erblickten sie und schossen mit gesträubtem Gefieder auf sie los. »Tötet mich nur«, sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. Doch was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah unter sich sein eigenes Bild – aber das war kein plumper schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und widerlich, sondern selbst ein Schwan. - Es schadet nichts, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!
Das Tier fühlte sich ordentlich erhoben über all die Not und die Drangsal, welche es erduldet hatte. Nun erkannte es erst recht sein Glück und all die Herzlichkeit, die ihm begegnete. Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit dem Schnabel.
Da kamen einige kleine Kinder in den Garten. Sie warfen Brot und Körner in das Wasser, und das kleinste rief: »Da ist ein neuer!« Und die andern Kinder jubelten mit: »Ja, es ist ein neuer angekommen!« Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen, und alle sagten: »Der neue Schwan ist der schönste: So jung und so herrlich!« Und die alten Schwäne verneigten sich vor ihm.
Da fühlte er sich so beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel; er wusste selbst nicht, was er beginnen sollte, er war allzu glücklich, aber doch nicht stolz, denn ein gutes Herz wird nie stolz. Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war, und hörte nun alle sagen, dass er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog seine Zweige gerade zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien so warm und so mild! Da sträubte er sein Gefieder, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das hässliche Entchen war!«

Den Text aus „Sämmtliche Märchen“ habe ich sprachlich überarbeitet; dabei habe ich auf verschiedene Übersetzungen zurückgegriffen. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/01/andersen-das-hassliche-junge-entlein-kurze-analyse/

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