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Freitag, 10. Juli 2020

Ferdinand Freiligrath: Freie Presse - Text und Analyse


Ferdinand Freiligrath: Freie Presse

Festen Tons zu seinen Leuten spricht der Herr der Druckerei:
»Morgen, wisst ihr, soll es losgeh‘n, und zum Schießen braucht man Blei!
Wohl, wir haben unsre Schriften: – Morgen in die Reih‘n getreten!
Heute Munition gegossen aus metall‘nen Alphabeten!

Hier die Formen, hier die Tiegel! auch die Kohlen fach‘ ich an!
Und die Pforten sind verrammelt, dass uns niemand stören kann!
An die Arbeit denn, ihr Herren! Alle, die ihr setzt und presst!
Helft mir auf die Beine bringen dieses Freiheitsmanifest!«

Spricht‘s, und wirft die ersten Lettern in den Tiegel frischer Hand.
Von der Hitze bald geschmolzen brodeln Perl‘ und Diamant;
Brodeln Kolonel und Korpus; hier Antiqua, dort Fraktur
Werfen radikale Blasen, dreist umgehend die Zensur.

Dampfend in die Kugelformen zischt die glüh‘nde Masse dann: –
So die ganze lange Herbstnacht schaffen diese zwanzig Mann;
Atmen rüstig in die Kohlen; schüren, schmelzen unverdrossen,
Bis in runde, blanke Kugeln Schrift und Zeug sie umgegossen!

Wohlverpackt in grauen Beuteln liegt der Vorrat an der Erde,
Fertig, dass er mit der Frühe brühwarm ausgegeben werde!
Eine dreiste Morgenzeitung! Wahrlich, gleich beherzt und kühn
Sah man keine noch entschwirren dieser alten Offizin!

Und der Meister sieht es düster, legt die Rechte auf sein Herz:
»Dass es also musste kommen, mir und vielen macht es Schmerz!
Doch – welch Mittel noch ist übrig, und wie kann es anders sein? –
Nur als Kugel mag die Type dieser Tage sich befrei‘n!

Wohl soll der Gedanke siegen – nicht des Stoffes rohe Kraft!
Doch man band ihn, man zertrat ihn, doch man warf ihn schnöd in Haft!
Sei es denn! In die Muskete mit dem Ladstock lasst euch rammen!
Auch in solchem Winkelhaken steht als Kämpfer treu beisammen!

Auch aus ihm bis in die Hofburg fliegt und schwingt euch, trotzige Schriften!
Jauchzt ein raues Lied der Freiheit, jauchzt und pfeift es hoch in Lüften!
Schlagt die Knechte, schlagt die Söldner, schlagt den allerhöchsten Toren,
Der sich diese freie Presse selber auf den Hals beschworen!

Für die rechte freie Presse kehrt ihr heim aus diesem Strauß:
Bald aus Leichen und aus Trümmern graben wir euch wieder aus!
Gießen euch aus stumpfen Kugeln wieder um in scharfe Lettern –
Horch! ein Pochen an der Haustür! und Trompeten hör‘ ich schmettern!

Jetzt ein Schuss! – Und wieder einer! – Die Signale sind‘s, Gesellen!
Hallender Schritt erfüllt die Gassen, Hufe dröhnen, Hörner gellen!
Hier die Kugeln! hier die Büchsen! Rasch hinab! – Da sind wir schon!«
Und die erste Salve prasselt! – Das ist Revolution!
(https://archive.org/details/airasechsgedic00frei/page/42/mode/2up; der Text wurde heutiger Rechtschreibung angepasst.)

Erläuterungen zu Vers
3 Schriften: die verschiedenen Formen, in denen Schrift gesetzt wird; in V. 10 und 11 werden verschieden Schriften genannt, dazu die Offizin in V. 20. In V. 16 taucht noch einmal „Schrift“ im Sinn von Schriften auf.
7 setzen: die einzelnen Lettern einer Schrift in Zeilen zu einem Text zusammenstellen; pressen = drucken.
24 mag = kann
27 Muskete und Ladestock: Die Muskete war die Hauptwaffe der Fußtruppen. Für einen Schuss wurde sie mit Pulver, der Kugel und anfangs mit einem Schusspflaster geladen, das Ganze wurde mit dem Ladestock festgestopft. - Am besten informiert man sich im Artikel „Muskete“ in Wikipedia.
28 Winkelhaken: Der Winkelhaken ist eine winkelförmige Schiene, die über einen feststehenden und einen verschieb- und feststellbaren Anschlag („Frosch“) aus Stahl verfügt, um so die gewünschte Zeilenbreite einstellen zu können. – Hier wird der Lauf der Flinte metaphorisch als Winkelhaken bezeichnet, weil die Kugeln aus Lettern gegossen sind.
29 Hofburg: Die Hofburg in Wien war bis 1918 die Residenz der Habsburger.
33 Strauß: Kampf, Gefecht

In „Wie man‘s macht“ ergab sich die Revolution beinahe von selbst und sollte auch unblutig verlaufen; im neuen Gedicht (1846 in Herisau in der Schweiz erschienen) wird erzählt, dass die Revolution systematisch vorbereitet wird und man selber Waffen herstellt. Das Gedicht besteht aus zwei Reden eines Druckereibesitzers an seine Arbeiter (sieben von zehn Strophen) und aus dem Bericht, wie die Arbeiter die Kugeln herstellen (Strophe 3-5); der Erzähler kommentiert mehrfach das Geschehen, er ist offensichtlich von der Revolution begeistert. Das Gedicht lebt von den Metaphern, die durch die Überlagerung zweier Bildebenen entstehen: mit Lettern arbeiten, Presse – mit Kugeln kämpfen, Krieg.
Gleich in Strophe (1) erklärt der Chef seinen offenbar eingeweihten („wisst ihr“, V. 2) Arbeitern, dass man für die am nächsten Tag geplante Revolution Kugeln aus den Lettern der Druckerei herstellen muss; seine Arbeiter sollen bei der Revolution mitmachen (V. 3). Das erzählte Geschehen geht vom Vorabend bis zum Morgen der Revolution (V. 3, V. 40): Nach Ende der regulären Arbeitszeit sind die Türen verrammelt (V. 6); zeitraffend wird erwähnt, dass die Arbeit die ganze Herbstnacht andauert (V. 14). Es wird berichtet, dass die Arbeit irgendwann erledigt ist (V. 17); die Zeit bis zum Morgen wird durch die zweite Rede des Meisters (ab Strophe 6) nicht plausibel überbrückt.
Die vier Verse bestehen aus achthebigen Trochäen und erfordern ein entschlossenes Sprechen, wie es der geplanten Revolution angemessen ist; dreimal ist der Takt durch eine zusätzliche Silbe gestört (V. 4, 29, 38). Die Verse sind im Paarreim verbunden, ohne dass sich angesichts der Verslänge immer ein semantischer Zusammenhang ergäbe; meistens bildet der Vers einen geschlossenen Satz, erstmals in V. 11 gibt es ein Enjambement, dann noch einmal in V. 19. Die Verspaare sind meistens um eine Silbe verkürzt, unregelmäßig tauchen aber auch weibliche Kadenzen auf, was jedoch für die Erzählung belanglos ist; in der Regel endet ein Vers mit einer kleinen Pause.
Der Chef fordert (Strophe 2) seine Leute auf, mit der Arbeit zu beginnen: „Helft mir auf die Beine bringen dieses Freiheitsmanifest!“ (V. 8) In diesem Satz stoßen wir auf eine Metapher, deren Konstruktion typisch für das Gedicht ist: Ein Manifest ist ein gedruckter Text; hier werden damit die Kugeln bezeichnet, die für den Freiheitskampf herzustellen man sich anschickt. Da die Kugeln aus den Lettern gegossen werden, mit denen man sonst Texte druckt, werden sie hier „Freiheitsmanifest“ genannt – womit ihre Herstellung auch gerechtfertigt wird, weil ein Freiheitsmanifest etwas Gutes ist. Der Reim V. 7/8 verbindet die Drucker mit dem Freiheitsmanifest.
Es folgt der Bericht von der nächtlichen Herstellung der Kugeln (Strophe 3-5). In V. 12 kommentiert der Erzähler den Vorgang mit einer erneuten Anspielung auf den Zusammenhang zwischen Texten und Kugeln, der durch die Verarbeitung der Lettern hergestellt wird: Die eingeschmolzenen Lettern werfen „radikale Blasen“ (V. 12 – radikal können nur Texte oder Manifeste sein) und „umgehen“ dreist die Zensur, wie Freiligrath es mit dem Druck der Gedichte in der Schweiz ebenfalls tut: Die Zensur umgehen kann ein Autor mit seinen Texten; hier tun es die Kugeln, die illegal hergestellt werden. Die Reime verbinden oft die verschiedenen Ereignisse in ihrer Abfolge (V. 13/14, V. 15/16).
In Strophe (5) blickt der Erzähler noch auf die Frühe des kommenden Tages voraus (V. 18); danach spricht der Chef, höchstens fünf Minuten (V. 22 ff.), und dann ist schon der Morgen der Revolution da – ein Bruch in der Konstruktion der Zeitstruktur. Dass die Kugeln bald „brühwarm ausgegeben“ werden sollen (V. 18), nennt der Erzähler eine „dreiste Morgenzeitung“ (V. 19); hier werden wieder Waffen und Texte in der Metapher in eins gesetzt. Das Attribut „dreist“ ist aus seiner Sicht ironisch verwendet, dreist ist es aus der Sicht der Regierung.
In seiner zweiten Rede rechtfertigt der Meister die geplante Revolution: „Nur als Kugel mag die Type dieser Tage sich befrei‘n!“ (V. 24). Die Type steht metonymisch für die gedruckten Texte, die der Zensur unterliegen (vgl. V. 12). Die Freiheit der Presse kann nur durch Revolution, also durch die Kugel erlangt werden, da alles Bitten und Verhandeln erfolglos geblieben ist. An dieser Stelle wird auch die Überschrift „Freie Presse“ verständlich: Es ist die durch Zensur geknebelte Presse, die jetzt durch Letterkugeln befreit werden soll.
Das Bild wird in den nächsten Strophen fortgeführt: Die Letternkugeln sollen in der Muskete als dem neuen Winkelhaken beisammen stehen (V. 27 f.), als trotzige Schriften bis in die Hofburg fliegen (V. 29) und das Lied der Freiheit singen (V. 30). Sie werden metaphorisch als „diese freie Presse“ (V. 32) bezeichnet und der richtigen freien Presse (V. 33) gegenübergestellt; am Ende sollen sie aus stumpfen Kugeln wieder zu scharfen Lettern (Lettern, mit denen man scharfe unzensierte Texte druckt – Kontrast, V. 35) werden.
Folgende Einzelheiten sind noch zu beachten: Der Gedanke (in Texten) soll eigentlich über die rohe Kraft (in Kugeln) siegen (Kontrast, V. 25), doch „man“ verhindert das (durch Verhaftung der Autoren) und zwingt die Bürger zu revoltieren (V. 26) – Argumentation im Schema Zwar-Aber (V. 25 f.), womit der Kampf legitimiert wird. Die Letternkugeln werden persönlich angesprochen (V. 27-35) und erhalten ihre Aufträge; sie werden so personifiziert. Als Kämpfer sind sie „trotzige Schriften“ (V. 29, das alte Bild), sie singen im Kampf ein raues Lied (V. 30).Hufe / Hörner“ (V. 38) zusammen mit „Hallender“: Alliteration des Kampflärms.
Der Meister wird in seiner Rede an die Lettern unterbrochen; die Revolution hat begonnen, wie er seinen Gesellen erklärt (V. 36 ff.); er fordert sie auf, sich rasch in den Kampf zu stürzen (V. 39). Der Erzähler berichtet kurz begeistert vom Beginn der Kämpfe (V. 40): „Das ist Revolution!“ (V. 40) Dieser letzte Satz ist emphatisch, betont, voller Begeisterung zu sprechen.
[Ein anderes Revolutionsgedicht, vom März 1848, ist „Schwarz-Rot-Gold“, s. https://archive.org/details/gedichte03unkngoog/page/n270/mode/2up!]

https://archive.org/details/gedichte03unkngoog/page/n416/mode/2up (2. Band, Freiligraths politische Gedichte, ab 1844)
http://www.zeno.org/Literatur/M/Freiligrath,+Ferdinand/Gedichte (Freiligrath: Gedichte, mit einigen Fehlern)
Ferdinand Freiligrath
Vormärz
https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz
https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland
https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/
Sonstiges
https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)
https://de.wikipedia.org/wiki/Muskete (Muskete)

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