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Sonntag, 5. Juli 2020

Robert Eduard Prutz: Sie säh'n es gern, ich würde kirre - Text und Analyse


Robert Eduard Prutz: Sie säh‘n es gern, ich würde kirre (1844)

Sie säh’n es gern, ich würde kirre
Und beugte stumm mich niederwärts;
Sie machten gern mein tapfres Herz
In seinem stolzen Glauben irre.

Sie sagen mir: es ist vergebens,
Du änderst nicht den Lauf der Welt,
Knecht bleibt sie doch!
Nur dir vergällt
Hast du den Sommer deines Lebens.

Wohl, sei es so! Sich fügen lerne
Wem Fügsamkeit genügen kann,
Auch Demut schmücket ihren Mann;
Ich aber folge meinem Sterne.

Da hilft kein Rat, da ist kein Wählen,
Ich kann nicht anders, wollt’ ich auch:
Die Freiheit ist mein Lebenshauch,
Sie ist die Seele meiner Seelen!

So lasst mich meine Bahn vollenden,
Wie sie auch sei, mein Ziel ist mein;
Ja sollt’ es auch ein Irrweg sein,
Ich will ihn doch mit Ehren enden.
Das Jahr 1841 — für das Leben des Dichters besonders wichtig durch seine eheliche Verbindung mit der Tochter eines sächsischen Beamten — brachte auch die erste größere Arbeit von P., die mustergültige Monographie über den „Göttinger Dichterbund“. In der Hoffnung, sich durch dieses glänzende Beweisstück für seine wissenschaftliche Befähigung eine akademische Stellung erringen zu können, gründete P. seinen jungen Hausstand in Jena und verlebte dort glückliche Tage im Verkehr mit Gelehrten wie Göttling, Danz, Luden, K. Hase, aber nicht nur erreichte er sein Ziel nicht, sondern er erlebte das Schlimmste. Sein ungescheutes politisches Auftreten, die freundschaftliche Verbindung mit Herwegh, sogar mit Dahlmann(!) machten ihn den sächsischen Regierungen verdächtig, und als nun vollends ein gedrucktes Tischlied auf Dahlmann der in verwegener Weise hintergangenen Censur in die Hände gerieth, so fand sich der willkommene Anlaß, sich des Autors R. P. durch förmliche Ausweisung zu entledigen (1843). (Mähly, J., "Prutz, Robert" in: Allgemeine Deutsche Biographie 26 (1888), S. 678-682)
Man muss die oben beschriebene Situation des Autors Robert Prutz kennen, um sein Gedicht „Sie säh‘n es gern“ würdigen zu können: Ich lese also ohne Bedenken das Gedicht als persönliches Bekenntnis und lasse die von mir immer geforderte methodische Unterscheidung zwischen dem lyrischen Ich und dem Autor hier beiseite: meine Reverenz an Robert Eduard Prutz.
Das Ich spricht ohne erkennbaren Zuhörer; es wendet sich an alle – an die Öffentlichkeit, die man 1844 durch Zensur kontrollierte. Zunächst berichtet es, was „Sie“ von ihm erwarten (1. und 2. Strophe): Sie, das sind die Vertreter der Obrigkeit (vgl. V. 1 f.). Dem setzt es seinen Widerspruch entgegen: „Ich aber folge meinem Sterne.“ (3. Strophe). Warum es das tut, begründet das Ich in der 4. Strophe. So kann es zum Schluss getrost von seinem künftigen Leben sprechen.
Die vier Verse einer Strophe sind in einem umarmenden Reim miteinander zu einer Einheit verbunden. Jeweils zwei Verse machen eine semantische Einheit aus. Jeder Vers besteht aus vier Jamben, doch haben der erste und der vierte jeweils eine Silbe zusätzlich (weibliche Kadenz). Nach dem zweiten Vers ist vom Sinn und Satzbau her eine Pause zu machen (außer hinter V. 10), so dass für sinntragende Reime am ehesten die Verse 2/3 einer Strophe in Frage kämen – doch geht der Satz zweimal über dieses Versende hinaus (V. 3, V. 7: Enjambement) und lässt dabei das Reimwort isoliert stehen.
Was sie gern sähen (1. Str.) und was sie dementsprechend sagen (2. Str.), wird zunächst vom Ich berichtet. Sie sähen es gern, wenn das Ich sich schweigend unterwürfe (V. 2), wie der Großinquisitor es sogar von König Philipp forderte (Don Carlos). Das Ich erklärt, was ihm das bedeuten würde: kirre werden, also gefügig und zahm werden (V. 1). Recht unbestimmt wird das als Wunsch der Gegner wiederholt (V. 3 f.): das eigene Herz „in seinem stolzen Glauben“ irre machen. Aus dem Kontext ergibt sich, dass der stolze Glaube der Glaube an die Freiheit ist. Das Attribut „stolz“ bedeutet hier so viel wie selbstbewusst, sich selbst behauptend; wenn das Ich sein Herz hier als tapfer bezeichnet, so deutet es schon an, dass dieses Herz nicht nachgeben wird, dass es dem Kampf nicht ausweichen wird. Gegen die Erwartung ergeben die Verse 2/4 einen sinntragenden Reim: kirre werden / das Herz irre machen (das Gleiche).
Wie die Gegner ihre Erwartungen an das Ich begründen, haben sie ausdrücklich gesagt (2. Str.); sie weisen es auf die Vergeblichkeit seiner Hoffnungen hin und begründen den Hinweis mit dem Gemeinspruch, dass ein Einzelner die Welt nicht verändern kann (V. 6). Der nächste Satz erklärt, was das bedeutet: Die Welt bleibt Knecht der Herrschenden (V. 7). Die Gegner weisen auch auf den Preis hin, den das Ich persönlich für seine vergeblichen Hoffnungen zu zahlen hat (V. 7 f.): Es verliert, ohne dass die Welt etwas gewönne. Da hinter V. 5 ein vollständiger Satz endet (enden könnte), ergibt sich wieder ein sinnvoller Reim: Vergeblichkeit des Bemühens / eigenes Scheitern (Entsprechung, V. 5/8).
Auf die Drohung des eigenen Scheiterns antwortet das Ich tapfer (vgl. V. 3): „Wohl, sei es so!“ (V. 9) Es akzeptiert also persönliche Nachteile und sagt damit indirekt: Ich beuge mich nicht! Explizit sagt es: „Ich aber folge meinem Sterne.“ Diese sprichwörtliche Wendung, der Leitsatz des Ich, geht auf die Erzählung von den drei Weisen (Königen, Magiern) aus dem Morgenland zurück, die ihrem Stern folgten und so zu Jesus als dem neuen König fanden (Mt 2,1-12). Das Bild setzt voraus, dass ringsum Dunkel herrscht, dass der eigene Stern dann aber klar die Richtung weist, in die man zu gehen hat. Die Partikel „aber“ (V. 12) bezeugt, dass der Sprecher sich damit gegen die Regel absetzt, dass Fügsame sich fügen sollen (V. 9 f.); er gibt sogar zu, dass auch Demut (hier euphemistisch für Unterwerfung) ihren Mann schmücke (V. 11) – aber er selber will den von seinem Stern gewiesenen Weg gehen. In dieser Strophe ergeben die Verse 10/11 einen Sinn, der Reim bindet zwei Sätze von der Fügsamkeit aneinander. Wegen des Enjambements in V. 9 kommt in V. 9/12 kein sinnvoller Reim zustande.
Seinen Leitsatz begründet und entfaltet das Ich in der 4. Strophe. Die unwiderlegbare Begründung lautet: „Ich kann nicht anders“ (V. 14). Das ist das Wort, das Luther vor dem Reichstag in Worms gesprochen haben soll, in der Berufung auf das eigene Gewissen als die letzte Instanz. In den begleitenden Sätzen sagt das Ich, was das heißt: Seine Entscheidung ist absolut; kein guter Rat kann sie beeinflussen (V. 13), es hat keine andere Wahl (V. 13, V. 14). Der Leitsatz wird in den beiden folgenden Versen entfaltet: Es ist seine Verpflichtung auf die Freiheit, die das Ich unabdingbar bindet. Mit zwei Prädikaten umschreibt der Sprecher, was ihm Freiheit bedeutet: Sie ist das Leben, Unfreiheit (sich beugen, V. 2) wäre der Tod (V. 15); „die Seele meiner Seelen“ (V. 16) ist eine paradoxe Steigerung dafür, dass die Freiheit ihm der Kern des Selbst ist. Das ruft er laut in die Welt hinaus (Rufzeichen, V. 16). In den Versen 14/15 werden im Reim die Unabdingbarkeit der Entscheidung und das Bekenntnis zur Freiheit miteinander verbunden.
Eigentlich ist das Bekenntnis der Sprechers damit vollendet. Er wendet sich deshalb mit einer Aufforderung erstmals an seine Gegner, vielleicht auch an seine Bekannten oder einfach an die Öffentlichkeit, der Adressat ist nicht benannt: Lasst mich in Ruhe meinen Weg gehen! (V. 17) Er greift dabei auf das Bild vom Lebensweg bzw. vom Lauf auf der Rennbahn zurück, das bereits im Neuen Testament (2 Tim 4,7) auftaucht: „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet;“ mit dem Lauf ist ein Weg und ein Ziel verbunden, wobei das Ziel Lauf und Weg bestimmt. Auf das eigene Ziel, zu dem der Stern ruft (V. 12), beruft das Ich sich; das Ziel bestimmt nämlich den Weg (V. 18), und sein Ziel ist das Eigenste, was das Ich hat („mein Ziel ist mein“ ist nur scheinbar eine Leerformel). Die folgende Konzession (V. 19) ist rein hypothetisch im Konjunktiv II formuliert: Selbst wenn es so wäre…, sie bekräftigt so nur die Entschlossenheit des Ich, den eigenen Weg zu Ende zu gehen (V. 20). Das Adverbial „mit Ehren“ bedeutet nach meiner Lesart so viel wie: aufrecht, treu, unverbogen. V. 17/20 verbinden im Reim die Wünsche, den eigenen Weg zu vollenden.
R. E. Prutz verdient für sein Bekenntnis Respekt. Vgl. Theodor Storm: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“ Aber das können Krämerseelen, Kleinbürger und Karrieristen nicht verstehen. Vgl. auch noch G. Herwegh: https://gedichte.xbib.de/Herwegh_gedicht_An+einen+Bekannten+der+einen+Orden+erhalten+hatte.htm
Was Freiheit für Prutz bedeutet, hat er in folgendem Gedicht buchstabiert:

Was wir wollen (1842)

Und mögen wir auch noch so klar
    Von dem, was Not tut, sagen,
Und mögen noch so offenbar
    Der Freiheit Banner tragen:
Ihr lacht uns doch ins Angesicht
    Und zählt uns zu den Tollen,
Ihr denkt, wir wissen selber nicht,
    Nicht völlig, was wir wollen.

So merkt denn auf! Das Vaterland
    Soll fest zusammenhalten,
Vom Rhein bis an den Ostseestrand
    Selbstständig, unzerspalten;
Stets soll es vorwärts, vorwärts gehn,
    Und ob die Donner rollen,
Auf eignen Füßen soll es stehn -
    Das ist es, was wir wollen.

Wir wollen Fürsten, habet Acht!
    Die gern dem Volk vertrauen,
Und die die Säulen ihrer Macht
    Nur auf dem Recht erbauen;
Wir wollen Fürsten, die nicht gleich
    Um ein paar Verse schmollen,
An Schmeichlern arm, an Liebe reich -
    Das ist es, was wir wollen.

Wir wollen Völker, kühn und stark,
    Von keinem Joch gebogen,
Genährt von ihrer Vorzeit Mark,
    Zu Knechten nicht erzogen;
Wir wollen Völker, die nicht bloß
    Stets müssen und stets sollen,
Durch Krieg berühmt, durch Frieden groß -
    Das ist es, was wir wollen.

Wir wolln Gesetze, kurz und rund,
    Die klar und deutlich sprechen,
Und die auch keines Königs Mund
    Darf biegen oder brechen;
Wir wolln Gesetze, die dem Born
    Des Lebens frisch entquollen,
Der Bösen Zaum, der Guten Sporn -
    Das ist es, was wir wollen.

Wir wolln Minister (merkt‘s ihr Herrn!),
    Mit oder ohne Ahnen,
Wenn sie nur dem Jahrhundert gern
    Weit offne Straßen bahnen!
Doch wem des Volkes Liebe fehlt,
    Der soll vom Amt sich trollen,
Und ob er sechzehn Ahnen zählt -
    Das ist es, was wir wollen.

Wir wollen freie Wissenschaft,
    Zu lernen und zu lehren,
Und niemand soll des Denkers Kraft
    In ihrem Fluge wehren.
Wir wollen, dass man nicht den Geist,
    Den frischen, lebensvollen,
Nur Holz und Wasser tragen heißt -
    Das ist es, was wir wollen.

Und dann mein ewig A und O,
    Dass ich es nicht vergesse!
Denn ohne das wird niemand froh -
    Das ist die freie Presse;
Dass wir des Geistes Blüte nicht
    Bei der Zensur verzollen,
Das dünkt uns Recht, das dünkt uns Pflicht -
    Das ist es, was wir wollen.

Zuletzt noch eins, das ist ein Ton,
    Bei dem die Herzen schlagen,
Er heißt, er heißt - ihr kennt ihn schon,
    Ich darf ihn doch nicht sagen.
Wer wagt das Wort? wer nennt es hier?
    Fürwahr, ihr möchtet grollen:
Doch gebt nur das, so haben wir,
    Wir haben, was wir wollen.




Und weil es so schön ist, noch ein – von mir gekürztes – Gedicht R. Prutz‘:

Lügenmärchen (1842)

Jüngst stieg ich einen Berg hinan,
    Was sah ich da!
Ich sah ein allerliebstes Land,
Der Wein wuchs an der Mauer,
Und dicht am Throne, rechter Hand,
Stand Bürgersmann und Bauer.
    Wunder über Wunder!
        Keine Barone
        Neben dem Throne?
Unterdessen nimmt mich’s Wunder.

Und weiter stieg ich frisch hinan,
    Was sah ich da!
Kein Leutnant war, kein Fähnrich dort
Und kein Rekrut zu sehen,
Man wusste nicht das kleinste Wort
Von stehenden Armeen.

Das ganze liebe Land entlang,
In‘s Bad und auf die Messe,
Man reiste frei und reiste frank
Und brauchte keine Pässe.

Ein Jeder durfte laut und frei
Von Herzen räsonnieren,
Man wusste nichts von Polizei
Und nichts von Denunzieren.

Die Volksvertreter, Mann für Mann,
Da ging’s um Kopf und Kragen:
Doch dachte kein Minister dran,
Den Urlaub zu versagen.

Sah Poesie und Wissenschaft
Mit Lust die Schwingen breiten,
Und die Zensur war abgeschafft
In alle Ewigkeiten.

Ich sah die Weisen Hand in Hand,
Wie sie der Lüge wehrten,
Und wie für Recht und Vaterland
Mitkämpften die Gelehrten.

Im ganzen Lande keine Spur
Von Muckern und von Frommen,
Und Niemand kann durch Beten nur
Ins Ministerium kommen.

Ein jeder durft’ auf eignem Bein
Die ew’ge Wahrheit suchen,
Kein Pfaffe durfte kreuz’ge! schrein
Und von der Kanzel fluchen.
    Wunder über Wunder!
        Keine Barone
        Neben dem Throne?
        Glückliche Staaten
        Ohne Soldaten?
        Kein Passvisieren
        Und Schikanieren?
        Ohne Spione,
        Denkt euch nur: ohne?
        Ganz ungenierte
        Volksdeputierte?
        Freie Autoren
        Ohne Zensoren?
        Die Philosophen
        Nicht hinterm Ofen?
        Kein Pietismus,
        Kein Servilismus?
        Sanfte Theologen -
        Das ist gelogen!
Unterdessen nimmt mich’s Wunder.
(https://archive.org/details/gedichte01prutgoog/page/n363/mode/2up
Auch anlässlich der allgemeinen Begeisterung über die Vollendung des Kölner Doms lenkt Prutz den Blick darauf, dass die Freiheit wichtiger als der Kölner Dom ist: https://hor.de/gedichte/robert_eduard_prutz/dem_koenig_von_preussen.htm.


https://archive.org/details/gedichte01prutgoog/page/n7/mode/2up (Prutz: Gedichte, 4. Aufl. 1857; darin auch die Zeitgedichte – leider in Fraktur)
Robert Eduard Prutz
Vormärz
Sonstiges

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